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Sie lieben Memory und Sauerkraut: Spanische Seniorinnen in Hanau

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Sie trafen sich einst gemeinsam mit ihren Männern zum Essen, Tanzen und Plaudern. Mittlerweile sind die meisten der spanischen Frauen, die vor rund 50 Jahren nach Hanau kamen, verwitwet. Heute kommt der Freundeskreis zweimal wöchentlich beim Kaufhof zum Frühstück und zum Spielen zusammen. Foto: Degen-Peters
Sie trafen sich einst gemeinsam mit ihren Männern zum Essen, Tanzen und Plaudern. Mittlerweile sind die meisten der spanischen Frauen, die vor rund 50 Jahren nach Hanau kamen, verwitwet. Heute kommt der Freundeskreis zweimal wöchentlich beim Kaufhof zum Frühstück und zum Spielen zusammen. Foto: Degen-Peters

Hanau. Sie heißen Marie Carmen Ortega, Catalina Maestre, Teresa Ponce oder Mercedes Perez. Sie kommen aus Andalusien, leben seit über 50 Jahren in Hanau, Großauheim, Steinheim, Großkrotzenburg und Niederdorfelden und lieben Rippchen mit Sauerkraut.

Von Jutta Degen-Peters

Die Spanierinnen, die vor einem halben Jahrhundert ihre Heimat verließen und in der Brüder-Grimm-Region heimisch wurden, sind in dieser Zeit gemeinsam durch dick und dünn gegangen. Ihr Leben „zwischen den Welten“ möchten sie nicht mehr missen.

Heute treffen sich die Señoras – wie jeden Dienstag und Donnerstag – im Kaufhof-Restaurant zum Frühstück. An ihrem Tisch ist spanische Frauenpower angesagt. Die sechs Andalusierinnen – zwei fehlen an diesem Tag – lachen und weinen miteinander, diskutieren, spielen Memory. Nach dem Treffen im Kaufhof ziehen sie weiter in die Hirschstraße in die Casa Ana. Das spanische Feinkostgeschäft ist obligatorischer Treffpunkt nach dem späten Frühstück. Kein Wunder, denn die Geschäftsinhaberin der Casa Ana ist Tochter und Nichte zweier Mitglieder in dem Kreis.

Männer als Gastarbeiter bei BBCWenn sich die Frauen treffen, geht es um die Gemeinschaft, um das Leben in Deutschland, auch mal um Politik und das, was alle hinter sich gelassen haben. Dabei wird Memory gespielt. „Wir müssen unsere grauen Zellen in Schwung halten“, sagt das spanische Kränzchen und erinnert sich gemeinsam immer wieder an früher.

Die meisten der sechs mittlerweile verwitweten Frauen sind nach Großauheim gekommen, weil ihre Männer bei BBC als Gastarbeiter Arbeitsverträge angeboten bekamen und ihre Verlobten oder Ehefrauen später nachholten. Eine sichere Arbeit, ein möglicherweise besseres Leben, dafür waren sie bereit, sich ins Abenteuer Deutschland zu stürzen: „Die Deutschen sind ernst und verschlossen“, hatten sie gehört, sie essen merkwürdige Dinge – wie etwa Sauerkraut und Blutwurst – und sind an schlechtes Wetter gewöhnt.

Mit wenig zufriedenLängst haben sich die Frauen ihr eigenes Bild gemacht: „Uns ging es gut, wir haben Glück gehabt“, sagen sie übereinstimmend. Sie wurden gut aufgenommen, trafen auf hilfsbereite Nachbarn und eine offene Gesellschaft. „Wir haben auch immer die Regeln hier eingehalten und versucht, uns zu integrieren“, sagt Catalina Maestre.

Die 77-Jährige, die 1964 nach Großauheim zog und mit ihrem Mann bei der BBC Elektroteile zusammenbaute, zog in dieser Zeit ihre zwei Kinder groß. Wenn sie von den Anfangsschwierigkeiten in der Fremde spricht, blitzen ihre Augen. „Wir konnten die Sprache nicht“, sagt sie. „Das Essen war ungewohnt, wir fanden in den Geschäften nicht die Produkte, die wir brauchten.“ Die Familien mussten sich in einer kleinen Wohnung zunächst mit wenig zufrieden geben.

