Gerichtsurteil steht an: Geht es nach ihrem Verteidiger Dr. Hans-Wolfgang Schnupfhagn, soll Tanja B. freigesprochen werden. Die Staatsanwaltschaft hingegen plädiert für eine lebenslange Freiheitsstrafe. Archivfoto: Patrick Scheiber

Hanau/Steinau

Lebenslang oder Freispruch: Plädoyers im Zerstückelungsprozess

Hanau. Lebenslange Freiheitsstrafe oder Freispruch? Nach den Plädoyers im Steinauer Zerstückelungsprozess gegen Tanja B. steht am Donnerstag das Gerichtsurteil an. Die 35-Jährige soll ihren Lebensgefährten mit 31 Messerstichen getötet und anschließend mit einer Motorsäge zerteilt haben.

Von David J. Kirchgeßner

Eigentlich hätte für Tanja B. (35) am 20. November 2017 alles gut werden können. Nach einer Freiheitsstrafe wegen Betrugs wurde sie an diesem Tag auf Bewährung aus der Justizvollzugsanstalt Chemnitz entlassen. Doch ihr erster Schritt durch die Gefängnispforte in die Freiheit und in ein neues Leben mit Martin F. war auch der erste Schritt auf einem Weg, der in den Tod des 47-jährigen Busfahrers aus Steinau mündete. Tanja B. hingegen droht nun eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Denn die siebenfache Mutter soll ihren Lebensgefährten, den sie während der Haft per Briefwechsel kennengelernt hatte, am 5. Juni in der gemeinsamen Wohnung mit 31 Messerstichen getötet und anschließend mit Motorsägen in sechs Teile gesägt haben. Warum genau, das ist auch nach Ende der Beweisaufnahme am sechsten Verhandlungstag im Prozess gegen sie vor dem Hanauer Landgericht noch nicht klar.

Staatsanwalt: „grausame und bestialische Tat“

Auch bei den Plädoyers von Staatsanwalt und Verteidiger gingen am Dienstag die Ansichten zur Tat und ihrer Ahndung auseinander. Die Tanja B. hatte sich in ihren Vernehmungen und einer Aussage bei Prozessbeginn auf Notwehr nach einem Angriff des 47-Jährigen berufen. Doch für Oberstaatsanwalt Dominik Mies sind die Schilderungen der Angeklagten ein „Lügenkonstrukt, an das sie möglicherweise selbst glaubt“.

„'Martin liebte Horrorfilme', das haben Sie am Beginn des Prozesses selbst gesagt“, richtete Mies das Wort zu Beginn seines Schlussvortrags direkt an die Frau auf der Anklagebank. „Martin F. ist am 5. Juni zum Hauptdarsteller seines eigenen Horrorfilms geworden.“ Durch ihre „grausame und bestialische Tat“ habe sie dem Vater einer Tochter nicht nur das Leben, sondern auch die Totenruhe genommen.

Tat sei geplant gewesen

Der Vertreter der Anklage zeigte in seinem Plädoyer zahlreiche Widersprüche in den Aussagen der Angeklagten auf. In Zusammenhang mit ihrer langen Strafakte als „notorische Betrügerin“ könne die 35-Jährige zudem als „notorische Lügnerin“ betrachtet werden, der man ihre Schilderungen nicht glauben dürfe. Außerdem habe sie die Tötung, wenn auch zunächst mit Gift oder durch Ersticken, im Voraus geplant. „Notwehr ist nicht nachweisbar“, so Mies. Stattdessen handele es sich um eine „überaus bestialische und an Grausamkeit kaum zu überbietende Tat“, der die Angeklagte seiner Ansicht nach überführt sei.

Die tödlichen Messerstiche, davon 13 im vorderen und hinteren Halsbereich, seien in heimtückischer Art und Weise, möglicherweise während das Opfer schlief, ausgeführt worden. Dies könne das Gutachten der Gerichtsmedizin belegen. Und Heimtücke gilt als Mordmerkmal. Daher fordert die Staatsanwaltschaft eine lebenslange Freiheitsstrafe für die 35-Jährige.

Verteidiger fordert Freispruch

Verteidiger Dr. Hans-Wolfgang Schnupfhagn hingegen unterstützte in seinem Plädoyer die Darstellung der Geschehnisse als Notwehr einer bedrohten Frau und forderte einen Freispruch. „Ich denke, dass die Notwehrlage, die meine Mandantin geschildert hat, nicht widerlegt ist.“ Ihr sei es bei dem im Laufe der Verhandlung als grundsätzlich freundlich und fürsorgend beschriebenen Martin F. „zum ersten Mal im Leben gut gegangen“. Sie habe also keinen Grund für eine geplante Tötung gehabt. Die Darstellung der Staatsanwaltschaft sei hingegen lediglich „eine mögliche Variante“, Spurenlage und Bericht der Gerichtsmedizin auszulegen.

Sollte das Gericht jedoch nicht von Notwehr sondern Totschlag ausgehen, so sei seiner Ansicht nach von verminderter Schuldfähigkeit Tanja B.s auszugehen. Als Gründe dafür führte er eine leicht ausgeprägte Borderline-Persönlichkeitsstörung in Zusammenhang mit einem emotionalen Ausnahmezustand der „alleine lebensuntauglichen“ und von „Kindern, Arbeit und Haushalt“ überforderten 35-Jährigen an. In diesem Fall halte er eine Freiheitsstrafe von höchstens sechs Jahren für angemessen.

Urteil am Donnerstag erwartet

Für Martin F. war der 5. Juni 2018 das Ende seines Lebens. Tanja B. hingegen hat noch einige Jahre vor sich. Ob sie diese maßgeblich in Freiheit oder hinter Gittern verbringen wird, entscheidet sich am Donnerstag im Saal A215 des Hanauer Landgerichts. Dann wird Richter Dr. Peter Graßmück voraussichtlich das Urteil sprechen. Die Verhandlung ab 14 Uhr ist öffentlich.

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