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Über vier Wochen waren Geschäfte wie „Clemens Wohnen & Genießen“ geschlossen. Jetzt hoffen alle, dass die Zwangspause nicht zu lange nachwirken wird.

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Läden öffnen wieder: Hanauer Traditionsgeschäft hofft auf Ausgleich nach der Flaute

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Krisen-Modus war gestern, jetzt ist bei „Clemens Wohnen & Genießen“ am Marktplatz verhaltene Zuversicht angesagt. Ab Montag darf das Traditionsgeschäft mit einer Ladenfläche von 150 Quadratmetern, das Haushaltswaren, Wohnaccessoires und Dekorationsartikel verkauft, seine Pforten wieder öffnen.

 Seit am Mittwochabend die Lockerungen der coronabedingten Einschränkungen verkündet wurden, hat auch Geschäftsinhaberin Kerstin Keil einiges zu tun. Die Schutzmasken für das Personal sind bestellt, die Überlegungen, wie die „Zeit danach“ sich gestalten wird, sind in vollem Gange.

Keil, die selbstverständlich auf die Einhaltung der Hygieneregeln achten wird, glaubt nicht, dass Absperrungen oder Abstandsvorrichtungen erforderlich sind. „An den ersten Tagen nach der Öffnung werden die Kunden sicher nicht in Scharen kommen.“

Wegen Corona: Ostergeschäft fiel komplett aus

Wie sich die Lockerung auswirken wird, vermag Kerstin Keil heute noch nicht zu sagen. Denn die Einbußen, die sie und ihr Team wie so viele andere Geschäfte in Hanau und Umgebung haben hinnehmen müssen, sind erheblich. Wochenlang lag bei Clemens die Frühlings-Tischwäsche einsam im Regal, im Lager wartete die Oster-Deko vergeblich darauf, ausgepackt zu werden.

Und die Geschäftsfrau weiß nun nicht, wie groß ab Montag die Kauflaune bei den Kunden sein wird. „Uns ist alles weggebrochen, wir sind bei Null“, sagt Kerstin Keil.

Online-Shop keine Option für Traditionsunternehmen

Das von ihr geführte Familiengeschäft besteht seit 50 Jahren und hat mit der Vorbesitzerfamilie Clemens eine noch viel längere Tradition. Die 48-jährige studierte Kommunikations-Designerin hat mittlerweile für ihre sechs Mitarbeiterinnen, Voll- und Teilzeitkräfte, Kurzarbeit angemeldet und vor wenigen Tagen Soforthilfe beantragt. Auf Onlinehandel zu setzen, funktioniere nicht.

„Wir haben nie einen Onlineshop gemacht, die Leute unternehmen bei uns Impuls-Käufe“, erklärt sie das oft spontane Kaufverhalten ihrer Kunden. Die Frühjahrsware, die sie auf den zwei Messen zu Jahresbeginn geordert hatte, lag wochenlang im Laden. „Bezahlt ist die Frühjahrsware längst, wir sind dafür, wie das normal üblich ist, in krasse Vorleistung gegangen“, sagt sie.

Lockerung könnte gerade noch rechtzeitig für Frühlings-Geschäft kommen

Jetzt hofft sie, dass die für Montag angekündigte Wiedereröffnung noch rechtzeitig kommt, um eben diese Ware an die Frau und an den Mann zu bringen. Sonst könnten sich die Tischdecken und Kissenbezüge, die Geschirrkreationen und die Dekoartikel zu Ladenhütern entwickeln. Erfahrungsgemäß deckten sich die Käufer im Frühling gerne mit frischen, bunten Artikeln ein, bevor das Kaufverhalten im Sommer eine Pause einlege.

Und nach den Sommerferien richteten sich die Kunden gedanklich schon auf den bevorstehenden Herbst und Winter ein und machten es sich gerne kuschelig. Natürlich sind Geschäftsleute für Flauten gewappnet, sagt Kerstin Keil, und sie verfügten in der Regel über ein Polster, das über die schlimmsten Wochen hinweghilft.

Hanau besonders betroffen: Erst der Anschlag, dann Corona

Aber in diesem Jahr treffe es die Hanauer Geschäftsleute besonders hart: „Wir haben gesehen, wie sich das Attentat vom 19. Februar diesen Jahres ausgewirkt hat“, äußert sie ihre Skepsis. Fast vier Wochen lang habe sich die Stadt in einer Art Schockzustand befunden. Und direkt danach kam Corona.

„Damit ging es ans Eingemachte“. Der Humor ist Keil aller Krise zum Trotz nicht abhanden gekommen. Dass sie über vier Wochen zu Hause war, veranlasste sie zu dem Spruch: „Das ist der teuerste Urlaub, den ich je genommen habe!“ In diesem „Urlaub“ sei es ihr immerhin möglich gewesen, ihre beiden Kinder zu betreuen, während die Schule geschlossen war. Für die wochenlange Schließung brachte Kerstin Keil großes Verständnis auf, „es geht schließlich um unser aller Gesundheit“, sagt sie gegenüber unserer Zeitung.

Unverständnis über Regelungen für Discounter und Baumärkte

Verärgert war sie – und mit ihr unzählige weitere Geschäftsleute – dass mit zweierlei Maß gemessen wurde. Während inhabergeführte kleinere Läden geschlossen bleiben mussten, wurden bei Discountern und Baumärkten auch Haushaltswaren und Deko-Utensilien verkauft.

Vielleicht werten es die Kleinen als ausgleichende Gerechtigkeit, dass ab Montag die Geschäfte mit Ladenflächen unter 800 Quadratmetern öffnen dürfen, die größeren Geschäfte aber geschlossen bleiben müssen. Jetzt blickt Keil aber hoffnungsvoll nach vorne: „Wir öffnen jetzt einfach und freuen uns darauf“, sagt sie.

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