Hat er aus Notwehr gehandelt? Beim Prozessauftakt vor der 1. Schwurgerichtskammer gestand der Kenianer K., seinem ehemaligen Mitbewohner mit einem selbstgebastelten "Massai-Stab" in einem Streit gegen den Kopf geschlagen zu haben. Foto: Jasmin Jakob

Hanau

Massai-Prozess: Kenianer gesteht Tat - Motiv noch unklar

Hanau. „Als ich in die Dresdener Straße kam, sah ich einen Mann blutüberströmt auf dem Gehsteig liegen, seine Augen waren trüb. Ich dachte, er sei tot“, sagte Polizeioberkommissar R., der in der Nacht zum 13. Mai 2018 wegen einer Schlägerei zwischen zwei Männern in die Kesselstädter Weststadt gerufen worden war.

Von Jasmin Jakob

Am Dienstag saß er im Prozess um einen Kenianer, der versucht haben soll, seinen Mitbewohner mit einem „Massai-Stab“ umzubringen, auf der Zeugenbank der 1. Schwurgerichtskammer des Hanauer Landgerichts.

Jener Mann, den er schwerverletzt auf dem Bürgersteig gefunden hatte, saß ihm nun auf der Anklagebank gegenüber. Der Vorwurf gegen ihn lautet: versuchter Totschlag. Der Angeklagte K. gestand die Tat bereits zum Prozessauftakt, jedoch bleibt das Motiv weiterhin unklar. „Der Schlag steht fest“, bringt es sein Verteidiger, Rechtsanwalt Bernhard Zahn, auf den Punkt. „Jetzt muss es darum gehen, die äußeren Umstände des Schlags zu beleuchten, um zu ermitteln, ob es sich um Notwehr oder versuchten Totschlag gehandelt haben könnte.“ Auch sein Mitbewohner N. wird sich wegen gefährlicher Körperverletzung noch vor Gericht verantworten müssen.

Der Angeklagte, erklärt der Polizeioberkommissar, sei zunächst als Geschädigter geführt, die vorgefundene Situation sehr unübersichtlich gewesen. Was war am Abend des 12. Mai 2018 geschehen, in dessen Verlauf es zu der schweren Auseinandersetzung im Hausflur eines mehrstöckigen Mietshauses gekommen war? Bei K.s Schilderungen zum Tathergang zeigte sich die Kammer um den Vorsitzenden Richter Dr. Niels Höra sichtlich verwirrt.

Immer wieder neue Details

Der 47-Jährige wich aus, widersprach sich, musste immer wieder von vorne anfangen, immer wieder mit neuen Details. Drei geschlagene Stunden lang befragt die Kammer den Angeklagten zu diesem Punkt. Der Angeklagte war durchaus auskunftsfreudig, bemühte sich um die korrekte Reihenfolge, doch zu viel passte nicht genau zu den vorgefundenen Blutspuren im Treppenhaus, passte nicht zu den Zeugenaussagen in der Ermittlungsakte. Mit Blick auf die Uhr stellte der Vorsitzende Richter schließlich fest: „Hier kommen wir nicht weiter.“

Sämtliche Personen, die die Auseinandersetzung nach ihrer eigenen Aussage beobachtet haben wollen, weil sie sich vor ihren Augen im Hausflur zugetragen haben soll, verschweigt der Angeklagte. Darunter war auch die Nachbarin Z., die sieben Männer aus dem Haus gebeten haben soll, ihr beizustehen, als sie am späten Abend bei den Kenianern klingelte, um sich wegen des Lärms zu beschweren, der aus deren Wohnung drang.

Sie habe direkt neben den beiden Männern gewohnt. Wegen des abendlichen Krachs habe sie die Männer schon öfter ermahnt, Rücksicht auf ihre vier kleinen Kinder zu nehmen. Der Angeklagte habe sie direkt beleidigt, da habe sie sich mit ihm angelegt. Doch der Mitbewohner habe eingegriffen, habe K. geschubst und ihn zur Vernunft bringen wollen. Daraufhin hätte sich der Konflikt so zugespitzt, dass sie sich etwa eine Minute lang mit Fäusten geschlagen hätten und N. K. aus der Wohnung werfen wollte.

