Der Urteilsspruch: Wegen Mordes an seiner Frau Petra wurde der ehemalige Hanauer Rechtsanwalt Dirk M. (rechts) zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Nach Ansicht der Strafkammer übergoss er sie im März 2017 mit Spiritus und zündete sie an. Foto: Habermann

Hanau

Lebenslänglich für den Ex-Anwalt

Am Schluss bleibt eine Frage offen: Warum diese unfassbare Grausamkeit? Es scheint gerade so, als habe Dirk M. seiner Frau nicht nur das Leben nehmen, sondern ihren Körper zerstören, sie durch unerträgliche Schmerzen bestrafen wollen.

Von Dieter A. Graber

Von „Gewaltfantasien“ spricht Richter Peter Graßmück in seiner Urteilsbegründung. Fast könnte man dieser Tat einen rituellen Charakter zusprechen. Als sei es um mehr gegangen als den Tod.

Dirk M. soll dafür mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe büßen, urteilte die 1. Große Strafkammer. Ein ehemaliger Rechtsanwalt ist er und obendrein einer aus der Hanauer Schickeria, was das Interesse der Öffentlichkeit an diesem grausigen Fall noch um einiges steigert und den Zuschauerraum zum Bersten füllt.

Er hat sich nicht wirklich verteidigt. Geschwiegen hat er, fast trotzig an jedem Verhandlungstag, und bisweilen lächelnd. Er hat die Zeugen gehört und die Gutachter und mit einem märtyrergleichen Stoizismus der Höchststrafe entgegen gesehen.

Zweifel an seiner Schuld bleiben nicht. Fast lückenlos hat die Kammer das Tatgeschehen rekonstruiert. Vermutlich wollte Petra M. am Abend des 20. März 2017 endlich aus dieser fünfzehnjährigen Ehe, die eine Hölle war, ausbrechen, ihren Mann verlassen. Entsprechende Bemerkungen hatte sie kurz zuvor einer Bekannten gegenüber geäußert. Sie suche sich eine eigene Wohnung, einen neuen Job. Schluss mit den Gewaltexzessen. (Die Gerichtsmedizin wird später zahlreiche verheilte Frakturen feststellen – Nase, Rippen, Becken.) Es kommt zum Streit, irgendwann zwischen 21.55 und 8.02 Uhr am nächsten Morgen. Sie will aus dem Haus flüchten. Er prügelt sie treppauf zurück in die Wohnung. Hochparterre. Er schleppt sie ins Badezimmer. Er übergießt sie mit Brennspiritus, zündet sie an . . .

Petra M. ist da bei vollem Bewusstsein. Sie kneift noch instinktiv die Augen zu, als die Stichflamme an ihr empor schießt. Das lässt sich später anhand der Brandwunden in ihrem Gesicht nachweisen. Er duscht sie ab, entkleidet sie, streift ihr ein Nachthemd über, legt sie aufs Bett. So jedenfalls lief es nach Überzeugung des Gerichts ab. Es spricht alles dafür. Es spricht nichts dagegen. Es ist das Ergebnis einer makabren, sorgfältigen Beweisaufnahme.

Zwanzig Prozent ihrer Haut sind zerstört. Und während sie unter schrecklichen Qualen dem Tod entgegen dämmert, fährt er anderntags nach Frankfurt. Er lungert im Laden eines Freundes herum, liest Zeitung, geht zum Essen und später einen Wein trinken. Alles durch die Geodaten seines Mobiltelefons und Zeugenaussagen dokumentiert. Nach seiner Rückkehr ruft er den Notarzt. Es ist Dienstag, 21. März, 20.26 Uhr.

Der vermutete Tatablauf lässt sich durch weitere Indizien untermauern. Da ist das fingierte Telefonat, das Dirk M. im Beisein eines Bekannten mit seiner Frau „führt“, die zu diesem Zeitpunkt nachweislich bereits hirntot ist.

Ein „Schauspiel“, wie der Richter sagt. Da sind widersprüchliche Angaben, Blutspuren, Fingerabdrücke. Das alles gibt es, aber keinen einzigen Satz vom ihm, nicht den Versuch einer Erklärung. Fast hat es den Anschein, er akzeptiere die Konsequenz seines Handelns wie er sein Leben hingenommen hat, als eine Abfolge von Unausweichlichkeiten.

So mäanderte er durch die Jahre, ohne Ziel, ohne Beschäftigung, ohne Einkommen. Er lebt vom Geld seiner Frau, einer kleinen Erbschaft, von der Rente seiner Mutter. Es wird ihn kaum bedrückt haben. Vielleicht, weil er in Petra den einzigen Halt in dieser sinnlosen Existenz sah.

Es mag Liebe gewesen sein, eine kranke Art von Liebe, die sich in Gewalt manifestierte, und die Tragödie dieser Geschichte liegt darin, dass Petra M. sterben musste, weil sie aus diesem Labyrinth des Grauens flüchten wollte und dabei in ein noch größeres Grauen geriet.

Um die „besondere Schwere der Schuld“, die eine vorzeitige Haftentlassung ausgeschlossen hätte, ist Dirk M. herumgekommen. „Eifersucht“, sagt Richter Graßmück, war womöglich ein Motiv, also als niedriger Beweggrund neben der Grausamkeit das zweite Mordmerkmal. Aber das sei nicht ganz klar. Er könnte also nach fünfzehn Jahren wieder auf freien Fuß kommen. Dirk M. nahm das Urteil ohne erkennbare Gemütsregung hin.

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