Das Urteil gegen den Angeklagten (links) ist rechtskräftig. Foto: Rainer Habermann

Hanau

Massai-Prozess: Bewährungsstrafe für den Angeklagten

Hanau. Der Kenianer Z.K., der am 13. Mai 2018 einen Landsmann in einem gemeinsam bewohnten Appartement in der Dresdener Straße mit einem „Massai-Stab“ schwer am Kopf verletzt haben soll und dem die Staatsanwaltschaft deshalb in der Anklage versuchten Totschlag vorwarf, ist für schuldig befunden worden.

Von Rainer Habermann

Das 1. Schwurgerichtskammer des Hanauer Landgerichts unter Vorsitz von Dr. Niels Höra verurteilte den Angeklagten zu einer zweijährigen Haftstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt ist.

Dies allerdings nicht wegen eines versuchten Tötungsdelikts, wie Staatsanwalt Matthias Pleuser noch in seinem Plädoyer verlangt hatte, sondern „nur“ wegen gefährlicher Körperverletzung mit einer Waffe: eben dem „Massai-Stab“. Bereits Pleuser räumte dem Angeklagten jedoch verminderte Schuldfähigkeit zum Tatzeitpunkt ein.

Keine Rechtfertigung für ein Tötungsdelikt

Z.K. hatte immerhin über zwei Promille Alkohol im Blut, als er in jener Nacht gegen 0.30 Uhr mehrfach auf sein Opfer einschlug und ihn einmal seitlich am Kopf traf. Mit einem Holzstab, auf den ein Lkw-Radlager gesteckt war und den er eigentlich für seinen 19-jährigen Sohn gebastelt hatte, damit der ihn in seinem Massai-Dorf zum Rinderhüten verwenden könne.

Die gesamten Tatumstände rechtfertigten am Ende kein Urteil wegen eines versuchten Tötungsdelikts, wie Höra in seiner ausführlichen, rund einstündigen mündlichen Urteilsbegründung erklärte. Z.s Verteidiger, Rechtsanwalt Bernhard Zahn, hatte zuvor auf Körperverletzung plädiert und eine wesentlich geringere Freiheitsstrafe von neun Monaten auf Bewährung gefordert. Beide, Staatsanwalt wie Verteidiger, verzichteten am Ende auf das Einlegen von Rechtsmitteln, sodass das Urteil rechtskräftig ist.

Zeugen hielten Verurteilten erst für das Opfer

Dies zu fällen, erschien dem Gericht nicht einfach. Immerhin fünf unterschiedliche Versionen über den Tatablauf habe der Angeklagte im Laufe seiner langen und geständigen Einlassungen geliefert, wie Höra schilderte. Was sicher ist: Auch der Geschädigte, ebenfalls Kenianer, bei dem Z.K. zur Untermiete wohnte, habe gestritten, geboxt, den Angeklagten auch gewürgt und mit einem fünf Kilo schweren Werkzeugkoffer ebenfalls schwere Verletzungen zugefügt.

Z.K. war in ersten Ermittlungen der Polizei, die von Zeugen zum Ort der Auseinandersetzung gerufen worden war, sogar noch als Geschädigter geführt worden. Weil er so zugerichtet war – wie es ein Polizist als Zeuge schilderte, dass man von einer Tat seines Opfers ausgegangen wäre. Anlass für den Streit zwischen den beiden Kenianern aber war ein lautes Telefonat auf dem Balkon des Appartements, das die Nachbarn auf den Plan rief. Z.K. hatte gerade erfahren, dass seine Ehefrau in Kenia von einem anderen Mann schwanger war. Und echauffierte sich entsprechend lautstark.

Angeklagter sei vorher nie aggressiv aufgetreten

Ein Bekannter seines Vermieters, ebenfalls in der Wohnung anwesend, und eine Nachbarin beschwerten sich, und der Hauptmieter forderte Z.K. auf, die Wohnung zu verlassen. Das interpretierte der stark Angetrunkene als Rausschmiss aus der Wohnung und reagierte seinem Zustand entsprechend. „Erheblicher Steuerungsverlust“ nennt sich das im Psychologen-Deutsch, die Juristen wissen, dass darin Milderungsgründe liegen.

Auch das Opfer, das sich faktisch mit Z.K. geprügelt hat, und weitere Zeugen hatten laut Höra eingeräumt, dass sie den Angeklagten nie zuvor derart aggressiv erlebt hätten. Sechs Monate hatte Z.K. bereits in Untersuchungshaft verbracht, bevor er bis zum Prozess auf freien Fuß gesetzt wurde. So kam das Gericht schließlich zu seinem gestern gefällten Urteil mit Bewährung. Es sei für Z.K. „ganz sicher ein Ausnahmefall gewesen“, so Höra.

120 Arbeitsstunden in den ersten vier Monaten der Bewährung

Dennoch handle es sich um keinen minderschweren Fall, wohl aber gebe es einige Milderungsgründe bei einem möglichen Strafrahmen von sechs Monaten bis zu zehn Jahren. Die Bewährungszeit für Z.K. dauert drei Jahre, ihm wird für die gesamte Zeit ein Bewährungshelfer zur Seite gestellt. Außerdem muss der Verurteilte 120 Arbeitsstunden in einer Sozialeinrichtung innerhalb der ersten vier Monaten seiner Bewährung ableisten.

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