Ausklang in den Diskussionszelten: Hier erklärt Karl-Heinz Leister, was Menschen von Bienen lernen können. Foto: Nikolas Obst

Hanau

Lohnende Veranstaltung: Erster Demokratie-Raum auf dem Marktplatz

Hanau. Es hat den ganzen Tag geregnet, auch die Prognosen für den Abend waren schlecht. Und so empfindet es Sylvie Janka als echtes Glück, dass fünf Uhr abends die Sonne wieder durch kommt. Dass der Publikumszuspruch beim ersten Demokratie-Raum recht spärlich bleibt, steckt die Mitorganisatorin tapfer weg.

Von Christine Semmler

Schließlich hätte es bei Dauerregen am Abend für die Aussteller noch schlimmer kommen können. „Wir haben alles zusammen bekommen, was wir in der Stadt zum Thema haben“, sagt Janka. Und schließlich gehe es auch um den Austausch der Engagierten untereinander.

Etwa 30 Vereine, Bürgerinitiativen und Organisationen, die sich im weitesten Sinn für die Themen Klimaschutz und Integration einsetzen, haben sich auf Einladung der Initiative „Menschen in Hanau“ am Freitagabend auf dem Marktplatz eingefunden, um ihre Arbeit zu präsentieren, um zum Mitmachen und zum Diskutieren anzuregen. „Demokratie“, so die Devise, „funktioniert nicht ohne Bürgerbeteiligung.“

Stilecht: Eine afrikanische Kaffeezeremonie am Infostand zu Chancenpatenschaften für Menschen, die Unterstützung brauchen. Foto: Nicolas Obst

Da ist zum Beispiel Ernst Hack, der gerade seinen Schraubendreher in einer Zitruspresse versenkt hat. „Sie hat normalerweise Rechts-Links-Lauf, funktioniert aber jetzt nur noch in einer Richtung“, erklärt er. Hack gehört zum Team des Hanauer Repair-Cafés. Das Tüfteln macht ihm Spaß. „Wir hatten früher ein Anwesen in der Türkei, da mussten wir viel selbst reparieren“, erklärt der Bäcker und Konditor im Ruhestand. „Nachdem wir es verkauft haben, bin ich meiner Frau Carola auf den Nerv gegangen“., sagt er und lacht.

Nun engagiert sich das Paar im kostenlosen Reparaturservice von Bürgern für Bürger mit Sitz im Hanauer Seniorenbüro. „Man kommt unter Leute und lernt viel dazu“, sagt Hack. Außerdem setze man ein deutliches Zeichen gegen Verschwendung. „Vieles wird weggeworfen, obwohl es sich mit ein paar Handgriffen reparieren lässt“, sagt Hacks Kollege Herbert Leypold. Den insgesamt neun ehrenamtlichen Reparateuren wird selten langweilig: Zehn bis 15 Reparaturaufträge kommen pro Öffnungstag rein.

Gute Gespräche bei fairem Wein: SPD-Stadtverordneter Moritz Kühn engagiert sich mit anderen dafür, dass Hanau das Siegel „Fair-Trade-Stadt“ bekommt. Foto: Nicolas Obst

Wenige Meter weiter greifen ein paar Frauen beherzt zu Schere und Filzstiften. Sie verwandeln alte T-Shirts in individuell dekorierte Einkaufstaschen. „Das funktioniert ohne Nähen“, erklärt Beatrix Wehner, die wie Janka der Initiative „Menschen in Hanau“ angehört. Die Initiative will eine Plattform für alle bieten, in erster Linie aber für Menschen, die körperlich, finanziell oder aus anderen Gründen beeinträchtigt sind.

Wehner schneidet den unteren Saum des Shirts in Fransen und knotet sie wechselseitig zu. Die Aussparungen herausgetrennter Ärmel und Kragen dienen als Henkel. Ein bisschen Filzstiftfarbe als Deko – fertig. „Viele Kleider sind viel zu schade zum Wegwerfen“, betont sie. Sie deutet auf den Tisch nebenan, an dem Hemden, Hosen und Röcke auf Bügeln hängen. „Beim Kleiderkreisel kann jeder Kleider abgeben oder kostenlos mitnehmen“, erklärt sie. Viel Durchlauf gibt es heute aber leider nicht.

30 Jahre, so Wehner, engagiere sie sich neben dem Beruf im Ehrenamt. „Es ist wichtig, etwas zu tun“, findet sie: „Wir zahlen zwar Steuern, aber mal ehrlich: Wir leben doch wie die Könige. Ich finde, deshalb sollten wir der Gesellschaft auch etwas zurück geben.“ Zehn Stunden in der Woche opfert sie der gemeinnützigen Arbeit.

Musikalische Einlagen: Monika Marner (rechts) und ihre Band trugen mit jazzigen Klängen zum Aktionstag bei. Foto: Nicolas Obst

Moritz Kühn, Stadtverordneter für die SPD und heute als Sprecher der Initiative Fair-Trade-Stadt Hanau auf dem Platz, freut sich, dass er mit seinen 33 Jahren nicht mehr zu den Jüngsten gehört, die in der Stadt Initiative zeigen. Das politische Bewusstsein der jungen Generation habe sich deutlich gewandelt. „Als ich mit 17 Jahren begonnen habe, mich zu engagieren, war ich ein echter Exot“, erinnert er sich. „Heute ist das anders. Der Klimawandel, das Plastik in den Meeren – diese Themen beschäftigen auch die jungen Menschen.“ Außerdem sei es durch soziale Medien viel leichter geworden, sich miteinander zu vernetzen und etwas zu bewegen.

Bestes Beispiel sind Stina Amrhein und Mara Landwehr, beide 22 Jahre alt. Sie wollen einen „Unverpackt-Laden“ in Hanau gründen. Über 300 Unterstützer konnten sie bisher mobilisieren, viele davon über ihre Facebook-Seite. „Unsere Generation wird immer lauter“, sagt Amrhein. Am sichtbarsten sei das bei den Fridays-for-Future-Demonstrationen. Aber auch im Kleinen tue sich viel. Manche ihrer Bekannten nutzten nur noch Bus und Fahrrad, andere brächten eigene To-Go-Becher ins Café mit. „Die Saat ist gesetzt“, ist sie überzeugt.

Taschen aus T-Shirts: Beatrix Wehner von „Menschen in Hanau“ zeigt einfache Tricks fürs Recycling. Foto: Nicolas Obst

Im People's Theater, das heute aus Offenbach nach Hanau gekommen ist, engagieren sich ebenfalls junge Menschen für Werte wie Umweltschutz, Integration und ein gutes Miteinander, und zwar im Rahmen eines freiwilligen sozialen Jahres. Die Mitglieder, alle zwischen 16 und 22 Jahre alt, zeigen ein Stück über „Plogging“, einer Kombination aus Joggen und Müllsammeln. Später darf auch das Publikum mitmachen.

Am späteren Abend treffen sich Teilnehmer und interessiertes Publikum dann noch zu Diskussionsrunden: Es geht zum Beispiel um die Rettung des Waldes, die Integration von behinderten Menschen, die Flüchtlingsproblematik oder Stadtentwicklung in Zeiten von Klimawandel.

Auch wenn sie sich ein paar mehr Besucher gewünscht hätte, zeigt sich Sylvie Janka am Ende des Abends zufrieden und zuversichtlich: „Wir werden auch in Zukunft wieder Demokratie-Räume machen.“

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