Ex-Bundesminister Franz Müntefering riet beim Umgang mit dem Alter und mit Demenz zu Zuversicht und vorausschauendem Handeln. Im Brockenhaus wurde er mit großem Beifall begrüßt. Fotos: Reinhard Paul

Hanau

Müntefering wirbt in Hanau für Demenz-Lotsen-Projekt

Hanau. Ex-Vizekanzler Franz Müntefering war am Montag in Hanau zu Gast, um auf Einladung der Kathinka-Platzhoff-Stiftung für das Projekt der Demenz-Lotsen zu werben. Solche Projekte müssen laut Müntefering so selbstverständlich werden wie Erste-Hilfe-Kurse.

Von Jutta Degen-Peters

„Ich habe Angst, nicht zu wissen, worüber ich reden soll. Durch das Vergessen gemeinsamer Erlebnisse hat man das Gefühl, es wird immer von hinten etwas weggeschnitten. Eine Zukunft gibt es für mich nicht.“ Mit einem bewegenden kurzen NDR-Film über eine Alzheimer-kranke Frau begann gestern eine bemerkenswerte Veranstaltung, zu der die Kathinka-Platzhoff-Stiftung in das Brockenhaus eingeladen hatte.

Ex-Vizekanzler Franz Müntefering war als besonderer Gast nach Hanau gekommen, um für das Demenz-Lotsen-Projekt der Stiftung zu werben. In der von Philipp Engel (Hessischer Rundfunk) einfühlsam moderierten Podiumsdiskussion sprach der Sozialdemokrat neben der Neurologin am Hanauer Klinikum, Dr. Claudia Weiland, der Demenz-Patin, Ex-Oberbürgermeisterin Margret Härtel und OB Claus Kaminsky über die Sorgekultur in der Gesellschaft, über persönliche Betroffenheit und über Defizite im Gesundheitswesen.

Betroffene sollen offen über Demenz sprechen

Auf die Frage, wie das Bündnis für lokale Allianz eine Zukunft bekommen kann, hatte der Ex-Minister folgende drei Antworten parat: „Tabuisieren Sie das Thema nicht, reden sie drüber. Paare und Familien sollten sich früh um die Frage kümmern, wer im Krankheitsfalle was leisten kann. Außerdem riet er zu einer Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung. „Eine frühe Diagnose ist wichtig“, betonte Müntefering. Denn nicht jeder, der an Demenz leidet, habe Alzheimer. Rund ein Drittel der Betroffenen litten unter einer vaskulären Demenz, die mit Medikamenten aufzuhalten wäre.

Auch, wenn man nicht unbedingt von Prävention sprechen könne, sei „bewegen, bewegen, bewegen“ ein gutes Rezept. Wer den ganzen Tag im Liegestuhl liege und Kreuzworträtsel löse, tue zu wenig für die Gesundheit. „Die Bewegung der Beine ernährt das Gehirn.“ Im Übrigen riet der einstige Arbeits- und Sozialminister dazu. Die Zukunft auch im Alter mit Optimismus anzugehen.

Im Umgang mit Demenz sind alle gefordert

Das Projekt der Demenz-Lotsen sieht Müntefering als richtigen Weg. Hierbei werden von Kathinka-Platzhoff-Stiftung und dem Malteser Hilfsdienst Menschen im Umgang mit Personen mit Demenz geschult. Denn diese Erkrankung, das wurde auch bei der Diskussion deutlich, begegnet uns überall. Bäcker, Feuerwehrleute, Verwaltungsangestellte oder Busfahrer sind hier gefordert.

In den jeweils eintägigen Workshops wird den Teilnehmern vermittelt, welches die Merkmale der Erkrankung sind, erklärte Ex-OB Margret Härtel, deren Einsatz das Kommen von Franz Müntefering zu verdanken ist. Außerdem lernen die Lotsen, wie man den Betroffenen mit Ruhe und Einfühlungsvermögen begegnet.

