Tatort Niederzeller Straße 15: Die Polizei, informiert von der Angeklagten, fand die Männerleiche sechs Tage nach der Tat in einem Mehrfamilienhaus in Steinau. Archivfoto: Tim Bachmann (KN)

Hanau

Mit Motorsägen zerstückelt - Prozessauftakt gegen Angeklagte

Hanau/Steinau. „Alles, was Objektive hat, bitte jetzt aus“, erklärt der Vorsitzende Richter Dr. Peter Graßmück der zahlreich erschienenen Presse streng. Einige Kameraleute und Fotografen verlassen den Saal, andere suchen sich einen freien Platz auf der Pressebank.

Von Yvonne Backhaus-Arnold

Sie wollen den Auftakt zu einem der spektakulärsten Prozesse des Jahres 2018 nicht verpassen.

Tanja B. lässt den grauen Ordner sinken, der sie vor den Blicken und Objektiven geschützt hat. Ihr Blick huscht durch den fast leeren Zuschauerraum. Ob sie jemanden erwartet hat?

Tanja B. ist 35. Eine zierliche Frau mit gebleichtem blonden Haar. Sie trägt eine dünne Spange und einen Pferdeschwanz. Ihre dicke schwarze Jacke mit dem rosa Reißverschluss behält sie an. Tanja B. weiß, dass es heute nicht lange dauert.

Sechs Tage nach der Tat die Polizei informiert

Die Anklageschrift könnte Grundlage für einen Horrorfilm sein. Am 5. Juni 2018 soll Tanja B. ihren Lebensgefährten mit einem Küchenmesser getötet haben. Ohne Grund. 19,5 Zentimeter misst die Klinge, die später als Tatwaffe gesichert wird. 31-mal soll die Frau auf den 47-Jährigen eingestochen haben. Der Hals, der Nacken, der Oberkörper wurden getroffen, die rechte Halsschlagader durchtrennt. Fünf Stichwunden seien von hinten erfolgt, so Oberstaatsanwalt Dominik Mies bei der Anklageverlesung.

Martin P. wehrt sich, erliegt schließlich aber seinen Verletzungen. Um die Tat zu vertuschen, so Mies, soll Tanja B. den Leichnam mit zwei Elektro-Motorsägen zerteilt, in Mülltüten gepackt und im Badezimmer deponiert haben. Anschließend macht sie sich auf den Weg in ihre alte Heimat Dortmund, informiert die Polizei sechs Tage später über die Tat. Die Beamten finden schließlich den Leichnam.

Die Anklage lautet auf Totschlag. In Paragraph 212 des Strafgesetzbuches heißt es: „Wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein, wird als Totschläger mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft. In besonders schweren Fällen ist auf lebenslange Freiheitsstrafe zu erkennen.“

Von Chemnitz nach Steinau gezogen

Notwehr hatte Tanja B. angegeben, als sie die Polizei sechs Tage nach der Tat informierte. Notwehr, wiederholt auch Dr. Hans-Wolfgang Schnupfhagn im Gespräch mit unserer Zeitung. Der Anwalt gibt an, dass sich seine Mandantin am nächsten Verhandlungstag einlassen werde. Schon im Juni hatte sie erklärt, dass ihr Lebensgefährte sie mit dem Messer bedroht hatte. Sie habe ihn beruhigt, wenig später sei er erneut handgreiflich geworden. Er soll sie gewürgt haben. Tanja B. griff daraufhin nach dem Messer und stach zu.

Vielleicht berichtet sie, wenn sie tatsächlich aussagt, von ihrer zweiten Ehe, dem Leben in Chemnitz, dem Internetbetrug, der sie schließlich ins Gefängnis brachte. Die Reststrafe war Ende 2017 zur Bewährung ausgesetzt worden. Anwalt Schnupfhagn stand schon damals an Tanja B.s Seite. Einzige Auflage für die Bewährung: Keine Rückkehr zum Ehemann. Die junge Frau zieht nach Steinau, lebt fortan mit Helmut P. zusammen. Er ist ein Bekannter ihres Mannes, schickte B. schon damals Briefe in die JVA Chemnitz. Wenige Monate später setzt sie seinem Leben ein Ende.

Was genau am 5. Juni 2018 geschah, muss das Gericht ab 21. Dezember klären. Um 9 Uhr beginnt der nächste Verhandlungstag; bis Ende Januar sind fünf weitere terminiert. Anwalt Alexander Stumpf vertritt die Tochter des Getöteten, die in dem Prozess als Nebenklägerin auftritt, heute aber nicht vor Gericht erscheint. Wie es ihr geht, will eine junge Fernsehjournalistin von Stumpf wissen. Der Anwalt zögert ob der banalen Frage. „Sie ist traumatisiert“, sagt er mit Blick in die Kamera und packt zusammen.

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