Auch das Handwerk setzt angesichts des Fachkräftemangels auf das neue Programm des Kreises. Viele Handwerksbetriebe sind auf Monate ausgebucht und suchen verzweifelt Fachkräfte. Archivbild: pixabay/Capri23auto

Hanau

Landkreis stellt neues Programm "Sozialer Arbeitsmarkt" vor

Hanau. Das seit Anfang des Jahres geltende bundesweite „Teilhabechancengesetz“ hat nun auch im Main-Kinzig-Kreis (MKK) ein Gesicht. Das Jobcenter (Kommunales Center für Arbeit, KCA) stellte sein Konzept „Sozialer Arbeitsmarkt im Main-Kinzig-Kreis“ (SAM) vor, das im Juli an den Start ging.

Von Reinhold Schlitt

Betriebe, die Menschen aus einer Langzeitarbeitslosigkeit heraus einstellen, erhalten hohe und mehrjährig angelegte Lohnkostenzuschüsse.

Je länger die vorangegangene Arbeitslosigkeit (mindestens zwei Jahre) dauerte, desto höher können die Zuschüsse ausfallen. So können Lohnzuschüsse für Menschen, die fünf und mehr Jahre arbeitslos waren, in den ersten beiden Jahren bis zu 100 Prozent betragen, bevor sie in den Folgejahren dann um jeweils zehn Prozent reduziert werden.

Arbeitsplatzförderung für Langzeitarbeitslose soll verbessert werden

Bei einer mindestens zweijährigen Arbeitslosigkeit können im ersten Jahr des Arbeitsverhältnisses 75 Prozent der Lohnkosten vom KCA übernommen werden. Damit soll die Arbeitsplatzförderung für Menschen, die seit langer Zeit arbeitslos sind, wesentlich verbessert werden.

Anders als bei bisherigen Programmen gibt es hier keine Beschränkung auf so genannte „wettbewerbsneutrale“ Beschäftigungsmaßnahmen bei öffentlichen Einrichtungen. Gleichwohl können Kommunen nach Angaben der Neuberger Bürgermeisterin Iris Schröder SAM-geförderte Arbeitsplätze anbieten und müssten – zumindest kurzfristig – nicht auf starre Stellenbesetzungspläne Rücksicht nehmen.

"Paradigmenwechsel in der bundesweiten Sozialpolitik"

MKK-Sozialdezernentin Susanne Simmler (SPD) spricht von einem „Paradigmenwechsel in der bundesweiten Sozialpolitik“. Sie legt die Messlatte des Erfolgs des SAM-Programms für den Kreis mit Blick auf dessen Nachhaltigkeit sehr hoch. Im Mittelpunkt stünden nicht kurzatmige Erfolgszahlen, sondern langfristige Beschäftigungsverhältnisse, mit denen Langzeitarbeitslose ihr Leben finanziell wieder selbstständig gestalten könnten.

Wer vom Jobcenter erfolgreich für eine solche Fördermaßnahme angesprochen wurde, wird sowohl im Vorfeld als auch während der eigentlichen Fördermaßnahme durch sogenannte Coaches (Trainer) fachlich begleitet. Die Trainer sind Fallmanager, Arbeitsvermittler oder Sozialpädagogen und verfügen über weitere berufliche Hintergründe.

Sie stehen Arbeitgebern und Beschäftigten unter sozialpädagogischen wie auch unter ganz praktischen Aspekten für alle Fragen rund um das Beschäftigungsverhältnis begleitend zur Verfügung und können bei Konflikten kurzfristig vermitteln.

Programm strebt Nachhaltigkeit an

Experten sehen in dieser vorbereitenden und begleitenden Tätigkeit einen wesentlichen Schlüssel für die angestrebte Nachhaltigkeit des Programms. Bei anderen Förderprogrammen habe sich gezeigt, dass solche speziellen Arbeitsverhältnisse meist nicht am fachlichen Können oder der Lernfähigkeit der Mitarbeiter, sondern eher an deren sozialen Problemen scheitern.

„Zu den Themen, die bereits in der Vorbereitung auf ein Arbeitsverhältnis erörtert werden, müssten oftmals auch Alltagsfragen angesprochen werden, darunter die Einteilung des Geldes, die Bildung von Rücklagen bei unvorhersehbaren Ausgaben und selbst das Einpacken eines Frühstücks für die Arbeit“, wie Hans Jürgen Scherer vom KCA berichtete. Die persönliche Betreuung beginne deshalb nicht erst mit Aufnahme der Arbeit, sondern bereits deutlich davor.

Jährlich fünf Millionen Euro für die Förderung der Wiedereingliederung

Sozialdezernentin Simmler sagte: „Es ist gut, dass der Kreis nicht sofort auf den neuen Zug aufgesprungen ist, sondern sich die nötige Zeit genommen hat, ein eigenes Programm zu entwickeln.“Das KCA bündelt seine SAM-Aufgaben in einer eigenen Fachstelle, die in seiner Hanauer Zweigstelle in der Eugen-Kaiser-Straße 7 untergebracht wurde.

Dem Landkreis werden jährlich rund fünf Millionen Euro zur Förderung der Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen zur Verfügung gestellt. Das reicht für bis zu 200 förderbare Arbeitsplätze, heißt es.

Derzeit erhalten etwa 3800 Langzeitarbeitslose (seit zwei und mehr Jahren ohne Arbeitsverhältnis) Leistungen vom KCA; viele von ihnen sind nach Auskunft des Kreises aber für das SAM-Programm nicht geeignet, weil sie dem Arbeitsmarkt aus sehr verschiedenen Gründen nicht zur Verfügung stehen.

Persönliche Betreuung für Geförderte

Zum Start des Projektes am 1. Juli hat es mit über 300 Menschen im Rahmen einer Vorauswahl bereits Gespräche über eine Programmteilnahme gegeben; 80 Personen haben bereits an einem vorbereitenden Seminar teilgenommen, die ersten 18 Personen konnten inzwischen in ein Arbeitsverhältnis vermittelt werden.

Die SAM-Fachstelle ist auch für die Gewinnung von Betrieben zur Programmteilnahme verantwortlich. Derzeit laufen Gespräche mit Einzelbetrieben. Die Berufskammern unterstützen das SAM-Programm.

Dr. Gunther Quidde, Chef der Industrie- und Handelskammer Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern, gibt sich optimistisch: „Die Arbeitsmarktzahlen zeigen immer wieder, dass es Unternehmen gelingt, auch Langzeitarbeitslose oder gar Menschen aus der stillen Reserve heraus zu integrieren.“

Vorbehalte gegen Langzeitarbeitslose abbauen

Er sei davon überzeugt, dass das SAM-Projekt auf Nachhaltigkeit und nicht auf das „Erringen von Scheinsiegen“ angelegt sei.

Für die Handwerkervertretung ist die Ansprache in die Betriebe hinein wichtig, um dort Vorbehalte gegenüber Langzeitarbeitslosen abzubauen. „Wir vom Handwerk werden das SAM-Programm auf jeden Fall unterstützen“, sicherte Axel Hilfenhaus von der Kreishandwerkerschaft Hanau zu.

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