Fotos: Reinhard Paul

Hanau

19. März 1945: Ausstellung präsentiert den Kriegsalltag

Hanau. „Was gab es damals zu essen?“, „Wie war das, wenn der Vater im Krieg war?“ – solche Fragen stellen Schüler. Auf Bögen niedergeschrieben sind diese Fragen Teil der ab Sonntag im Historischen Museum von Schloss Philippsruhe präsentierten Ausstellung „Leben im Krieg – Perspektiven auf Hanau im Zweiten Weltkrieg“.

Von Jutta Degen-Peters

Gleichzeitig kommen dort fünf Zeitzeugen in eingesprochenen Tonaufnahmen zu Wort, die von der Zeit um den 19. März 1945 erzählen. „Geschichte fällt dann auf fruchtbaren Boden, wenn man die Menschen miteinander ins Gespräch bringt und anregt, die richtigen Fragen zu stellen“, sagt Museumsleiterin Dr. Victoria Asschenfeldt. Sie hat die bis 28. Juni dauernde Ausstellung mit den Co-Kuratorinnen Alexandra Streubel, Dr. Alice Noll und Jens Arndt, zusammen-gestellt.

Zu einer Zeit, da die Zahl der Zeitzeugen schwindet, drängt sich die Frage auf, wie man die Geschichte „konservieren“ und nachvollziehbar machen kann. Die Ausstellung über den Zweiten Weltkrieg, einem der Schlüsselkapitel Deutschlands und der Welt, versucht diesem Anspruch gerecht zu werden, indem sie mehr als nur eine Perspektive aufzeigt. Sie liefert neben einem künstlerischen Beitrag die in fünf Bereiche aufgegliederte Alltagsgeschichte und abschließend den „erinnerungsgeschichtlichen Aspekt“.

Sich der Geschichte sachlich nähern

Hat man früher mit nachgebauten Bunkern oder einem Geräuschteppich, mit dem herannahende Tiefflieger die Kriegswirklichkeit nachempfinden lassen, geht es aktuell darum, sich der Geschichte möglichst sachlich, aber dennoch berührend zu nähern, sagt Asschenfeldt. Die Schreibmaschine, die dem Thema „Verwaltung“ zugeordnet ist, führt zur Frage, wer die Listen mit den Namen der Deportierten, wer die verharmlosenden Benachrichtigungen vom Tod eines in Hadamar ermordeten Menschen getippt hat.

Der Rundgang durch die Räume im Obergeschoss des Schlosses wirft weitere Fragen auf. Begriffspaare wie „Enteignung“ und „Vorteilsnahme“ sind beiderseits von Vitrinen angeordnet. Nicht nur das darin gezeigte Messingblatt einer Thorarolle, das von der Jüdischen Gemeinde in Bockenheim stammt oder zwei silberne Zuckerzangen aus jüdischem Privatbesitz sind Beispiele für die Enteignung von Juden. Während die Entrechteten ihr Hab' und Gut verloren – und oft genug auch ihr Leben – ersteigerten oder kauften Nicht-Juden Klaviere, Kerzenleuchter oder Küchenstühle zu Schleuderpreisen. „Alle waren also ein Teil dieses Systems“, betont Asschenfeldt. Aus genau diesem Grunde müssten sich auch die Museen intensiv mit der Provenienzforschung befassen und die Frage klären, woher die dort gezeigten Stücke stammten.

Die Recherche von Asschenfeldt und ihren Mitstreiter(Inne)n hat bis dato unbekannte Fakten zutage gefördert. Etwa zum Bereich Euthanasie. Zu den bisher bekannten 30 Menschen, die in Hadamar wegen psychischer Erkrankungen getötet wurden oder weil sie alt oder schwach waren, komme eine unbekannte Zahl weiterer Opfer hinzu, sagt sie.

Unbekannte Fakten zusammengetragen

Bisher unbekannte Fakten hat auch Co-Kurator Jens Arndt zum Thema „Fliegermorde“ zusammengetragen. Auf Tafeln ist nachzulesen, dass zehn US-Soldaten aus abgeschossenen Flugzeugen unter anderem in Hanau getötet wurden, anstatt sie in Kriegsgefangenschaft zu überführen. Wirklich greifbar wird Hanauer Geschichte, wenn man die Schilderungen von fünf Hanauern anhört, die Dr. Alice Noll vom Geschichtsverein aufgezeichnet hat. Da ist die heute 98-jährige Mina Vanvor, die „Glück hatte“: Sie durfte den blinden Vater als anerkannte Blindenführerin betreuen und musste nicht zum BDM. Da ist Liselotte Schön, die berichtet, wie der Bruder im Sarg aus dem Krieg heimkehrte. Und da ist Nora Fiedler, die am 11. Februar 1944 die mündliche Abiturprüfung im Luftschutzkeller ablegte. Bei der Verifizierung der Fakten stellte Noll fest, dass 80 bis 90 Prozent der Erinnerungen den Tatsachen entsprachen.

Es ist ein Verdienst der Ausstellung, dass diese nicht nur die Unterschiede im Erinnern zwischen den Generationen deutlich macht. Sie lässt auch Frauen und Männer aus Hanaus Partnerschaftsvereinen in Dartford oder Conflans und Jaroslawl zu Wort kommen.

Am Eingang macht eine Installation aus schwarzen Zwergen von Ottmar Hörl unter dem Titel „Poisoned“ (Vergiftet) die Aktualität der Ausstellung deutlich: Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, so der Leiter des Fachbereichs Kultur, Martin Hoppe, habe nach dem Anschlag in Hanau vom Hass als Gift der Gesellschaft gesprochen.

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