+
Eine Klasse in zwei Räumen: Fachlehrerin Julia Costantin musste sich förmlich zerteilen. Während die eigentliche Mathelehrerin der Abschlussklasse per Video zugeschaltet war, wechselte Costantin immer zwischen zwei Klassenzimmern, hier verdeutlicht durch einen Spiegel.Fotos: Mike Bender

Die letzten Wochen vor dem Abschluss

An Mädchenrealschule St. Josef hat der Unterricht für die zehnten Klassen wieder begonnen

  • schließen

Vermummt und doch wieder erkannt haben sich die 45 Schülerinnen der Mädchenrealschule St. Josef in Großauheim. Mit bunten Stoff-Masken im Gesicht trudeln sie am Montag, nach sechs Wochen Homeschooling und Osterferien, an den Eingängen der Schule ein.

Die 10a am Vorder- und die 10b am Hintereingang. „Bin ich froh, wieder in die Schule zu kommen, da ist man wieder viel motivierter“, ruft eine Schülerin einer Lehrerin zu, die darauf achtet, dass sich die Mädchen an den mit Sprühkreide vorgezeichneten Markierungen aufstellen. Diese zieren seit Kurzem nämlich am Haupteingang die Alte Langgasse und am hinteren Eingang den Pausenhof der Schule. So stehen die Mädchen in anderthalb Metern Abstand zueinander, unterhalten sich aufgeregt und lachen viel miteinander. 

In knapp vier Wochen stehen auch für sie die Abschlussprüfungen an, wie an allen anderen Gesamt-, Haupt- und Realschulen im Main-Kinzig-Kreis. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich gut vorbereitet bin“, sagt Alessia aus der 10b. Den coronabedingten Ausweich-Unterricht über digitale Kanäle und zu Hause bewertet sie als interessante Erfahrung, die aber gerade kurz vor dem Abschluss auch eine Belastung für sie dargestellt hat: „Zu Hause für die Schule zu lernen war nicht schlecht. Man konnte die Zeit frei einteilen, aber gerade ein neues Thema anzufangen, war anstrengender, und ich hatte viele Fragen an die Lehrer und musste daher oft E-Mails schreiben“, erzählt die 17-Jährige. „Dass wir die Möglichkeit dazu hatten, war gut, aber das alles dauert natürlich länger, als wenn man Fragen direkt im Unterricht klären kann.“

Schülerinnen haben diverse Fragen

 Auch ihre Mitschülerinnen Anna und Pauline bestätigen den Eindruck. Etwas mehr Zeit haben sie jedoch bekommen: Die zentralen Haupt- und Realschulprüfungen wurden in Hessen coronabedingt nach hinten verschoben und finden nun Ende Mai statt. Immer in Dreiergruppen dürfen die Schülerinnen das Gebäude betreten und zu einem der vier vorbereiteten Klassenzimmer gehen: Zwei im Erdgeschoss und zwei im ersten Stock. Darin sind zehn bis zwölf Tische mit jeweils 1,5 Metern Abstand zu den anderen aufgestellt und zur Tafel gerichtet. „Beide Klassen wurden halbiert und auf jeweils zwei nebeneinander liegende Räume aufgeteilt“, erklärt Konrektorin Alice Kammandel. 

Nach und nach füllen sich so die Klassenzimmer. Die Mädchen nehmen an den Einzeltischen Platz, legen Mäppchen, Bücher und Hefter auf den Tisch und unterhalten sich gespannt. „Wann dürfen wir unseren Mundschutz abziehen?“ „Dürfen wir unser Handy benutzen?“ „Wie machen wir das mit den Pausen?“, fragen sie einzeln die Lehrerin, bevor es mit dem eigentlichen Unterricht losgehen kann. Mathe steht heute auf dem Plan. 

Eine besondere Lehrerfahrung

Mathelehrerin Julia Costantin geht von Raum zu Raum, ihre Kollegin ist per Video zugeschaltet. Denn sie ist normalerweise die Mathelehrerin der 10b. Da sie aber schwanger ist und somit kein gesundheitliches Risiko eingehen möchte, unterstützt sie die Mädchen aus einem dritten Klassenzimmer. Auf der Leinwand über der Tafel sehen die Schülerinnen außerdem sich selbst und den anderen Teil der Klasse im Nebenraum. „Irgendwie ist alles anders und ungewohnt“, sagt Alessia. „Ich konnte heute Nacht kaum schlafen, weil ich nicht wusste, was auf mich zukommt.“ Aber als sie ihre Klassenkameradinnen gesehen habe, sei das ein richtiger „Glücksmoment“ gewesen: „Ich hab es richtig vermisst, in der Klasse zu sein, weil wir uns alle so gut verstehen. Natürlich müssen wir jetzt Abstand halten, aber wir kommunizieren ja trotzdem wieder direkt miteinander.“ 

