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Vom Wandel der Kriegsmoral: Wie Angriffe auf die Bevölkerung hoffähig wurden

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Eine einzige Wüste aus Asche, Trümmern und vereinzelt erkennbaren Fassaden oder Wänden: So bot sich das Bild der zerstörten Hanauer Innenstadt im Frühjahr 1945 dem Auge des Betrachters dar.
Eine einzige Wüste aus Asche, Trümmern und vereinzelt erkennbaren Fassaden oder Wänden: So bot sich das Bild der zerstörten Hanauer Innenstadt im Frühjahr 1945 dem Auge des Betrachters dar. © Werner Kurz (Archiv)

Am 19. März jährt sich die Bombardierung Hanaus zum 75. Mal. Wir werfen einen Blick zurück.

Bei den alljährlichen Feierstunden zum Gedenken an den 19. März 1945, dem wohl schwärzesten Tag in der Geschichte Hanaus, war viele Jahre in den Ansprachen die Rede von der Zerstörung der Stadt als „notwendiger Konsequenz“ aus den Verbrechen des Hitler-Regimes. Was dieses System für Deutschland, für die Völker Europas bedeutete, braucht hier nicht diskutiert zu werden. Wir wissen es. 

Der Tod von über 2000 Hanauern allerdings – meist waren es Frauen, Kinder, Alte, auch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, die Männer waren ja an der Front – wurde damit Jahrzehnte lang so hingestellt, als seien die Toten selbst an diesem Schicksal Schuld gewesen. Die Zerstörung Hanaus war aber nicht die Schuld der Opfer, sie war vielmehr eine logische Folge aus der Entwicklung der Militärstrategien im frühen 20. Jahrhundert. Von Kaiser Wilhelms Nibelungentreu von 1914 führt eine direkte Spur zum 19. März 1945. 

Eine lange Hanauer Totenliste

1995, zum 50. Jahrestag, gab es im Neustädter Rathaus eine Ausstellung mit Luftbildern von der fortschreitenden Zerstörung Hanaus im Bombenkrieg bis zum bitteren Ende am 19. März 1945. Damals gab es eine Demonstration gegen diese Ausstellung, sie huldige einem „nationalen Opferkult“, befand der damalige Grünen-Chef Elmar Diez, die Autoren der Ausstellung verweigerten sich der inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Ursachen für die Zerstörung Hanaus. Zehn Jahre später forderten die Hanauer Grünen, eben jene „doch so fragwürdige Ausstellung“ künftig jedes Jahr zu zeigen. Damals hatte Jörg Friedrich mit seinem 2002 erschienen Buch „Der Brand“ eine Diskussion um die zivilen Opfer des Luftkriegs entfacht. Wer, so fragte Friedrich, trägt die moralische Verantwortung für den Tod von Menschen, wie sie etwa in den Hanauer Totenlisten verzeichnet sind: „Fritz Zeiger, etwa 60 Jahre alt, Kirchstraße 1“ oder dem „Kind Heilmann, etwa 1–2 Jahre alt Nürnberger Straße 28“ oder jener drei nur als „Russen“ bezeichneten Toten aus der Rosenstraße 7. 

Natürlich hatte Deutschland einen mörderischen Krieg entfesselt, der letztlich ins eigene Land zurückgekommen war. Aber: Kann es Mittel der Kriegführung zu dem „guten Zweck“ nämlich der Beseitigung einer Diktatur sein, die Zivilbevölkerung zu terrorisieren in der Hoffnung auf eine kriegsentscheidende Schwächung des Regimes? Sind Terror aus der Luft, die unterschiedslose Bombardierung von militärischen und zivilen Zielen überhaupt ein Mittel des Krieges zwischen zivilisierten Völkern? Man wird nun sofort sagen: Nazi-Deutschland, war das überhaupt ein zivilisiertes Land? Wo man Millionen in die Gaskammern schickte und die halbe Welt mit Krieg überzog? Was zivilisierte Völker betrifft, so hat man sehr wohl zu Beginn des 20. Jahrhunderts internationale Verträge geschlossen, die regelten, was es bei einem Krieg zwischen zivilisierten Völkern zu regeln gab. 

Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg

1907 wurde in Den Haag die „Haager Landkriegsordnung“ unterzeichnet. Sie gibt dem Gemetzel, das jeder Krieg ist, eine juristische Form. Was ist erlaubt und was nicht, welche Waffen, welche Ziele, wie man Gefangene zu behandeln hat und mehr. Man wähnte sich, wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg auf dem Gipfel der Zivilisation, die dann in den Schützengräben vor Verdun ad absurdum geführt wurde. Diese Schützengräben des Ersten Weltkriegs, dieser ganze Regimenter fressende Stellungskrieg, haben durchaus etwas mit dem Terrorangriff auf Hanau am 19. März 1945 zu tun. Gehen wir 384 Jahre zurück. Die Hanauer saßen damals innerhalb der Mauern eines der modernsten Festungssysteme seiner Zeit. Kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg wurde unter Graf Philipp Ludwig die Stadt erstmals ein militärischer Ort von Rang mit Verteidigungsanlagen auf dem Stand der Militärtechnik. In jenem Jahr 1636 war Hanau vom Feind eingeschlossen: General Lamboy versuchte, die Festung Hanau auszuhungern, in die sich die Bewohner der umliegenden Dörfer geflüchtet hatten. Die Belagerer raubten nach dem Wallenstein-Motto „Das Heer ernährt sich selbst!“ In der Stadt wurden die Lebensmittel knapp. Soldaten wie Bürger litten Hunger. 

Blick auf den ausgebrannten Hafenblock: Im Vordergrund die von der Wehrmacht gesprengte Steinheimer Mainbrücke.
Blick auf den ausgebrannten Hafenblock: Im Vordergrund die von der Wehrmacht gesprengte Steinheimer Mainbrücke. © Werner Kurz (Archiv)

Oberst Wille schreibt in seinem Buch „Hanau im Dreißigjährigen Krieg“, dass es in Hanau bald keine Hunde und Katzen mehr gab, auch Ratten und Mäuse hatten Seltensheitswert. Krankheit raffte viele dahin, Soldaten und Bürger. Unterschiedslos trafen die Belagerung und die Pest jeden. Da technischer Fortschritt stets zuerst und vor allem in der Militärtechnik seinen Niederschlag findet, kamen mit der immer besseren Artillerie Festungen wie Hanau bald aus der Mode. Immer häufiger standen sich ab dem 18. Jahrhundert straff organisierte Heere auf freiem Feld gegenüber. Anders als in einer Festung war damit eine klare Trennung zwischen Zivilisten und Militärs möglich. Im gleichen Maße sank die Zahl der zivilen Kriegsopfer. Als Zivilist hielt man sich aus dem Krieg heraus, man beobachtete ihn allenfalls von den Kirchtürmen, wie es Caspar Caesar Leonhard in seiner Beschreibung der Schlacht bei Hanau von 1813 schildert. Kamen doch Zivilisten durch direkte Kriegshandlungen zu Schaden, etwa in Hanau, als die französische Artillerie plötzlich in die Vorstadt schoss, so waren dies eher Randerscheinungen. War die Bevölkerung wie in der Festung Hanau 1636 direkt inmitten der Kriegshandlung, so vollzog sich bis Mitte des 19. Jahrhunderts eine strikte Trennung. 

Die Ulanen waren zu dieser Zeit bereits ein Anachronismus.

Überdies setzte mit der industriellen Revolution eine Technisierung des Kriegswesens ein. Kriege wurden mobil geführt und auf Schlachtfeldern ausgetragen, die man mit modernster logistischer Unterstützung erreichte, über die man mit modernster Kommunikationstechnik Verbindung hielt und sich mit neuester Waffentechnik bekämpfte. Beim preußisch-österreichischen Krieg von 1866 etwa verhalf der Einsatz innovativer Technik den Preußen zum Sieg: Man nutzte den Telegrafen für schnelle Kommunikation, nutzte für die Logistik die Eisenbahn und schoss mit den modernsten, den Zündnadelgewehren. Pech für die schlechter ausgerüsteten Österreicher. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Benzinmotor erfunden. Hier spitzten die Militärs die Ohren, konnte man doch mit einem Kraftwagen nicht nur Milch ausliefern oder den Umzug organisieren. Man konnte auch Soldaten transportieren oder Kanonen ziehen. Der Benzinmotor machte den Traum vom Fliegen zu einer realistischen Angelegenheit. Flugzeugtechnik mit Motortechnik musste die Technologie der Zukunft sein. Hanau war Anfang des 20. Jahrhunderts eine der größten Garnisonen der Region. Mit den Eisenbahntruppen, die seit den erfolgreich geführten Kriegen von 1866 und 1870 hohen Stellenwert im logistischen Gefüge des preußischen Militärs haben – die Militäreisenbahner gehörten zur Garde, zur Elite – war eine für damalige Verhältnisse hochtechnisierte Truppe in Hanau stationiert, dem zentralen Ausbildungs- und Garnisonsort. 