Spuren des Krieges„Wir hatten es in den ersten Jahren nicht leicht“, ergänzt Marie Carmen Ortega, die mit 17 Jahren 1962 als Kindermädchen einer US-amerikanischen Familie nach Hanau kam. Die Mutter zweier Söhne, mittlerweile Großmutter von fünf Enkeln, lernte ihren Mann erst hier kennen. „Wir arbeiteten beide acht Stunden, die Kinder gingen in den Kindergarten und den Hort, anders hätten wir das sonst nicht geschafft“, sagt sie.

Marie Carmens Schwester Josefina Ortega war schon 1953 mit ihrem Mann nach Großauheim gezogen. Sechs Kinder hat sie großgezogen, die alle in Deutschland leben, genauso wie die 14 Enkel und vier Urenkel. Sie erinnert sich, dass Hanau und Großauheim damals noch die Spuren des Krieges und der Zerstörung zeigten. „Eine Wohnung zu finden, war damals nicht einfach.“

Deutschland lieben gelerntTeresa, die aus der Nähe von Huelva kommt und seit 2005 die Hälfte des Jahres in Spanien verbringt – „die andere Jahreshälfte bin ich bei meinen Kindern in Steinheim“ –, hat Deutschland längst lieben gelernt. Für sie, die mit der deutschen Sprache noch immer Probleme hat, waren die ersten Wochen und Monate der Horror: „Ich konnte kein Wort Deutsch, wollte aber meinen Mann bekochen“, erinnert sich die 77-Jährige. Weil sie beim Metzger nicht wusste, wie sie ihren Wunsch vorbringen sollte, brachte sie ein verschämtes „Kikeriki“ heraus – und ihr wurde das gewünschte Huhn über die Theke gereicht. Über diese Geschichte lachen die Freundinnen noch heute herzhaft. Und sie vergessen nicht, wie hilfsbereit die Nachbarn und Kollegen waren, die sie anfangs an der Hand nahmen, wenn die Verständigung anders nicht funktionierte.

Dass sie ihre Familien in der Heimat vermissten, darüber halfen ihnen Einrichtungen wie der Club recreativo Español Großauheim hinweg, der ihnen mitten in Deutschland ein spanisches Geborgenheitsgefühl rund ums Tanzen, Paella und Calamares bot. Auch die spanische katholische Gemeinde mit einem eigenen Pfarrer, der jeden Sonntag einen Gottesdienst auf Spanisch abhielt, leistete dazu einen Beitrag.

Große spanische GemeinschaftDie Señoras, die sich in vielem heute sehr deutsch fühlen, sind überzeugt, dass beide Nationalitäten voneinander profitiert haben. „Wir waren in Großauheim eine große spanische Gemeinschaft“, erklären sie. Bei BBC arbeiteten damals viele Spanier, das Leben spielte sich auf der Straße ab, „damals, als es noch viele Geschäfte gab“, sagen sie bedauernd. Das habe sich geändert. Viele Geschäfte seien verschwunden, die Menschen seien mehr mit sich beschäftigt, die Gemeinschaft nicht mehr so eng wie einst. „Auch, dass wir abends nicht mehr allein auf die Straßen gehen können, weil wir uns nicht mehr so sicher fühlen, finden wir schade“, schieben sie hinterher.

Nach Spanien zurückkehren will dennoch keine der Andalusierinnen. Ihre Kinder leben hier, auch die Enkel und für manche die Urenkel. Die 85-jährige Mercedes Perez, deren Mann sie 1962 nach Hanau brachte und die heute in Großkrotzenburg lebt, bringt es auf den Punkt: „Ich lebe hier und ich will auch hier begraben werden – dort, wo auch mein Mann liegt.“

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