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Die Erinnerungen sind präsent – Liselotte Rosenberger hat die Bombardierung Hanaus in einem Luftschutzkeller nahe des Baumwegs erlebt. 15 Jahre alt war sie, als der Krieg ausbrach.

THEMENSCHWERPUNKT: ZEIT ZUM ERINNERN

Liselotte Rosenberger klammerte sich im Luftschutzkeller an ihren Vater, als die Bomben auf Hanau fielen

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 „46 Trümmerfrauen waren es letztes Jahr noch im Café Schien.“ Lieselotte Rosenberger geht jedes Jahr zu dem von der Stadt initiierten Treffen. Die Kesselstädterin war eine dieser Frauen, die mitgeholfen haben, Hanau von Schutt und Asche zu befreien, und die zum Wiederaufbau beigetragen haben.

Die 94-Jährige hat den Krieg in der Hanauer Bulaustraße erlebt. 15 Jahre war sie alt bei Kriegsbeginn. „Wir hatten einen Volksempfänger, 72 Mark hat der damals gekostet.“ Am 19. März sei das Gerät den ganzen Tag gelaufen. „Radio Frankfurt“ hieß der Sender. „Jede Stunde kam die Warnung: Verlassen Sie die Todeszone Frankfurt.“ Sie habe ihren Vater angebittelt und gebettelt sich im Bruchköbeler Wald zu verstecken. „Hauptsache raus aus der Stadt.“

Zuflucht im Luftschutzkeller der Firma gefunden

Aber der Vater war dagegen. „Wir gehen in den Keller“, habe er gesagt. Gemeint war der Keller der QLG, wo der Vater gearbeitet hat. Die Firma hatte unter ihren Räumen einen sicheren Luftschutzkeller. Rosenberger erinnert sich an die ersten „Schirmchen“. „Die standen schon rundum und sollten die Abwurfzone kennzeichnen.“

50 Meter betrug die Strecke von dem Zuhause der Familie bis zur Firma. „Im Keller waren insgesamt 20, 25 Leute, Angestellte der QLG. Aber auch Anwohner.“ Sie habe sich dort aus Angst an ihren Vater geklammert. „'Hier sind wir am sichersten' hat er immer wieder gesagt. Dann haben wir die Bomben einschlagen hören. Und gehofft, dass es bald vorbei ist und wir lebend davon kommen.“

"Dieses Bild habe ich ewig vor Augen"

Als sie den Luftschutzkeller verlassen konnten, hätten sie ihr Haus sehr beschädigt vorgefunden. Es habe überall gebrannt. „Die Eisenbahnschienen standen senkrecht nach oben. Eine prägende Erinnerung. Dieses Bild habe ich ewig vor Augen.“ Der Vater habe sie angeschaut und gesagt: „Und Du wolltest in den Bruchköbeler Wald. Schau was hier los war.“

Da habe sie verstanden, was Krieg anzurichten vermag. Ihr Freund Hans, ihr späterer Ehemann, sei nochmal ins Haus rein, habe die wichtigsten Dinge gerettet. „Dann war die große Frage 'Wohin?'“ Es wurde ein Pferdefuhrwerk organisiert. „Wir kamen nach Niederissigheim. Zu unserem Bäcker Schales. Dort wohnten wir. In zwei Räumen. Sechs Wochen lang. Auch den Metzger Eidmann haben wir dort kennengelernt.“

Wegen der Hitze der Brände: Hanau konnte nicht betreten werden

Nach Hanau musste Rosenberger dennoch jeden Tag. Auf die Arbeitsstelle zu Sieger Wellpappe in der Ruhrstraße. Dort arbeitete sie als Buchhalterin. Gefahren ist sie, wie viele andere auch, mit dem Fahrrad. „Aber die ersten drei oder vier Tage konnten wir gar nicht in die Stadt, wegen der Hitze.“

Nach zwei Monaten musste die Familie von Niederissigheim zurück in die Stadt. Es gab eine Einzugssperre. Die Wohnung einer Tante, die zu ihrem Sohn gezogen ist, stand frei. „Vier Zimmer. Die haben wir mit einer anderen Fami- lie geteilt.“ Es sei ein ganz anderer Zusammenhalt gewesen wie heute. „Damals hat jeder dem anderen geholfen. Jeder.“

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