Die Ulanen in der späteren Francois-Kaserne waren zu dieser Zeit bereits ein Anachronismus. Zu Pferd mit der Lanze ließen sich keine Schlachten mehr gegen eine immer wirksamere Artillerie oder gar das Maschinengewehr führen. Die Hauptlast des Krieges trug Anfang des 20. Jahrhunderts der Infanterist. In Hanau war diese Waffengattung ebenfalls mit traditionsreichen Regimentern vertreten. Der Erste Weltkrieg, von Kaiser Wilhelm in großmäuliger Nibelungentreue und arroganter Selbstüberschätzung mit angezettelt, rannte sich im Westen bald in einem Stellungskrieg fest. Der entscheidende Sperrriegel, der den Marsch auf Paris verhindern sollte, war der Festungsgürtel um Verdun. Dort hatten die Franzosen seit der Niederlage von 1870 zahlreiche Forts und befestigte Stellungen errichtet, was einen Durchbruch unwahrscheinlich werden ließ. Im zynischen Kalkül der kaiserlichen Militärs hatte man aber eine Rechnung aufgemacht, die uns noch heute schaudern lässt: Auf jeden im Kampf getöteten Deutschen kämen demnach fast zwei tote Franzosen, so war es nach dieser Logik eigentlich nur eine Frage der eigenen Zahl und der Zeit, bis man den Feind bezwungen hätte. Im zeitigen Frühjahr 1916 wollte General Falkenhayn in der Schlacht um Verdun dieses Zahlenspiel beweisen. Die Rechnung ging nicht auf, wie wir wissen. 

Luftkrieg im Ersten Weltkrieg war eher eine Sache von Gentleman

Nicht von ungefähr hat Hanaus Oberbürgermeisters Claus Kaminsky vor Jahren Verdun einmal als den

Ein Skelett aus Stahl und Beton: Von den einst auf Hochbetrieb laufenden Maschinen sind nach der Zerstörung der Produktionshallen von Dunlop nur noch Fragmente übrig. Die Aufnahme entstand im April 1945.
Ein Skelett aus Stahl und Beton: Von den einst auf Hochbetrieb laufenden Maschinen sind nach der Zerstörung der Produktionshallen von Dunlop nur noch Fragmente übrig. Die Aufnahme entstand im April 1945. © Werner Kurz (Archiv)

größten Friedhof Hanaus bezeichnet. Viele Jahre fuhr der Hanauer Geschichtsverein dorthin, auf den Spuren der Hanauer Regimenter und der über 700 000 Toten, welche die „Blutpumpe Verdun“ in knapp zehn Monaten gefordert hatte. Noch während des sich hinziehenden Ersten Weltkriegs setzten Überlegungen ein, wie man zukünftig eine solch hohe Zahl von Opfern vermeiden könnte. Nicht nur die Verdunfront forderte einen so hohen Blutzoll. In Flandern, an der Somme, an der Marne verblutete eine Generation von Deutschen, Engländern, Franzosen. Könnte man also nicht solche Verluste durch modernere Waffen verhindern? Etwa durch Flugzeuge? Durch Krieg aus der Luft? Interessiert hatten die Militärs seit Beginn der Fliegerei diese beobachtet. 

Die Luftkriegführung des Ersten Weltkrieges war allerdings durch den Stand der Technik zumindest in den ersten Kriegsjahren eher eine Sache von Gentlemen, die sich in einer Art sportlichem Wettkampf gegenseitig vom Himmel holten. Meist waren die Piloten adelige Offiziere, vielfach aus der Kavallerie, wie Baron von Richthofen, der Ulanenrittmeister, der für eine schnelle Legendenbildung sorgte. Entscheidend in das Kriegsgeschehen eingreifen konnte diese Luftwaffe allerdings bis Kriegsende nicht. Welche Gefahr aber der Krieg aus der Luft barg, davon hatte man schon vor Kriegsausbruch eine Ahnung. Der Landrat des Kreises Hanau verfügte schon im Januar 1913, dass im Kriegsfall das Aufsteigen-Lassen von Ballons verboten sei und landende Flugzeuge sofort zu melden seien. In der Pulverfabrik in Wolfgang wurde ein Ballonzug zur Flugabwehr stationiert, und im weiteren Verlauf des Krieges häuften sich die Anweisungen, was im Falle von Bombardierungen zu tun sei. 

Die Technik sollte den sauberen Krieg ermöglichen.

