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Hanauer Anwältin sieht Bildung als Schlüssel zur Toleranz

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Von: Jutta Degen-Peters

„Die Begegnung“ heißt eines der Bilder in der Rechtsanwaltskanzlei der Hanauer Familienrechtlerin Zümrüt Turan-Schnieders.
„Die Begegnung“ heißt eines der Bilder in der Rechtsanwaltskanzlei der Hanauer Familienrechtlerin Zümrüt Turan-Schnieders. © Jutta Degen-Peters

Die in Ankara geborene Hanauer Familienrechtlerin Zümrüt Turan-Schnieders berichtet von ihren Erfahrungen mit Diskriminierung. Für sie ist die Rassismus-Debatte zu undifferenziert.

Hanau – „Die Begegnung“ heißt eines der Gemälde im Wartebereich der Kanzlei von Zümrüt Turan-Schnieders. Es zeigt zwei Menschen, die voreinander stehen. Ihre Körperhaltung – ob es Frauen oder Männer sind, weiß man nicht – drückt Offenheit und Zugewandtheit aus, Neugierde und Respekt, gleichzeitig aber auch Vorsicht und Zurückhaltung. Die in Ankara geborene Mutter zweier erwachsener Söhne, die seit ihrem 13. Lebensjahr in Deutschland lebt, beschäftigt das Miteinander in der Gesellschaft nicht nur von Berufs wegen. Die Familienrechtlerin eröffnete vor 31 Jahren ihre Kanzlei in der Brüder-Grimm-Stadt und vertritt türkische wie deutsche Mandanten. Darunter sind auch Frauen aus dem Frauenhaus, die Gewalterfahrungen gemacht haben.

Nach Deutschland gekommen ist die Tochter eines Lehrers und einer Lehrerin 1973. Vier Jahre später hatte sie, damals das einzige türkische Mädchen an ihrem Gymnasium, ihr Abiturzeugnis in der Tasche. Ihr Vater hatte sie gleich nach ihrer Ankunft am Goethe-Institut zum Deutschkurs angemeldet, wohl wissend, dass die Sprache der Schlüssel zum Erfolg ist.

Hanauer Anwältin: Diskriminierung im Referendariat erfahren

Die Eltern gaben ihr Selbstvertrauen, sie biss sich durch die Anfangsjahre, hatte eine Lehrerin, die an sie glaubte, und machte ihren Weg. Auf gönnerhafte Sätze wie „Das wurde den Migranten von der deutschen Gesellschaft ermöglicht“, reagiert sie allergisch. „Ich habe die Chance bekommen, ja. Aber ich habe auch selbst etwas geleistet!“

„Das Gefühl, nicht dazuzugehören, hatte ich damals nicht“, sagt die Juristin nachdenklich. Dumme Sprüche wie „Sprich nicht mit der, die Brüder stechen dich sonst ab“, hätten sie nicht wirklich getroffen. „Ich habe doch gar keine Brüder“, habe sie damals entgegnet und beschreibt ihre Einstellung der damaligen Zeit mit dem Satz „Dem Reinen ist alles rein“. Diskriminiert gefühlt aufgrund ihrer Herkunft habe sie sich erst im Referendariat, wo männliche Kollegen Zweifel äußerten, ob sie alles richtig verstehe. Wenn sie in den Studienjahren Diskriminierung erfahren habe, habe diese eher ihrem Geschlecht gegolten.

Vor 37 Jahren hat sich Turan-Schnieders bewusst für das Leben in Hanau entschieden, einer kleinen Stadt, in der die Menschen sich kannten, und zog von Berlin hierher. „Manchmal fühle ich mich türkisch, und manchmal fühle ich mich deutsch“, sagt sie und lacht. Die Türkin in ihr melde sich dann zu Wort, wenn ihre Gastfreundschaft mit dem Bedürfnis von Besucherinnen kollidiere, ihr bloß keine Umstände zu machen. Frage sie ihre beiden Söhne, was an ihr deutsch sei, antworteten diese „alles!“

Rassistischer Anschlag vom 19. Februar: Hanauer Anwältin lobt Verhalten der Stadt

In der Kanzlei der Rechtsanwältin hängt auch ein Bilderzyklus der Hanauerin Almut Knebel mit den Namen der Frau und der Männer, die bei dem Anschlag am 19. Februar 2020 in Hanau getötet wurden. Der Anschlag, so hat sie es in einem Interview in der feministischen Rechtszeitschrift „Streit“ beschrieben, in deren Team sie als Redakteurin mitarbeitet, habe sie und ihre Söhne fassungslos gemacht. „Die ganze Stadt fiel in eine Art Lähmung“, erinnert sie sich. Eine Lähmung, aus der alle nur schwer wieder herausgefunden hätten.

