Zwischen Trauer und Wut: Die Angehörigen der Anschlagsopfer. Foto: Reinhard Paul

Hanau

10 000 Menschen beteiligen sich an Trauerzug am Sonntag

Hanau. Bereits Stunden vor dem offiziellen Beginn des Trauermarschs zum Gedenken an die Opfer des 19. Februar ziehen kleine Gruppen Richtung Weststadt. Die Initiative „Gemeinsam gegen Terror und Rassismus“ – ein Zusammenschluss aus türkischen Vereinen aus Hanau und muslimischen Gemeinden – hatte zu der Veranstaltung eingeladen.

Von Mirjam Fritzsche

Reisebusse parken in der Karlsbader Straße. Die Menschen kommen aus ganz Deutschland. Insgesamt rund 10 000 Demonstrationsteilnehmer laufen laut Polizeiangaben schließlich gemeinsam zum Marktplatz – ein überwältigender Anblick.

„Die Initiative ist am Donnerstagabend spontan gegründet worden“, erzählt Hauptorganisator Teyfik Oezcan im Gespräch mit unserer Zeitung. Oezcan lebt in Langen, ist hauptberuflich Unternehmer und schreibt als freier Journalist für türkischsprachige Medien. Die Nachricht aus Hanau, die ihn am Donnerstagfrüh erreicht, sei ein Schock gewesen. „Ich habe selbst eine 17-jährige Tochter, die Sisha-Bars besucht.“

Oezcan kommt mit 30 Gleichgesinnten zusammen, übernimmt die Organisation der Großveranstaltung. „Die letzten 48 Stunden habe ich wenig geschlafen. Aber ich finde es wichtig, jetzt Flagge gegen Rassismus zu zeigen“, sagt er.

Menschen kommen aus ganz Deutschland

Flaggen haben die Demonstrationsteilnehmer mitgebracht: Zu sehen sind pakistanische, afghanische, rumänischen, deutsche, aber in der Überzahl türkische Fahnen. Rüveyda Atli hält hingegen eine Rose in de Hand. Aus Frankfurt ist die junge Frau heute angereist. „Wir möchten zeigen, dass wir unsere Trauer und Wut über den Anschlag nicht einfach runterschlucken. So etwas darf sich nicht wiederholen“, sagt sie.

Mit ihr haben sich Tausende Menschen eingefunden. Der Trauermarsch ist riesig. Die Teilnehmer halten Fotos der Anschlagsopfer in ihren Händen, skandieren „Nazis raus“. Viele haben Tränen in den Augen. Diese Demonstration ist weniger bunt als die vom Samstag. In die Trauer mischt sich langsam auch Wut. Die Menschen, die hier protestieren, haben fast alle einen Migrationshintergrund.

Initiative will nicht spalten

Doch die neu gegründete Initiative will nicht spalten – im Gegenteil. Bei der Abschlusskundgebung auf dem Marktplatz stehen neben einem Vertreter der muslimischen Gemeinden in Hanau, auch der Dekan des evangelischen Kirchenkreises Martin Lückhoff und Niko Deeg für die Jüdisch Chassidische Kultusgemeinde Breslev Deutschland (Hanau) auf der Bühne. Gemeinsam üben sie den Schulterschluss gegen Terror und Rassismus.

Teyfik Oezcan bringt es auf den Punkt: „Wir sind vereint in Trauer und Zorn. Wir sind alle die Opfer, unabhängig von Nationalität und Glauben.“ Er ruft die Teilnehmer auf zu rufen: „Wir sind Deutschland.“

Oberbürgermeister Claus Kaminsky betont, dass dies die schwärzesten Tage sind, die Hanau in Friedenszeiten erlebt hat. „Die Opfer waren keine Fremden. Wir stehen an eurer Seite“, verspricht das Stadtoberhaupt.

„Wir alle sind die Opfer“ - Wut auf den Staat​

Zu den Rednern gehören auch der türkische Botschafter in Deutschland, Ali Kemal Aydin und Zekeriya Altug, der in der Runde die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, besser bekannt als Ditib, vertritt. „Wir wurden nicht zufällig Opfer. Wir sind anders als uns die Leitkultur haben möchte“, kritisiert Altug.

Viele fühlen sich vom Staat alleine gelassen. Sie fordern mehr Sicherheit für die Mosscheen. Auf Plakaten steht „Islamhetzte ist die Mutter aller Probleme.“ Die Wut bricht sich Bahn, als der Bruder des getöteten Gökhan als letzter Redner auf die Bühne tritt.

„Wie kann ein Land zulassen, dass so eine Partei wie die AfD gegründet wird? Nazis werden mit unseren Steuergeldern finanziert“, ruft er in die Menge und erntet viel Zustimmung bei den Teilnehmern. Die Kundgebung bleibt jedoch bis zum Schluss friedlich.

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