Nicole Schimmelpfennig sitzt neben dem Rotkäppchen, dem Märchenmotiv, das dem Hanauer Anzeiger als Partner der Märchenbahn zugeordnet ist. Foto: Mike Bender

Hanau

Märchenbahnerfinderin Nicole Schimmelpfennig hat viele Ziele

Hanau. Dass Hanau eine Märchenbahn braucht, beschloss Nicole Schimmelpfennig spaßeshalber beim Abendessen mit einem Freund. Damals hatten sie noch darüber gelacht, aber je mehr die Hanauerin über diese Idee nachdachte, desto besser gefiel sie ihr.

Von Jasmin JakobWenig später machte sie sich auf die Suche nach einer geeigneten Bahn. Die Recherche führte sie in die Schweiz, wo sie sich mehrere Modelle angeschaut hatte, doch nur eines kam in Frage: „Die Lok hatte so eine süße Schnauze, da wusste ich sofort: die oder keine.“ Wenig später kam die weiße Lok mit zwei Wagen für insgesamt 40 Fahrgäste auf dem Betriebshof des Busunternehmens der Familie Schimmelpfennig in der Joseph-Bautz-Straße an. Dort wurde sie schon freudig erwartet.

Bei einer ersten Probefahrt mit den Verantwortlichen des Ordnungsamts und der Stadt musste die Märchenbahn zunächst auf den Prüfstand gestellt werden. „Als wir sie gekauft haben, war noch gar nicht klar, ob sie in der Innenstadt überall durchpasst“, sagt die Unternehmerin. Nach zirka drei Minuten konnte sie jedoch aufatmen: Da hatten sie die engste Stelle bewältigt – der Märchenbahn stand nichts mehr im Wege.

Überwindung vieler Kinderkrankheiten

Zusammen mit ihrer Lok musste Schimmelpfennig viele Kinderkrankheiten überwinden. „Vor allem der Anlasser war am Anfang ein Problem, aber auch das GPS richtig zu timen war schwierig.“ Die Bahn hatte bereits seit 2014 Personen in der Schweiz befördert. Nachdem Schimmelpfennig sie 2017 gekauft hatte, lief sie in Hanau jedoch holprig an. „Man darf nicht vergessen, dass unter der Haube der Motor einer Kehrmaschine steckt, die mit vielen Kabeln und Technik zur Lok umgebaut wurde. Bis man da das richtige Kabel gefunden hat, das hat natürlich gedauert.“

Die Märchenbahn ist Nicole Schimmelpfennigs eigenes Projekt, mit dem sie das Familienunternehmen, das ihre Mutter Roswitha vor 40 Jahren gegründet hatte, erweiterte. Mittlerweile führt die 32-Jährige den Betrieb in zweiter Generation. Sie ist somit die Leiterin des Busunternehmens Schimmelpfennig und übernimmt die meisten Fahrten selbst.

Darüber hinaus leitet sie die externe Qualitätssicherung für verschiedene Versandhäuser. So überprüft sie mit ihren Mitarbeitern, deren Anzahl von der Auftragslage abhängt, den Zustand verschiedener Waren vom Kinderschlafanzug über Schläuche und andere komplexe Handelswaren, die aus dem Ausland geliefert werden. „Wir nehmen Etikettierungen vor, schauen nach Beschädigungen, waschen die Waren, reparieren, bereiten sie auf und machen sie versandfertig.“

Frühes Aufstehen angesagt

Wie kriegt man das alles unter einen Hut? „Das geht – man muss nur früh aufstehen,“ sagt sie und lacht. „Es macht mir einfach Spaß. Alle meine Firmen sind meine Babys, ich entwickele sie weiter und erneuere vieles. Für mich ist es eine Ehre, das langjährige Unternehmen unserer Familie weiterführen zu dürfen.“

Schon in der Schulzeit war es ihr Traum, sich in den Betrieb einzubringen. „Ich wollte so schnell wie möglich von der Schule abgehen und ins Familienunternehmen.“ Das Arbeitsumfeld war für sie auch gleichzeitig immer ihr Zuhause. „Unser Betriebshof ist da, wo wir wohnen. Schon als Kind hat man so gleich das Spielen mit dem Arbeiten verbunden. Das war normaler Alltag.“ Neben ihrer Ausbildung zur Bürokauffrau im Familienbetrieb, hat sie kurzzeitig bei einem Steuerberater gelernt.