Es gab zwar Bombenabwürfe aus Flugzeugen im Grenzgebiet zu Frankreich, in Darmstadt fielen 1918 zwei Bomben und richteten Gebäudeschaden an. Aber die Hanauer konnten dank der geringen Reichweite der Flieger noch ruhig schlafen. In der „Hessischen Flugzeugwerft Bruchköbel“ hatte man gegen Kriegsende ein Bombenflugzeug auf dem Reißbrett, das manches von einem späteren Bomber vorwegnahm, die Brünig‘schen Werke Langendiebach bauten in ihrer Außenstelle Großauheim an einem Bomber, der theoretisch transatlantiktauglich war. Doch dann war der Krieg aus und verloren. Ähnlich wie bei der Luftfahrt stand man auch bei den Panzern zu Kriegsbeginn erst am Anfang der Entwicklung. Auch ihr Einsatz war nicht kriegsentscheidend. Die Hauptlast des Krieges trug noch immer der Mensch, der Infanterist. Die dominierende Militärdoktrin der 1920er Jahre setzte auf das Flugzeug. Sie lautete: Keine regimenterfressenden Stellungskriege mehr, sondern Bombardements aus der Luft. Keine Zeit hat gerade in der Flugtechnik solch raschen Fortschritt gebracht wie gerade die 1920er Jahre. Und nicht zuletzt das Militär hat diese Entwicklung beflügelt. In nur 30 Jahren entwickelte sich die Flugtechnik vom segeltuchbespannten Doppeldecker zum strahlgetriebenen Jagdflugzeug, vom Zeppelin zum Lancaster-Bomber. Der Krieg als Motor des Fortschritts, könnte man zynisch anmerken. 

Die Technik sollte den sauberen Krieg ermöglichen. Eines der Grundlagenwerke der Luftrüstungsdebatte war das Buch eines italienischen Marineoffiziers, Giulio Douhet. Er formulierte: „Erst der Besitz der Luftherrschaft schafft die Möglichkeit, dem Feind den eigenen Willen aufzuzwingen. Daher muss die Luftarmada die Herrschaft des Luftraums und den Sieg durch Vernichtung der feindlichen Luftstreitkräfte und ihrer Hilfsquellen durch Zerstörung der materiellen und geistigen Zentren, durch Großluftangriffe auf den gesamten Lebensraum des Gegners gewinnen.“ Hier wird bereits die Zerstörung Hanaus am 19. März 1945 theoretisch formuliert. Air Marshal Harris, der Chef des englischen Bomber-Command, ist also mitnichten der geistige Vater der Bombardierung ziviler Ziele, sondern nur der Vollstrecker Douhets. 

Bei der Folgekonferenz im Jahr 1907 sah die Sache anders aus

Schon 1899 versuchte die erste Haager Friedenskonferenz den Krieg zwischen zivilisierten Völkern über ein internationales, völkerrechtlich bindendes Vertragswerk zu regeln. Was dieses „Kriegsvölkerrecht“ wirklich taugt, soll hier lieber nicht untersucht werden. Es hat in den letzten 121 Jahren noch keinen Krieg verhindert. 1899 jedenfalls machte man sich in Den Haag schon Gedanken, wie eine Bombardierung aus der Luft vertraglich zu regeln sei, obwohl es diese Möglichkeit damals erst theoretisch gab. „Luftkrieg“ wurde bis dahin aus ungelenkten Ballons geführt. Die Theorie künftiger Luftkriege war 1899 noch so grau, dass verwundert, wie so ein Thema auf den Verhandlungstisch kam und warum man kein generelles Verbot aussprach. Man formulierte immerhin ein auf fünf Jahre begrenztes Abwurfverbot von Bomben aus der Luft. 

Bei der Folgekonferenz im Jahr 1907 sah die Sache anders aus: 1900 fuhr das erste steuerbare Luftschiff, 1903 begann mit den Brüdern Wright der Motorflug. Natürlich hatten die Militärs sofort ein Auge auf die neue Technologie geworfen. Und so wurde hinter den Kulissen der Haager Konferenz heftig gegen das Bombenabwurfverbot von 1899 gearbeitet. Man verlängerte es ungeachtet der einsetzenden raschen Entwicklung der Fliegerei bis zur 3. Haager Friedenskonferenz, die 1915 stattfinden sollte. Diese Friedenskonferenz fiel wegen des Krieges aus. Auch erlangte die Verlängerung des Abwurfverbots keine völkerrechtliche Verbindlichkeit. Bis Kriegsausbruch hatten nur 28 Staaten unterschrieben. Um auch für den Luftkrieg internationales Recht zu schaffen, behalf man sich mit dem Artikel 25 der Haager Landkriegsordnung, der die Beschießung unverteidigter Orte verbietet. Man ging davon aus, dass es kein Unterschied sei, ob ein Geschoss aus einer Kanone abgefeuert oder eine Bombe von einem Flugzeug abgeworfen würde. Das war der Pferdefuß! Die in Artikel 25 definierten Orte waren jedoch reale Orte, die von realen Soldaten eingenommen wurden. 

