Im Fokus der Medien: Sava-Sebastian J. soll im September vergangenen Jahres seine Chefin auf dem Buchwaldhof in Schöneck-Büdesheim ermordet haben. Seit Donnerstag muss er sich vor dem Schwurgericht verantworten. Foto: Thorsten Becker

Hanau/Schöneck

Mord auf Reiterhof: Angeklagter offenbart Täterwissen

Hanau/Schöneck. „Ich habe mir gedacht: Ich töte sie lieber – und fertig.“ Das soll der Hofhelfer Sava-Sebastian J. der Polizei kurz nach seiner Festnahme in Österreich zu dem grausamen Verbrechen auf dem Buchwaldhof in Büdesheim gesagt haben. Schon zu Prozessbeginn ist die Beweislast erdrückend.

Von Thorsten Becker

Bei seiner Festnahme soll er umfangreich „ausgepackt“ und gestanden haben, am 10. September 2018 seine Chefin Bianca H. (51) stranguliert und sie am Treppengeländer im Flur ihres Hauses aufgehängt zu haben.

Die Anklageschrift von Staatsanwalt Dr. Alexander Voigt hört sich an wie das Drehbuch eines eiskalten und – fast – perfekten Mordes: „Er hat am Morgen im Stall beschlossen, Bianca H. zu töten, und hat das Seil eines Heusacks in seine Tasche gesteckt.“

Als er seine Chefin traf, habe er vorgegeben, einen elektrischen Phasenprüfer zu benötigen und sei der 51-Jährigen ins Wohnhaus gefolgt. „Als sie sich über einen Werkzeugkasten gebeugt hat, hat er das Seil aus der Tasche genommen, es seinem Opfer um den Hals gelegt und zugezogen.“ H. habe vergeblich versucht, sich gegen den Angriff zu wehren. Sie fleht um ihr Leben: „Ich kann dir so viel Geld geben, wie du willst.“ Mit dem Seil um den Hals soll J. die Pferdehofbesitzerin in die Küche geführt haben. Dort, in einer Schublade versteckt, hätten 2520 Euro in bar in einem Umschlag gelegen.

Keine Gnade

Doch der junge Mann kennt offenbar keinerlei Gnade: „Es ist zu spät, ich brauche dein Geld nicht“, soll J. gesagt und fester zugedrückt haben. „Mit einem anderen Seil hat er eine Schlinge um den Hals gelegt und das Opfer am Treppengeländer aufgehängt. Alles sollte nach einem Suizid aussehen“, so der Staatsanwalt, der das Verbrechen als „Mord aus Heimtücke“ anklagt und ebenso das Verhalten von J. im Anschluss beschreibt: „Danach ist er wieder auf den Hof zum Arbeiten.“ So, als sei nichts gewesen.

Voigt hat sich das alles keineswegs zusammengereimt. Es sind die Aussagen von J. selbst. Er hat im Januar bei seiner Festnahme bei Wien ein umfassendes Geständnis abgelegt. Das Skurrile: Im Treppenhaus des Landeskriminalamts Niederösterreich stellt J. sein Verbrechen sogar vor den Augen der Kripobeamten nach und zeigt ihnen Schritt für Schritt, wie er die 51-Jährige an diesem Morgen umgebracht hat – alles dokumentiert auf Fotos, die als Beweismittel auf den Monitoren des Schwurgerichts gezeigt werden.

„Das war eindeutig Täterwissen“

„Er war sehr emotionslos, aber aussagewillig“, schildert der 32-jährige Kriminaloberkommisar H. der Hanauer Mordkommission die Festnahme und die erste Vernehmung von J., der alles „aus freien Stücken“ erzählt habe. Der Werkzeugkasten im Flur, die beiden unterschiedlichen Stricke, das Wissen um die große Geldsumme in der Küchenschublade – „Das war eindeutig Täterwissen“, sagt Ermittler H., der nur eines nicht eindeutig erfahren hat: „Es gab von ihm keine Begründung für die Tat.“

Selbst den Ort, an dem die mutmaßliche Tatkleidung liegt, hat J. verraten: Daher machten sich mehrere Hanauer Kriminalbeamte auf in den Heimatort von J. in den rumänischen Karpaten – und werden fündig.

Beinahe der perfekte Mord

Seltsam ist: Die große Bargeldsumme liegt noch komplett an Ort und Stelle in der Küchenschublade, als die Spurensicherung den Tatort unter die Lupe nimmt. Und im Sicherungskasten direkt am Tatort sei der komplette Strom ausgeschaltet gewesen.

Sollte es tatsächlich der „perfekte Mord“ sein? Folgt man der Aussage des Ermittlers, wäre es um ein Haar so weit gekommen. Denn der Kriminaloberkommissar hat vor dem „Wiedersehen“ mit J. in Wien bereits dreimal mit dem Hilfsarbeiter gesprochen – als Zeuge, auf den zunächst kein Verdacht fällt. Vor allem auch deshalb: „Alle schienen zufrieden mit seiner Arbeit gewesen zu sein und haben ihn als nett und hilfsbereit beschrieben.“

Wende im Winter

Denn die Hanauer Mordkommission hat im Herbst 2018 zunächst zwei ganz andere Männer im Visier. „Wir hatten zahlreiche Zeugenhinweise.“ Daher hätten sich alle Ermittlungen auf diese beiden Beschuldigten konzentriert, die sogar in amtlich angeordnete Wohnungsdurchsuchungen münden. Und der Kripo nur entlastendes Material liefern.

Die Wende in den Ermittlungen kommt dann im Winter. Ergebnisse eines Fasergutachtens des Landeskriminalamts führen zu einem ganz anderen Verdacht: Der dreimal befragte Zeuge könnte der mutmaßliche Täter sein.

Mögliches Motiv

Dass J. wenige Tage nach der Tat zunächst spurlos vom Buchwaldhof verschwindet, hat bis dato niemanden stutzig gemacht. Denn Bianca H. soll ihrem Hilfsarbeiter, mit dessen Leistung sie anscheinend unzufrieden war, zum 15. September gekündigt haben.

H. sieht wie Staatsanwalt Voigt dies auch als mögliches Motiv. „Wir haben alle Barzahlungen überprüft. Dabei wurde festgestellt, dass der Angeklagte über die sechs Monate hinweg wohl insgesamt 1700 Euro zu viel bekommen hat und davon zumindest 350 Euro zurückzahlen sollte“, sagt der Ermittler aus.

Zäher Auftakt und Medieninteresse

Der erste Verhandlungstag ist geprägt von einem großen Medienaufgebot sowie einem zähen Auftakt. Dabei fallen die beiden aus Köln angereisten Strafverteidiger von J. zunächst nur durch formal-juristische Beflissenheit auf. Sie fordern gleich die Unterbrechung des Prozesses für eine Woche, um die Umbesetzung der Schöffen zu überprüfen.

Einen Atemzug weiter widersprechen die Verteidiger der Vernehmung des ersten Zeugen mit der Begründung, sie seien für diesen Verhandlungstag „nicht darauf vorbereitet“. Der Angeklagte, der schon vor Prozessbeginn bitterlich weint, will laut Auskunft seiner Verteidiger am zweiten Verhandlungstag aussagen.

Das könnte Sie auch interessieren