Dafür gibt es neue Regeln, die von der Lehrerin auf der Leinwand humorvoll erläutert werden: „5 Pizzen Abstand halten“, heißt es dort oder „Wir sind mit Abstand das beste Team“. Bevor sich die Schülerinnen der Prozentrechnung und Baumdiagrammen widmen können, wird die neue Schulsituation mit allen Hygienemaßnahmen nochmal genau erklärt. „Eine große Pause für alle wird es nicht geben, das regeln wir individuell“, sagt die Lehrerin. „Es geht bitte niemand zu zweit in die Pause.“ 

„Jedes Fach wird abwechselnd drei Stunden am Stück unterrichtet.“

Dann soll sich jeder für sich erstmal wieder ins Thema einlesen. In der Schule ankommen. Doch auch ein anderes Thema beschäftigt die Mädchen kurz vor ihrem Abschluss besonders: „Ich finde es total schade, dass vieles, was wir in unserer Abschlusszeit geplant haben, ins Wasser fällt“, sagt Alessias Klassenkameradin Pauline. Die Abschlussfahrt zum Gardasee musste abgesagt werden, ob und in welcher Form Abschlussstreich, Mottowoche und die Abschlussfeier stattfinden können, sei noch unklar. Neben Mathe stehen in dieser Woche auch die anderen beiden Hauptfächer Deutsch und Englisch auf dem Programm, wie die stellvertretende Schulleiterin Alice Kammandel erklärt. „Jedes Fach wird abwechselnd drei Stunden am Stück unterrichtet.“ 

Vorerst soll die Regelung beibehalten werden, dass eine Lehrerin beide Klassenhälften parallel betreut. „Auf Dauer werden wir uns was anderes überlegen müssen“, so Kammandel, „das ist sonst zu anstrengend.“  Maximal 20 Schulstunden hat das Kultusministerium vorerst für den Präsenzunterricht der Abschlussklassen angesetzt. „Die Informationen kamen für uns so kurzfristig, dass wir gar nicht viel Zeit hatten, zu reagieren“, sagt Kammandel. „Wir müssen derzeit super flexibel sein und hatten auch einige Sachen geplant, die am nächsten Tag hinfällig waren.“ 

Arbeitspensum der Schüler war zu Beginn schwer einzuschätzen

Während in den zehnten Klassen der Unterricht wieder langsam aufgenommen wird, räumen die Lehrer, die die Zehntklässler normalerweise in Kunst oder anderen Nebenfächern unterrichten, bereits die Klassenzimmer anderer Jahrgangsstufen um. Denn vorerst werden die Schülerinnen anderer Jahrgänge weiterhin zu Hause unterrichtet, bekommen Arbeitsaufträge per E-Mail, kommen in Online-Meetings zusammen oder kommunizieren über die SchulCloud, einem Messengerdienst speziell für Schulen. Das veränderte Arbeiten stellt auch die Lehrkräfte vor neue Herausforderungen. „Man musste sich auf eine völlig neue Situation einstellen“, sagt Englisch- und Französischlehrerin Barbara Schirmer. „Anfangs war es schwierig, einzuschätzen, wie viel die Schülerinnen in welcher Zeit schaffen, welche Medien sie nutzen oder wie man sie am besten aus der Ferne motivieren kann.“ 

So hätten auch sie und ihre Kollegen oft abends oder an Wochenenden in die E-Mails geschaut und viel Zeit in die Gestaltung der Arbeitspläne investiert. „Wir haben dadurch natürlich auch sehr viel dazugelernt, gerade die Online-Meetings funktionieren gut, um ein Stimmungsbild zu bekommen. Aber es ist enorm schwierig, bei manchen Schülern Rückmeldungen einzufordern, wenn man sie nicht direkt erreicht.“ Oft gebe es dafür gute Gründe im familiären Umfeld, aber man käme dann an die Schüler schlecht ran. Wie lange diese Form des Unterrichtens noch nötig sei, ist derzeit noch unklar. „Die nächste Ansage kommt am 30. April“, so Kammandel, „vielleicht sollen dann eine Woche später auch die Kinder anderer Jahrgänge dazukommen. Daher bereiten wir jetzt alles dafür vor.“ 

Etwa acht bis zehn Lehrer sind Teil der Risikogruppe

Wenn alle Klassen geteilt werden würden, gäbe das die Raumsituation der Schule nicht her, erzählt Kammandel. „Wir müssten dann in Schichten arbeiten, beispielsweise mit einer Früh- und einer Spätschicht oder wochenweise wechseln.“ Somit bleibe es eine logistische Herausforderung für Schulleitungen und Lehrkräfte. „Wir haben insgesamt 25 Lehrer, von denen etwa acht bis zehn zur Risikogruppe gehören. Wenn wir die Klassen halbieren bräuchten wir also eigentlich doppelt so viel Personal, haben aber nur zwei Drittel des Kollegiums zur Verfügung.“

Das könnte Sie auch interessieren