Am Hanauer Landgericht müssen sich zwei Angeklagte gegen den Vorwurf des illegalen Drogenhandels verteidigen. Symbolfoto: Kirchgessner

Hanau

Landgericht: Spur eines Drogenkuriers führt nach Steinheim

Hanau. Eine Vierzimmerwohnung am Rande der Steinheimer Altstadt. Sie soll Ende des vergangenen Jahres ein Drehkreuz für einen schwunghaften internationalen Kokainhandel gewesen sein.

Von Jasmin Jakob

Der Weg nach Steinheim führt jedoch zunächst über Passau. Am 8. Dezember haben Drogenfahnder an der Grenze zu Österreich einen spanischen „Bodypacker“ festgenommen. Er hatte versucht, ein halbes Kilogramm „Koks“ nach Wien zu bringen. Die Droge hat er in Kapseln in seinem Körper und am Körper versteckt.

Die Ermittler nehmen ihn fest und verfolgen die Spur zurück – bis in den Hanauer Stadtteil. Dann zieht sich das Netz zu. Die Observation dauert aber nicht lange. Bereits wenige Tage später taucht in Steinheim eine Dame mit dem Decknamen „Lady“ auf, die aus Madrid kommt und eine ähnliche Menge Kokain in ihrem Körper verstecken will. Jetzt schlagen die Fahnder zu.

Angeklagte will nichts von den kriminellen Machenschaften gewusst haben

In der Wohnung treffen die Beamten auf Lenin F. (32) und dessen „Freundin“ Ruth (37). Beide sitzen seit gestern auf der Anklagebank der 1. Großen Strafkammer am Hanauer Landgericht.

Die Anklage von Staatsanwältin Dr. Alexandra Georgi ist nicht ohne: Dem Paar wird vorgeworfen, sich fast ein Kilogramm Kokain mit einem Schwarzmarktwert von etwa 36 500 Euro beschafft und es in der gemeinsamen Wohnung gebunkert zu haben – um schwunghaften Handel damit zu treiben.

Die 37-Jährige will jedoch nichts von den kriminellen Machenschaften in ihrer Mietwohnung gewusst haben. Sie hatte F. in Madrid kennengelernt und habe eine Fernbeziehung mit ihm geführt.

Als F. dann im Dezember mit dem „Bodypacker“ zu Besuch kam, habe sie sich gefreut: „Ich dachte, sie würden eine Männertour hier machen.“

Lenin F. legt ein Geständnis ab

Ihre Version lässt sie vom Verteidiger verlesen und weist jede Schuld von sich. Erst als der Kontakt nach der Festnahme in Passau abgebrochen sei, habe sie gemerkt, dass „etwas nicht in Ordnung“ sei und beide in einen Drogenhandel verwickelt sein könnten. „Lenin hat sich komisch verhalten, aus den Andeutungen und dem, was ich aufgeschnappt hatte, konnte ich darauf schließen – aber ich stand in einem Gewissenskonflikt und habe mich nicht getraut, näher zu fragen, weil ich ihn nicht verlieren wollte.“ So die Version der Angeklagten, die zum Prozessauftakt nichts weiter sagt, nur nickt oder den Kopf schüttelt.

Die Version von F., der von zwei Verteidigern flankiert wird, legt vor der Kammer unter dem Vorsitzenden Richter Dr. Peter Graßmück dagegen ein Geständnis ab. Zusammen mit seinem Cousin habe er dringend Geld gebraucht und sei daher an die Drahtzieher des Handels in Madrid geraten. An „Pacco“ und „Lady“, die bereits Kokain nach Frankfurt verkauft hätten.

Familie des Angeklagten sei unter Druck geraten

Der Kunde sei jedoch mit der Qualität nicht zufrieden gewesen. Daher habe er den „Stoff“ zurückgegeben. „Pacco“, der wegen „Problemen“, die er in Deutschland habe, nicht selbst habe einreisen können, hätte also jemanden gebraucht, der die Drogen für ihn nach Wien transportiert, um sie dort weiterzuverkaufen. F. habe lediglich das „Koks“ verpackt und seinem Cousin, der die Drogen schmuggeln sollte, als „Vermittler“ assistiert.

Das Gericht ist jedoch stutzig und hakt nach: „Sie haben gesagt, dass Sie jeden Monat für drei bis vier Tage nach Steinheim geflogen sind, um ihre Beziehung zu vertiefen. Wie haben Sie denn das finanziert, wenn das Geld so knapp war?“

Billige Flüge, frühzeitig gebucht, gibt der Angeklagte als Grund an, spricht wiederholt über Geldsorgen und bricht in Tränen aus. Er sei unter Druck geraten. Der Drogenhandel könne nun gefährlich werden, wie die die Aussage von F. vermuten lässt: „Wenn meine Aussage ,Pacco' oder ,Lady' zu Ohren kommt, ist meine Familie in Gefahr.“ Will heißen: Drohungen und Einschüchterungen sind Teil des Geschäfts.

"Bodypacker" ist als Zeuge nach Urteilsprechung in Passau nicht greifbar

Er gibt an, die Angeklagte überredet zu haben, die Ware in ihrer Wohnung zu dulden, bis sie jemand abholen sollte. Sie habe sich zuerst vehement geweigert, sei dann aber eingeknickt. Schließlich habe er die Verantwortung dafür und müsse mit Konsequenzen rechnen.

Nicht überrascht war die Strafkammer, dass der „Bodypacker“ selbst nicht als Zeuge erscheint: Erst vor wenigen Tagen ist er vom Landgericht Passau zu einer Bewährungsstrafe verurteilt und aus der Untersuchungshaft entlassen worden. „Das war ein bisschen ungeschickt, was die in Passau gemacht haben“, kritisiert Graßmück, denn der Mann dürfte bereits über alle Berge sein: „Er ist aus dem Dunstkreis der deutschen Justiz entflohen“, drückt es der Vorsitzende juristisch aus.

Aber das Hanauer Landgericht hat einen langen Arm: Statt des Drogenkuriers sollen an seiner Stelle die Ermittler und prozessführenden Richter als Zeugen aussagen. Der Prozess wird am Dienstag, dem 20. August, fortgesetzt.

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