Anwalt in der Bredouille: Beim Prozessauftakt vor der 2. Großen Strafkammer musste sich der Strafverteidiger des Angeklagten einiges anhören. Symbolfoto: HA

Hanau

Kurioser Prozessauftakt: Angeklagter lehnt eigenen Verteidiger ab

Hanau. Susanne Wetzel hält sich beide Hände vor das Gesicht: „So etwas habe ich auch noch nicht erlebt!“ Die Präsidentin des Hanauer Landgerichts ist etwas konsterniert darüber, was sich in ihrem Gerichtssaal abspielt, noch bevor die Anklage vor der 2. Großen Strafkammer überhaupt verlesen wird.

Von Thorsten Becker

Roman R. gibt zunächst an, Gebäudereiniger zu sein. Nur derzeit eben nicht, denn er sitzt in Untersuchungshaft. Ihm wird die Geiselnahme sowie Körperverletzung seiner ehemaligen Schwägerin vorgeworfen. Neben ihm sitzt Dr. Andreas Bensch, Fachanwalt für Strafrecht und in diesem Fall der vom Staat bezahlte Pflichtverteidiger des Angeklagten.

Er gehört zu der Gilde der Juristen, die andere „raushauen“. Doch an diesem Morgen wird er von seinem eigenen Mandanten vorgeführt und in die Pfanne gehauen. R. will Dr. Bensch nicht: „Ich kam mir vernachlässigt vor, ich habe kein Vertrauen mehr in ihn.“ Bereits vor Tagen habe er sich daher eine andere Verteidigerin gesucht.

"Noch keine Zeit gehabt"

Doch die Verteidigerin ist an diesem Morgen einfach nicht vor der Strafkammer erschienen. Jetzt reicht es aber. Die Landgerichtspräsidentin greift selbst zum Telefon und ist bass erstaunt, was die Rechtsanwältin vorzutragen hat: Die Termine des Landgerichts würden ihr nicht passen, außerdem habe sie noch keine Zeit gehabt, die Strafakte zu lesen.

Dem Verteidiger ist die Situation sichtlich peinlich: „Das ist mir persönlich sehr unangenehm.“ Über das Verhalten seiner nicht anwesenden Kollegin, die ihm offenbar das Mandat weggeschnappt hat, ist er auch nicht sehr erfreut: „Ich finde das nicht korrekt von ihr.“

Verschiebungen kommen nicht in Frage

Aber R. beharrt darauf, dass er lieber seine Anwältin möchte, der Rechtsanwalt versucht verzweifelt, aus der peinlichen Situation herauszukommen. Er stellt den Antrag, vom Pflichtmandat entbunden zu werden. Abgelehnt! Dann wird die Vorsitzende deutlich: „Wir sind hier nicht bei 'Wünsch Dir Was'.“ Sie hat den Prozess bereits seit Monaten geplant, Terminverschiebungen kämen nicht in Frage. Punkt.

So kommt, mit fast einstündiger Verspätung, endlich Staatsanwältin Sarah Lehmann zu Wort, um die Anklage zu verlesen. Und die hat es in sich.

Der Schwester auf der Spur

R. ist als Mitglied eines Familienclans auf der Suche nach seiner abtrünnigen Schwester. Am 13. Januar soll er seine ehemalige Schwägerin in deren Wohnung an der Eberhardstraße zunächst beleidigt und geschlagen haben, um den Aufenthaltsort seiner Schwester zu erfahren. Danach soll R. die Frau aufgefordert haben, ihm ein Küchenmesser zu geben. Unter Drohungen, ihr das Gesicht zu zerschneiden, sowie übelsten Beschimpfungen sei die Frau zunächst gezwungen worden, nach Bad Orb zu fahren.

Die Schläge gingen weiter und die Odyssee setzte sich in Richtung Mainz fort. An der Autobahnanschlussstelle Nieder-Olm war dann aber Schluss. Die Polizei, die von Zeugen alarmiert worden war, nahm R. fest. Dass R. offenbar kein Kind von Traurigkeit ist, zeigte sich dann beim Blick auf die Vorverurteilungen. So ist der 33-Jährige bereits wegen Raubes zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Dr. Bensch war damals sein Verteidiger. Vielleicht ist das der Grund, warum sich die beiden Männer auf der Anklagebank nicht mehr so gut verstehen.

Der Prozess wird am morgigen Mittwoch fortgesetzt.

Das könnte Sie auch interessieren