Motiv weiter unklar

K. habe schnell am Boden gelegen, sei dann in die Wohnung geflüchtet und mit einem Holzknüppel, an dessen Ende ein Metallstück angebracht war, wiedergekommen. „K. holte dann so seitlich aus“, die Zeugin zeichnet die Bewegung mit ihrem eigenen Arm nach, „und schlug N. damit gegen den Kopf. Mir kam es nicht so vor, als ob N. mit dem Schlag hätte rechnen können“, sagt die 38-Jährige. Er habe ganz erschrocken „why?“ gerufen. Immer wieder.

„Dann ging's los mit der Kämpferei. N. ist wie eine Raubkatze auf ihn losgegangen.“ Gemeinsam mit einem Nachbarn sei es ihm gelungen, K. den Stab abzunehmen. Doch der Kampf sei weitergegangen. N. habe demAngeklagten mit einem Werkzeugkoffer gegen den Kopf geschlagen, ihn gewürgt und mit weiteren Schlägen schwer am Kopf verletzt. „Ich stand unter Schock. Alles war voller Blut“, sagte sie. Dreimal habe die Nachbarin die Polizei gerufen: „Wenn Sie nicht schnell kommen, liegt gleich eine Leiche in unserem Flur“, habe sie aufgeregt ins Telefon gerufen. Alles sei sehr schnell gegangen.

K. hatte den Streit mit seinem Landsmann noch anders dargestellt. Alles habe in der gemeinsamen Wohnung stattgefunden. Als er N. mit der unaufgeräumten Küche konfrontiert habe, hätte dieser ihm eine Kopfnuss gegeben. Die Reaktion irritierte die Kammer, sie hakte nach, doch auch K. konnte sie nicht erklären. Sie hätten sich im Wohnungsflur mit Fäusten geprügelt, wobei ihm ein Zahn ausgeschlagen worden sei, erzählte er. Dabei legte er den Finger an die Lücke zwischen seinen Schneidezähnen und zeigte, wo er gewesen sein soll.

Nutzung nicht gewollt

„Dann hab ich gemerkt, dass ich das nicht schaffe, gegen ihn zu kämpfen. Er hat mich auf mein Zimmer verfolgt, wo ich mich mit dem Stock wehren wollte“, sagte K. Kurz darauf hieß es jedoch: „Ich wollte ihn mit dem Stock einschüchtern, vertreiben, bin trotzdem auf ihn zugegangen.“ Sein Mitbewohner habe ihn, nachdem er ihn mit dem Stock getroffen habe, bewusstlos geschlagen und er sei wenig später gegangen. Den „Massai-Stab“ habe er nicht als Waffe benutzen wollen. Er habe ihn mit gefundenen Materialien selbst gebastelt, um ihn seinem 19-jährigen Sohn nach Kenia zu schicken.

Er wachse nämlich, wie auch K. in seiner eigenen Kindheit, in einem Massai-Stamm auf und bräuchte ähnliche Waffen, um die Rinder der Familie zu bändigen. Dazu habe er ein Lkw-Radlager, das er auf der Straße aufgelesen habe, an einem kaputten Besenstiel angebracht. „Solche runden, glänzenden Kugeln findet man bei uns nicht oft“, begründete er das ungewöhnliche Geschenk. Er habe ganz bestimmt nicht beabsichtigt, seinen Mitbewohner zu töten.

Nun bleibt zu klären, wer die Auseinandersetzung begonnen hat und ob K. aus Notwehr gehandelt haben könnte. Zu diesem Zweck wird die Verhandlung am Diens-tag, 26. November, fortgesetzt. Dann werden ein Sachverständiger sowie weitere Zeugen vernommen, wie etwa der ehemalige Mitbewohner, aber auch die Ärzte, welche die Verletzungen der Tatbeteiligten diagnostiziert haben.

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