Menschen müssen aufeinander zugehen

Nachdenklich stimmten die Worte der Demenz-Expertin am Klinikum Hanau, Dr. Claudia Weiland. Sie sprach unter anderem von einem Patienten, der in Strümpfen die Klinik unbemerkt verlassen hat. Er sei stundenlang durch die Stadt gelaufen, bevor er mit wundgelaufenen Füßen von einer Krankenschwester zurückgebracht wurde, die ihn auf dem Marktplatz entdeckte. Sie bezeichnete es als bedenklich, dass keiner der Bürger, denen der Mann aufgefallen sein muss, hier reagiert habe.

Wer sich nicht selbst die Zeit nehmen könne, behutsam auf einen verwirrten Menschen zuzugehen und sein Zuhause über die Polizei ermitteln zu lassen, der könne zumindest über das Handy die Polizei anrufen. „Wegschauen und Nichtstun ist die allerschlechteste Lösung“, mahnte die Ärztin und sprach bei der geschilderten Situation mit dem weggelaufenen Patienten gar von unterlassener Hilfeleistung.

Kaminsky: "Haben weiten Weg vor uns"

Das Wissen über die Krankheit und den Umgang mit Erkrankten müssten nach den Worten von OB Claus Kaminsky zum Basiswissen werden. „Da haben wir noch einen weiten Weg vor uns“, betonte er und lobte die Hanauer Strukturen und die Mittelbuchener Ärztin Dr. Maria Haas-Weber, die ebenfalls im Publikum saß. Ihr habe die Stadt zu verdanken, dass hier die Sorgekultur Zug um Zug ausgebaut wurde. Unter anderem verwies er auf Pflegeberatungszentren, an die sich Angehörige und Menschen hinwenden könnten, die von Berufs wegen mit der Erkrankung befasst seien.

Dr. Weiland stellte fest, dass in Familien häufig nicht wahrgenommen oder verdrängt werde, wenn etwa die Eltern dement geworden seien. Auf die Frage des Moderators, bei welchen Defiziten man genauer hinschauen müsse, sprach sie von zunehmend auftretenden Gedächtnislücken und sich häufenden Orientierungsproblemen. Sie forderte eine Aufwertung der Pflegeberufe. „Wenn wir für unsere dementen Eltern mehr wollen, als dass sie trocken liegen und nicht frieren“, müsse man mehr Geld in die Hand nehmen für mehr und besser ausgebildetes Pflegepersonal.

Müntefering fordert Tages- und Nachtpflege

Unter dem Beifall des Publikums sprach sich Franz Müntefering für Tages- und Nachtpflege in den Städten und viele niedrigschwellige Angebote aus, mit denen pflegende Angehörige unterstützt werden könne. Eine bessere Bezahlung und mehr Anerkennung der Pflegeberufe, für die er großen Respekt aufbringe, seien unerlässlich, wenn wir ohne Sorge in Zukunft blicken wollten. Außerdem forderte er mehr Schulungen von Bürgern zu Demenz-Lotsen: „Jeder, dem man die Angst nimmt, kann Betroffenen mit Ruhe begegnen.“

Nachdenklich stimmte auch der Auftritt von Manfred Wagner aus Mainz. Der Rentner pflegt seine an Demenz erkrankte Frau seit fast sieben Jahren rund um die Uhr. Anrührend schilderte er, wie sich der Zustand seiner Frau seit der Diagnose verschlechtert habe. Heute sei nur noch ihr Körper präsent, der Geist habe sich völlig verabschiedet. Der ehemalige Intensiv-Krankenpfleger füttert und windelt seine Frau. „Sie erkennt mich nicht einmal mehr“, sagte er unter Tränen und sprach davon, dass sich Bekannte und Freunde zurückgezogen hätten.

Sein großer Wunsch, sich drei Tage lang in einem Hotel einmal auszuruhen und Kraft zu tanken, gehe nicht in Erfüllung. Er finde keinen Pflegedienst, der seine Frau zufriedenstellend betreuen könne. Diese bewegenden Worte gingen allen ans Herz, OB Kaminsky versprach, sich für den Mainzer einzusetzen: Es muss möglich sein, die die guten Willens sind, zusammenzuführen!“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema