Angehörige und Freunde der Opfer haben sich auf der Bühne am Freiheitsplatz versammelt und fordern: angemessene Erinnerung, lückenlose Aufklärung, soziale Gerechtigkeit und politische Konsequenzen.
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Angehörige und Freunde der Opfer haben sich auf der Bühne am Freiheitsplatz versammelt und fordern: angemessene Erinnerung, lückenlose Aufklärung, soziale Gerechtigkeit und politische Konsequenzen.

Gedenkfeier

Kundgebung auf dem Freiheitsplatz und Spontandemos in vielen Städten in Gedenken an die Opfer des 19. Februars

  • Jasmin Jakob
    vonJasmin Jakob
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Obwohl die große Gedenkfeier coronabedingt abgesagt wurde, fanden sich trotzdem zahlreiche Menschen auf dem Freiheitsplatz in Hanau zusammen um den Opfern der Anschläge vom 19. Februar zu gedenken. Doch nicht nur in Hanau versammelten sich die Menschen.

Hanau – Trotz coronabedingter Veranstaltungsabsage haben sich am Samstag knapp 350 Menschen auf dem Freiheitsplatz versammelt. Im Zentrum der Veranstaltung stand die Kundgebung der Familienangehörigen und Freunde der neun Terroropfer vom 19. Februar. Auf der Bühne sprachen auch Angehörige von Opfern anderer rassistisch motivierter Anschläge aus Mölln (Brandanschlag 1992), Halle (Schüsse auf Synagoge 2019) und Wächtersbach (Schüsse auf einen Eritreer 2019). Zudem bekundete Peter Fischer, Präsident des Fußballklubs Eintracht Frankfurt, seine Solidarität. Im gesamten Bundesgebiet formierten sich Spontandemos.

Entschied sich kurzfristig gegen einen Redebeitrag: Claus Kaminsky zeigt sich solidarisch.

Die Verwandten und Freunde der neun Opfer des rassistisch motivierten Anschlags hatten sich bereits gegen 14 Uhr vor den Räumlichkeiten der Begegnungsstätte der „Initiative 19. Februar Hanau“ am Heumarkt getroffen. Vom Heumarkt aus zogen sie zum Freiheitsplatz, wo sie sich zu Beginn der Kundgebung gemeinsam mit weißen T-Shirts und Schildern formierten. Darauf zu sehen waren die Gesichter und Namen der neun Opfer sowie die Forderungen der Angehörigen: „Angemessene Erinnerung, lückenlose Aufklärung, soziale Gerechtigkeit, politische Konsequenzen“, skandierten die Teilnehmer mehrfach lautstark.

Angehörige der Opfer von Hanau sprachen von den Verstorbenen

Die Angehörigen der Hanauer Opfer erzählten von den Verstorbenen, von ihren eigenen Erfahrungen mit Alltagsrassismus und wie sie die Stunden nach dem Anschlag erlebt haben. Einzelne Angehörige erhoben teils schwere Vorwürfe gegen Landesregierung und Behörden. Der Täter habe nicht im Geheimen agiert. Im Internet hatte er unter anderem mit einem Bekennerschreiben auf sich aufmerksam gemacht. „Wie kann es sein, dass dieser Täter, der so oft auffällig war, nicht aus dem Verkehr gezogen wurde?“, fragte beispielsweise Ajla Kurtovic, die Schwester des getöteten Hamza. Die Frage, ob der Anschlag hätte verhindert werden können und wo Behörden versagt haben könnten, treibt sie am meisten um. Daher forderten die Angehörigen verschärfte Waffengesetze und -kontrollen.

Auf dem Freiheitsplatz in Hanau lauschen die Menschen den Rednern der Gedenkfeier.

Nach den Angehörigen und Freunden sprach unter anderem Eintracht-Präsident Peter Fischer: „Keine Sprache der Welt findet Worte, um diese Tat zu beschreiben. Wir sind bis heute immer noch sprachlos. Aber wir müssen laut sein. Wir müssen klar machen, dass Rassismus keinerlei Chance haben darf.“

Ursprüngliche Demo zum Gedenken an die Opfer des Anschlags wurde wegen Corona abgesagt

Deutliche Worte: Peter Fischer.

Nachdem die Stadt eine Demonstration mit erwarteten 5000 Teilnehmer wegen Corona kurzfristig abgesagt hatte, galten auch für die Kundgebung strenge Auflagen. So wurde unter anderem die Personenzahl auf die bei anderen städtischen Veranstaltungen (beispielsweise im Amphitheater) festgelegte Anzahl von 249 Teilnehmern beschränkt. Zudem wurde ein Kernbereich vor der Bühne eingegittert, auf dem mit pinker Sprühfarbe 249 Punkte aufgesprüht waren, die für die Einhaltung der Abstandsregeln sorgen sollten. Hinzu kamen knapp 100 Interessierte, die sich um den Platz versammelten, um zuzuhören oder ihre Solidarität zu bekunden. Die Stimmung blieb bis zum Ende der Kundgebung friedlich.

Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) nahm selbst an der Demo teil und dankte den Anwesenden am Sonntag in einer Pressemitteilung für deren „vorbildliche Abstands- und Maskendisziplin“. Er hatte eigentlich einen Redebeitrag zur Kundgebung eingeplant, entschied sich jedoch kurzfristig dagegen. „Ich hätte in meiner heutigen Rede auf die Absage der Demonstration und Corona Bezug nehmen müssen. Das wäre eine falsche Akzentuierung gewesen“, erklärt er auf Nachfrage.

Bei der Gedenkfeier kamen auch die Angehörigen der Opfer zu Wort.

Zahlreiche Organisationen folgen dem Aufruf der Veranstalter der Hanauer Kundgebung in Gedenken an die Opfer der Anschläge

Say their Names: Auf Plakaten sind die Namen der neun Opfer des rassistischen Anschlags aufgelistet.

Dem Aufruf der Veranstalter, die Kundgebung unter dem Motto „Hanau ist überall“ an öffentlichen Orten sowie im Internet zu streamen, waren zahlreiche Menschen, Organisationen und Parteien gefolgt. So hatte sich zum Beispiel eine kleinere Gruppe von Demonstranten am Hanauer Marktplatz versammelt. Auch in zahlreichen anderen Städten wie Frankfurt, Darmstadt, Kassel, Berlin, Hamburg, Hannover, Köln, Leipzig, Stuttgart und München hatten sich Menschen zu Spontandemos oder Live-Übertragungen der Kundgebung getroffen.

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