Tradition und Kontinuität: Die Mädchenrealschule St. Josef in Großauheim feiert in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. Foto: PM

Hanau

Mädchenrealschule St. Josef feiert 100-jähriges Bestehen

Hanau. Inwieweit Mädchenschulen noch zeitkonform sind, darüber lässt sich streiten. Doch gänzlich fehl am Platz scheinen sie nicht zu sein, wie das Beispiel der Mädchenrealschule St. Josef in Großauheim anschaulich zeigt. Immerhin feiert sie in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen.

Von Gabriele Reinartz

Ohne zu übertreiben, kann man St. Josef als „besonders“ bezeichnen. Nicht nur, weil sie eine von nur sechs Mädchenschulen in ganz Hessen ist. Nicht nur, weil es bis zum heutigen Tag seit der Wiedereröffnung 1947 nach dem Zweiten Weltkrieg exakt vier Schulleitungen gab, was dafür spricht, dass jede voll und ganz hinter dieser Schule stand und noch steht. Sondern auch, weil sie als christliche private Schule ein Leitbild verfolgt, das sich wie ein roter Faden durch den Schulalltag und das Leben der Schülerinnen und auch Lehrer zieht: „Einander Raum geben zu Mut und Verantwortung“.

Raum geben – das fängt schon beim Betreten der Schule an. Sie wirkt äußerst gepflegt, kein Papier auf dem Boden, keine Schmierereien an den Wänden. Im Gegenteil: Farbenfrohe Wandbemalungen, eine gemütlich eingerichtete Cafeteria mit Blick auf den Main. Rundum eine Umgebung, in der man sich durchaus wohlfühlt. Kein Vergleich mit vielen staatlichen Schulen, die dem Verfall geweiht zu sein scheinen.

Einige Fächer werden im Wechsel unterrichtet

Aber auch das ist anders: „Wir empfinden uns wie eine Familie. Hier kennt jeder Lehrer jede Schülerin und auch die Schülerinnen kennen sich namentlich untereinander“, betont Schulleiterin Petra Höller-Gaiser, die selbst die 302 Namen ihrer Schülerinnen verinnerlicht hat, weil sie trotz Verwaltungsaufgaben weiterhin ihre Fächer Biologie und katholische Religion unterrichtet. „Einander Raum geben heißt, trotz der Arbeit zu entschleunigen, bewusst innezuhalten, um überhaupt Kraft schöpfen zu können – und dem anderen ebenfalls diese Pause zuzugestehen. Es heißt aber auch, selbstbewusst und mutig zu werden, um Verantwortung übernehmen zu können.“

Das Leitbild spiegelt sich deshalb auch im Lehrplan wider. Wurden noch vor einigen Jahren alle Fächer eines Schuljahres unterrichtet, hat man davon mittlerweile Abstand genommen. Heute werden einige Fächer, darunter Erdkunde und Biologie oder Musik und Kunst, im Wechsel unterrichtet, die Anzahl der Lernkontrollen wurde somit reduziert, „entschleunigt“.

„Wir sind stolz auf unsere Tradition, Mädchen in den wichtigen Jahren ihrer Entwicklung erziehen zu dürfen und sie dabei zu unterstützen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Diese Tradition begann 1919 mit dem Orden der Armen Schulschwestern und ist noch heute für uns Ansporn und Verpflichtung zugleich“, ergänzt die Schulleiterin.

Der Aspekt „Mut“ steht für die Förderung des Selbstbewusstseins. Sie geschieht nicht nur durch die gewaltfreie Kommunikation, die auf dem Schulgelände praktiziert wird. Nicht nur durch das Unterrichtsfach Darstellendes Spiel, das für alle achten Klassen verpflichtend ist, damit sich die Mädchen ausprobieren können. Nicht nur durch die Ruder-AG, die ebenfalls ein Muss ist. Die Förderung geschieht vielmehr durch den Abbau von Hemmschwellen, die geschlechtsspezifischer Natur sind. Beispiel MINT-Fächer. MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – alles Fächer, in denen Jungen in der Regel brillieren und Mädchen deswegen zurückstecken. Die Schülerinnen von St. Josef hingegen kennen diese Hemmschwelle nicht.

"Der goldene Mittelweg"

Hier nehmen die Klassen regelmäßig und erfolgreich an MINT-Wettbewerben teil, denn die Mädchen haben gelernt, sich auch für Fächer dieser Art zu begeistern. „Wir machen die Erfahrung, dass Mädchen, wenn sie nicht in unmittelbarer Konkurrenz mit Jungen stehen, sich in den MINT-Fächern weitaus mehr zutrauen und insgesamt auch gut abschneiden“, weiß die Pädagogin. Der Erfolg gibt der Schulleiterin recht. Zwei Drittel der Schülerinnen wechseln nach dem Realschulabschluss problemlos auf weiterführende Schulen und machen letztlich ihr Abitur.

„Wir sind quasi der goldene Mittelweg. Während bei uns die jungen Mädchen eine entspannte Kindheit erleben, findet zum Teil anderswo ein unglaublicher Lernstress statt. Statt die Kinder sich entwickeln zu lassen, werden sie gedrillt, um das Gymnasium irgendwie zu schaffen“, sagt Höller-Gaiser. St. Josef gehe dagegen einen pragmatischen Weg. In der Schule werden regelmäßig Berufsorientierungstage angeboten, zu denen Unternehmen und Ausbildungsbetriebe sehr gerne kommen. Nach dem Realschulabschluss könnten die Mädchen dann in Ruhe entscheiden, ob sie eine Ausbildung beginnen oder eine weiterführende Schule besuchen möchten.

Schule auf Basis christlicher Werte und Traditionen

Verantwortung zu übernehmen, lernen die Mädchen durch die Hausaufgabenbetreuung. Schülerinnen der neunten und zehnten Klassen hätten die Möglichkeit, ihren jüngeren Mitschülerinnen zu helfen. Wer Interesse daran habe, könne sich um dieses Amt bewerben. Wer am Ende ausgewählt würde, werde anschließend noch geschult, erläutert Höller-Gaiser das Procedere. Die Betreuung werde von den Spenden der Eltern, dem Schulgeld (Minimum 25 Euro im Monat), bezahlt. Die betreuenden Schülerinnen selbst erhalten vom Bistum Fulda ihre Entlohnung.

Aber auch in der Streitschlichter-AG oder im Zuge der Kooperation mit der Schule in Ghana lernen die Mädchen, Verantwortung zu übernehmen. Mit kleinen Aktionen wie dem Sammeln und Einlösen von Pfandflaschen und leeren Druckerpatronen unterstützen sie die afrikanische Partnerschule finanziell.

„Es mag schon eine Portion Mut dazu gehören, in der heutigen Zeit auf eine Mädchenschule zu setzen, die klein ist, und zudem, weil privat, durch Spendengelder finanziert wird. Aber ich denke, dass es genau diese Mischung ist, die uns erfolgreich macht. Wir können uns das Lehrpersonal aussuchen, sprich, die Lehrer zu uns holen, die unsere christliche Idee mittragen. Wir beginnen jeden Schultag mit einem Gebet. Bei uns hängt in jedem Klassenzimmer ein Kreuz – wer zu uns kommt, steht hinter unserer christlichen Tradition. Wir alle hier, Schülerinnen und Lehrpersonal, sind aus einem Guss. Das ist unser Vorteil“, so Höller-Gaiser.

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