Wut und Enttäuschung verarbeiten: Das ist nicht immer einfach. Das Boxtraining in der Einrichtung "Mittendrin" im Freigericht-Viertel soll dabei helfen. Foto: Lena Bellon

Hanau

So lernen die Teilnehmer beim Boxen, mit Aggressionen umzugehen

Hanau. Wenn bei Kindern und Jugendlichen die Fäuste fliegen, ist das besorgniserregend. Dass es aber auch spaßig, effektiv und vor allem hilfreich sein kann, zeigt das Boxtraining für Kinder und Jugendliche der Einrichtung „Mittendrin“ der Kathinka-Platzhoff-Stiftung. Wir haben uns das Training angeschaut.

Von Lena Bellon

„Willkommen im Wahnsinn“, lautet die liebevolle Begrüßung einer Pädagogin von „Mittendrin“. In der Einrichtung werden täglich Sieben- bis 13-Jährige aus schwierigen Familienverhältnissen betreut. Dort bekommen sie ein warmes Essen, Hilfe bei den Hausaufgaben und ein buntes Freizeitprogramm. Unter anderem steht seit einiger Zeit jeden Donnerstag ein Boxtraining auf dem Programm.

„Jetzt waren ja die ganze Zeit Ferien, da freue ich mich, dass wir es jetzt wieder machen können“ sagt der zehnjährige Leo, bevor die Gruppe aufbricht um in die Turnhalle zu laufen. „Viele der Kinder werden von zu Hause aus auf keinen guten Weg gebracht und ihnen fehlt das richtige Ventil für ihre Aggressionen“, erzählt die Leiterin der Einrichtung, Christine Fuchs.

"Wertvoller Sport"

In dem Gespräch mit ihr wird schnell deutlich, dass die Kinder ihr am Herzen liegen und alle von ihnen in jungen Jahren bereits eine bewegende Geschichte und einige prägende Erlebnisse hinter sich haben. Viele der Kinder müssen mit Wut und Enttäuschungen umgehen, was von außen dann oft falsch verstanden wird.

Boxtrainer Gordan Jagust zeigt den Kindern und Jugendlichen in seinem Training mit vielen verschiedenen Übungen, wie sie auf gute Weise mit ihrer Energie umgehen können. „Boxen ist ein sehr wertvoller Sport. Man lernt Angriff und Abwehr, bekommt Selbstvertrauen und kann sich selbst verteidigen“, erklärt der Trainer. „Hier bei mir sind alle Kinder gleich, und ich hab' sie alle super gern. Dennoch sind mir Respekt und Disziplin wichtig“, fährt Jagust fort. Beim Beobachten des Trainings wird schnell deutlich, dass Gordan Jogust die Rolle als Chef in der Gruppe bereits deutlich gemacht hat. Er motiviert und hilft aber setzt auch klare Grenzen.

Motiviert bei der Sache

„Den meisten Kindern mangelt es an zuverlässigen männlichen Vorbildern zu Hause. Gordan übernimmt für manche eine Vorbildfunktion und wird sehr gemocht von der Gruppe“, erzählt Christine Fuchs während des Trainings. „Wir sehen auch bei vielen eine positive Wandlung, seit sie regelmäßig boxen gehen“, berichtet sie weiterhin. Nach einigen Übungen zum Aufwärmen und ersten Boxbewegungen werden die Boxhandschuhe angelegt, und jeder bekommt einen Partner zugeteilt. Die 13-jährigen Mädchen Aila und Kaoutar sind zum zweiten Mal im Boxtraining. „Das macht zwar schon Spaß, aber ein anderer Sport wäre cooler. Hockey oder etwas ähnliches. Aber freitags gehen wir schwimmen, das macht Spaß“, erzählt Kaoutar.

Die meisten Teilnehmer sind interessiert und motiviert beim Training dabei und nehmen die Ansagen des Trainers sehr ernst. „Wir haben auch kleine Bewertungsbogen für alle. Wenn jemand gut mitmacht und viele positive Smilies sammelt, gibt es auch kleine Belohnungen“, erzählt Jagust in der Trinkpause. Über ihre Arbeit in der Einrichtung sagt Fuchs: „Wir wollen und können hier niemanden zu einem makellosen Menschen machen, aber wir geben den Kindern ein offenes Ohr und Struktur, eben das was ihnen von zu Hause einfach fehlt.“

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