Hanau traf es besonders am 6. Januar und am 19. März 1945.

Ein Flugzeug oder ein Zeppelin konnte jedoch eine Stadt nicht erobern, sondern allenfalls zerstören. Daraufhin nahm man das Seekriegsrecht zu Hilfe. Artikel 2 der Seekriegskonvention von 1907 differenziert erstmals militärische und nichtmilitärische Ziele. Im Klartext und auf den Luftkrieg angewandt bedeutete dies aber, dass Objekte von militärischem Wert überall, also nicht nur an der Front, zerstört werden dürfen. Diese Rechtsauslegung war die völkerrechtliche Grundlage des strategischen Luftkriegs des Zweiten Weltkrieges. Sie ermöglichte die „unterschiedslose“ Zerstörung der deutschen Städte in nächtlichen Flächenbombardements der britischen Royal Air Force. 

Amerikanischer Bomber über Hanau bei einem Tagangriff auf Industrieziele am 14. Dezember 1944. Im Bild unten halblinks der Schlossgarten.
Amerikanischer Bomber über Hanau bei einem Tagangriff auf Industrieziele am 14. Dezember 1944. Im Bild unten halblinks der Schlossgarten. © Werner Kurz (Archiv)

Hanau traf es besonders am 6. Januar und am 19. März 1945. Doch auch noch ein anderer Aspekt bestimmte das Denken der Militärtheoretiker nach dem Ersten Weltkrieg. Erstmals war deutlich geworden, welche Rolle die Industriegesellschaft für die Führung eines Krieges spielt. Der italienische Luftkriegstheoretiker Douhet hatte gesagt, man müsse nur die materiellen und geistigen Zentren des Gegners aus der Luft zerstören, dann sei der Sieg gewiss. Das machte den Industriearbeiter, der Granathülsen drehte, oder den Lokführer des Zugs zur Front zum militärischen Ziel. Diese Lektion hatte Arthur Harris gut gelernt. Und sein oberster Kriegsherr Winston Churchill kannte seinen Douhet sicher auch. Die 1922 neu gefasste Landkriegsordnung verbot kategorisch jedes Bombardement der Zivilbevölkerung mit dem Zweck, diese „zu terrorisieren“. Die Novellierung definierte aber auch den Begriff des „militärischen Objekts“ neu als eines, dessen gänzliche oder teilweise Zerstörung für den Angreifenden einen klaren militärischen Vorteil darstellte.

Engländer entwickelten ab 1940 das „Moral Bombing“

Das unterschiedslose Bombardieren hinter der Front wurde jedoch ausdrücklich verboten. Eine Stadt oder ein Wohngebiet mitsamt der Bevölkerung wäre ergo kein legitimes Ziel nach dem geltenden Kriegsvölkerrecht gewesen. Gehen wir nun in das Jahr 1939. Kurz nach Kriegsausbruch kam es zu ersten strategischen Luftangriffen, etwa in Warschau oder Rotterdam, wobei man hier sogar noch von verteidigten Orten im Sinne der Landkriegsordnung hätte sprechen können, denn diese Orte waren von der Wehrmacht umkämpft. Der eigentliche Beginn des strategischen Luftkriegs gegen die Zivilbevölkerung ist auf das Jahr 1940 zu datieren, als London und Coventry Ziele der deutschen Luftwaffe waren. Der Begriff „coventrieren“ wurde sprichwörtlich für die Zerstörung von Wohngebieten und umschrieb das, was auf beiden Seiten letztlich Luftkriegspraxis war.

 Es war genau jene Angriffsweise, die Hanau am 19. März schließlich in Schutt und Asche legte. Während die deutschen Bombenangriffe mangels Substanz der Luftwaffe keine militärische Bedeutung erlangten, entwickelten die Engländer ab 1940 die Strategie des „Moral Bombing“, der moralischen Bombardierung. Demnach war es zunächst moralisch gut, Deutschland zu besiegen. Indem man die Zivilbevölkerung durch nächtliche Bombardements der Wohnquartiere terrorisierte, sollte der Unmut über das Hitlerregime geschürt werden, das dann von der eigenen Bevölkerung gestürzt würde. Die Rechnung ging nicht auf. Und die zugrundliegende „Moral“ kostete vor 75 Jahren rund 2000 Hanauer das Leben.

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