Als es um die Frage der Nachfolge ging, meldete sie sich als erste vor ihren drei Brüdern: „Ich würde es machen!“ Von den drei älteren Brüdern arbeitet nur noch der älteste, Michael, im Familienunternehmen mit, der zweite, Daniel, hat vor ein paar Jahren die Branche gewechselt. Der dritte, Emmanuel Schimmeplfennig, ist als kreativer Konditormeister aus der Art geschlagen und leitet mehrere Cafés in Hanau wie etwa das Märchencafé in der Innenstadt oder das Museumscafé im Schloss Philipsruhe.

Großes kulinarisches Konzept

Mit ihm hat sie kulinarische Konzepte für die Märchenbahn wie etwa die „Große Kaffeefahrt“ erarbeitet. Dabei kehren die Besucher der Märchenbahn nach einer einstündigen Rundfahrt in das Museumscafé ein, wo sie handgemachte Kuchen und Torten essen können, um dann wieder mit der Bahn zurück in die Innenstadt zu fahren.

Schimmelpfennig schätzt diese Zusammenarbeit sehr und betont, dass alle Familienmitglieder immer für einander einstehen: „Wir halten zusammen, und man hilft sich gegenseitig.“

Familien sind auch ihre Hauptzielgruppe. Besonders gerne mag die Unternehmerin, die mittlerweile zwei Fahrer eingestellt hat und nur noch in Ausnahmefällen selbst fährt, die Arbeit mit den Kindern und Senioren: „Selbst hier, unweit der Innenstadt, in der Nähe des Westbahnhofs gibt es beim Martin-Luther-Stift Senioren, die es nicht alleine ins Zentrum schaffen. Die holen wir dann ab und bringen sie mit ihren Rollatoren in die Stadt.“ Für sie ist das etwas ganz besonderes. „Die reden auch heute noch darüber und erinnern sich, als wäre es gestern gewesen.“

Anfangs fuhr die Bahn nur eine kleine, 15-minütige Runde durch die Innenstadt. Mittlerweile gibt es auch eine große Stadtrundfahrt und zahlreiche Events, bei denen die Märchenbahn vertreten ist. Im Sommer fährt sie beispielsweise zum Erdbeerpflücken auf den Kinzigheimer Hof, zu den Brüder-Grimm-Festspielen oder auf verschiedene Gourmetfahrten zum Schloss Philippsruhe. Dort findet auch regelmäßig das „Familienfrühstück mit Märchen“ statt. Großeltern, Eltern und Kinder können da mit der Bahn zum Schloss fahren, einem Märchenerzähler lauschen und ausgiebig Frühstücken.

"Wahrzeichen der Stadt"

„Mittlerweile ist die Märchenbahn selbst zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden und hat über die Stadtgrenzen hinaus einen Bekanntheitsgrad erreicht, sodass viele Touristen eine Fahrt mit dem Bähnchen fest einplanen“, sagt Schimmelpfennig.

Bei so viel Unternehmergeist bleibt kaum Zeit für die eigenen Hobbys. Jahrelang war sie passionierte Reiterin und ist auf internationalen Tunieren geritten. Doch dafür fehlt Schimmelpfennig heute die Zeit. „Natürlich lässt einen das nicht einfach los, wenn man mit Pferden aufgewachsen ist.“ Irgendwann, will sie auch wieder in den Reitsport einsteigen – bis dahin muss sie auf nicht so zeitintensive Hobbys ausweichen, zum Beispiel Joggen und neuerdings Stand-up-Paddeling. „Meine Freunde Conny und Lars Contzen haben mich darauf gebracht. Dann hab ich mir gleich ein Board gekauft. Das klemm' ich dann immer unter den Arm, und dann geht's auf den Main.“

Priorität haben aber vorerst das Familienunternehmen und die Märchenbahn: „Für die Zukunft hab ich noch viele Ideen“, sagt die Hanauerin. „Vielleicht bekommt das Bähnchen in zwei bis drei Jahren ja ein Geschwisterchen.“

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