Hanau

Messerattacke in Kesselstadt: Notwehr oder versuchter Mord?

Hanau. „Ich bring dich um“, soll der Tatverdächtige Hakan Y. am Abend des 18. März mehrmals in der Röntgenstraße geschrien haben, während er laut Oberstaatsanwalt Dominik Mies mit einem Messer auf sein Opfer einstach.

Von Nicolas Obst

Nun steht der 34-Jährige vor der Schwurgerichtskammer des Hanauer Landgerichts unter Vorsitz von Richter Dr. Peter Graßmück. Der Tatvorwurf lautet versuchter Mord aus niederem Beweggrund. Hierbei ist es unstreitig, dass der Angeklagte den Geschädigten mit dem Messer gestochen hat. Große Unterschiede weisen allerdings die verschiedenen Darstellungen des Tathergangs auf.

Zu Beginn des Prozesses verliest Oberstaatsanwalt Mies die Anklage. Aus Sicht der Anklagebehörde soll Hakan Y. am Abend des 18. März herausgefunden haben, dass seine Frau eine Affäre mit einem anderen Mann habe. Weil Hakan Y. diesen Mann kennt, sei er zusammen mit seinem Schwager und seiner Frau in die Straße des Mannes gefahren, um ihn zur Rede zu stellen, heißt es. Nach einem kurzen Handgemenge habe der Tatverdächtige ein Messer gezogen und es unvermittelt in die Herzgegend des Opfers gestochen.

Nur durch eine schnelle Reaktion des Mannes, der gleichzeitig als Nebenkläger auftritt, konnte er seinen Arm gerade noch zwischen die 8,5 Zentimeter lange Klinge und seine Brust bringen. Sonst wäre das Messer in die Herzregion gelangt. Hakan Y. habe also mit voller Tötungsabsicht gehandelt und nach dem ersten Stich sogar noch versucht, einen zweiten Stich in die Kopfgegend zu setzen. Dieser scheiterte allerdings. Dieser Tathergang wird vom Opfer, das vom Gericht als Zeuge vernommen wird, bestätigt.

Verteidigt wird der Tatverdächtige Hakan Y. von den Rechtsanwälten Matthias Reuter und Gordian Habitzel. Zusammen lesen sie eine Einlassung ihres Mandanten vor. Wegen nicht ausreichender deutscher Sprachkenntnisse des Angeklagten, kann er nur mit Dolmetscher an der Verhandlung teilnehmen.

In der Einlassung erklären sie, dass Hakan Y. seit 2005 in Deutschland lebe und als Friseur in Frankfurt arbeite. Er führe ein harmonisches Familienleben und habe keinerlei Streitigkeiten mit seiner Frau. Er kenne das Opfer schon länger, dieser sei Fußballtrainer des Sohnes.

Täter bittet um Entschuldigung

Am Abend des Tattages habe Hakan Y. herausgefunden, dass seine Frau mit diesem Fußballtrainer eine Affäre habe. Der Angeklagte wollte mit der Frau des Opfers sprechen und ihr die eindeutigen Beweise der Affäre zeigen, heißt es in der Einlassung. Das Messer habe Hakan Y. nur mitgenommen, weil der spätere Geschädigte so kräftig sei. Dieser wäre dann beim Aufeinandertreffen ausgeflippt und auf Hakan Y. losgegangen. Der Angeklagte habe zu keinem Zeitpunkt vorgehabt, den Fußballtrainer zu töten; er selbst sei nach seinem ersten Stich schockiert gewesen.

Im weiteren Verlauf des ersten Verhandlungstages erfolgen Zeugenbefragungen, des Opfers, eines Polizeikommissars sowie der Frau des Angeklagten, die alle ihre Beobachtungen schildern. Nur einmal meldet sich der Angeklagte an diesem ersten Verhandlungstag zu Wort, auf Türkisch bittet er das Opfer um Verzeihung: „Ich bringe diese Worte aus tiefstem Herzen, ich entschuldige mich“, übersetzt der Dolmetscher. Unstreitig ist weiterhin, dass das Opfer nur durch eine Notoperation im Klinikum Hanau gerettet werden konnte.

Durch seine Abwehrbewegung mit dem Arm wurde eine Arterie getroffen. Bis heute kann der 35-Jährige seine Hand nicht richtig bewegen. Vermutlich ist mit einer dauerhaften orthopädischen Schädigung zu rechnen, zudem leidet er durch die Tat unter Angstzuständen und muss jede Woche von Psycho- und Physiotherapeuten behandelt werden. Seinen Beruf als Lagerist kann er nicht mehr ausüben, auch sein Fußballtrainerhobby musste er aufgeben. Deshalb fordert sein Anwalt Onur Türktorun ein Schmerzensgeld in Höhe von mindestens 12 000 Euro. Wie die Tat tatsächlich ablief, soll am nächsten Verhandlungstag durch das Gutachten einer Gerichtsmedizinerin genauer erörtert werden.

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