Wie in dieser Situation der Oberbürgermeister reagiert habe, wie die Stadt zusammengestanden habe, sei wohltuend gewesen. „Hanau hat sich wirklich vorbildlich verhalten. Dass schon wenige Stunden nach dem Anschlag ein Opferbeauftragter benannt und ein Krisenstab einberufen wurde, hat den Angehörigen, hat der ganzen Stadt gutgetan. Als am Abend des 20. Februar rund 6000 Menschen auf dem Marktplatz zusammenkamen, hatte ich das Gefühl, wir sind eine Stadt, wir halten zusammen.“

Rassismusdebatte: Polizei in Hanau hat größten Quantensprung gemacht

Seit dieser Zeit habe sich etwas verändert. Bei vielen Frauen und Männern mit Migrationsgeschichte, die ihre Zugehörigkeit gegenüber Nicht-Migranten früher immer wieder bekräftigen mussten, sei ein trotziges „Jetzt erst recht“ zu bemerken. Seither werde die Debatte über Rassismus besonders heftig geführt. Nicht immer zielführend. Die Menschen schauten zu sehr nach den anderen und zu wenig nach sich selbst. „Hanau ist ein Spiegelbild der Gesellschaft, auch in puncto Rechtsextremismus“, gibt die Juristin zu bedenken. Die Diskussion sei bisweilen zu undifferenziert. Da würden Feindbilder aufgebaut, wo der konstruktive Dialog nottue.

Die Polizei, so ist Turan-Schnieders überzeugt, habe bezüglich der Rassismusdebatte den größten Quantensprung gemacht. Bei allen Fehlern, die es dort immer noch gebe, sei die Sensibilität bemerkenswert, wie in Hanau reagiert werde. Meist gehe die Polizei mit Augenmaß und Fingerspitzengefühl vor, schicke bei Familien mit Migrationshintergrund immer eine weibliche Beamtin mit und reagiere viel schneller, als das noch früher der Fall war.

Diskussion über das Zusammenleben: Wahl-Hanauerin verärgert über Pauschalisierungen

Nicht nur aus diesem Grund ärgert sich die Wahl-Hanauerin bei der Diskussion über das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund über Pauschalisierungen. Wenn man Buntheit als Feindbild betrachte, komme die Gesellschaft nicht weiter, gibt sie zu bedenken. Versäumnisse in der Bildungspolitik der Vergangenheit hätten ihre Spuren hinterlassen.

Als Beispiel führt sie den Umgang mit den nachgezogenen Ehefrauen der damaligen „Gastarbeiter“ an. Frauengruppen hätten hier schon vor 40 Jahren darauf hingewiesen, dass man sich um diese Gruppe kümmern müsse. Statt verpflichtender Sprachkurse und Bildungsangeboten seien gemeinsame Kochevents veranstaltet worden. „So blieb eine ganze Frauengeneration unsichtbar, wir haben sie verloren“. In der Folge hätten sie – oft auch aus wirtschaftlicher Notwendigkeit oder weil es der Ehemann so wollte – ihre Kinder nicht in den Kindergarten geschickt und mit ihnen zu Hause nur Türkisch gesprochen. Viele der Kinder bekamen später nur eine Empfehlung für die Hauptschule.

„Je reflektierter jemand ist, desto besser kann er die Vorzüge dieser Vielfalt erkennen.“ Daher sei Bildung das A und O bei dem Bestreben, ein offenes und tolerantes Miteinander zu erreichen. Da müsse in allen Bereichen viel mehr passieren. „Wenn ich etwas zu sagen hätte, würde ich bei der Bildung anfangen. Im Kindergarten, in der Schule, in allen Bereichen.“ (Jutta Degen-Peters)

„Wie bunt ist Hanau?“

Alle bisherigen Teile unserer Serie „Wie bunt ist Hanau?“ sind nachzulesen unter hanauer.de. Die Serie, die das Miteinander in Hanau thematisiert, endet am Samstag, 19. Februar. Morgen lesen Sie über den Afghanen Amin Khawari, der vor sieben Jahren aus dem Iran nach Deutschland kam.

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