Die aktuelle Band: Der Bläsersatz verstärkt die meisten Nummern phänomenal, sie pumpt den Druck der Songs noch mehr auf, die Musiker liefern teilweise atemberaubende Soli ab. Foto: Rainer Habermann

Hanau

Konzertsommer: Wolfgang Niedeckens BAP begeistert stundenlang

Hanau. Wer hätte den Auftakt in die Konzertsaison im Hanauer Amphitheater besser hinbekommen als die Musiker mit dem „deutschen Bob Dylan“, der Kölner Rock- und Polit-Poesie-Legende Wolfgang Niedecken als Frontmann?

Von Rainer Habermann

BAP schaffte die Fans sprichwörtlich, am Freitagabend. Drei Stunden lang alte bekannte und neue prickelnde Songs gingen wie vom Fließband. Das Publikum lachte, sang mit, sang sogar ganz alleine den „Wellenreiter“, hatte Spaß, tanzte, wiegte sich bei „Do kanns zaubre“. Und erinnerte sich aus mindestens 2600 Kehlen am Ende: „Verdammt lang her“, beim klassischen Fetzer des „Majors“ Klaus Heuser; des Gitarristen, der schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr zur BAP-Formation gehört.

Das Amphitheater war ausverkauft, aber restlos. Schon bei der Anfahrt durch Kesselstadt erwartete man das. Parkschlangen bis hinab zum Wasserturm zu beiden Seiten der Landstraße oder entlang der Alleen nach Wilhelmsbad. Noch eine halbe Stunde nach Konzertbeginn trudelten Gäste unter der proppevollen Zeltkuppel ein, weil sie eine ziemliche Wegstrecke zu Fuß zurücklegen mussten. Und fanden denn auch nur Stehplätze außerhalb des Amphirunds. Was soll's: Bei solchen Ereignissen, bei denen mit einem Massenansturm zu rechnen ist, wird das Amphitheater ohnehin nicht bestuhlt. Und, mal ehrlich: BAP im Sitzen zu hören, würde der Musik irgendwie nicht gerecht.

Die aktuelle Band: Der Bläsersatz verstärkt die meisten Nummern phänomenal, sie pumpt den Druck der Songs noch mehr auf, die Musiker liefern teilweise atemberaubende Soli ab. Foto: Rainer Habermann

Das Konzert unter dem Tourneemotto „BAP: live undamp; deutlich“ beginnt mit dem Aufmarsch der acht Musiker auf die Bühne, gefolgt von Niedecken. Ergebnis: frenetischer Jubel der Fans, BAP hat in Hanau Heimspiel. Seit Juni 2018, dem Auftritt im Münchener Circus Krone, wo auch das gleichnamige Livealbum mit fast 30 Titeln entstand, ist die Band fast immer in der gleichen Besetzung unterwegs; mit den drei Bläsern Axel Müller (Saxofon), diesmal Johnny Johnson (Posaune) und Christoph Moschberger (Trompete).

Der Bläsersatz verstärkt die meisten Nummern phänomenal, sie pumpt den Druck der Songs noch mehr auf, die Musiker liefern teilweise atemberaubende Soli ab. Das gilt vor allem für Müller, der bei einigen Nummern eine Art „saxo furioso“ bläst. Das erste Stück des Abends ist quasi Programm. „Drei Wünsche frei“, eigentlich eine BAP-Hymne aus dem Kalten Krieg von 1984, bildet den Einsteiger für eine Vielzahl alter und uralter BAP-Songs.

Lied wieder aktuell

Dazu gehören die „Ruut-wieß-blau querjestriefte Frau“, bei der Niedecken „et Kölsche Jrundjesetz“ propagiert: „Et es wie et es“. Oder der „Waschsalon“, in den der Kölner deshalb unwahrscheinlich gerne mit seiner Dame des Herzens geht, weil: „Du hest Ahnung von der Technik, von der ich nix verstonn“. Songs wie „Anna Anna, dreh dich net üm“, „Aff un zu“, bei dem Niedecken sich an seine alte rote Kastenente erinnert (Citroen 2CV Kombi, für die jüngeren unter den Lesern), mit der er einst in den 70ern zu ersten Auftritten außerhalb der Dom-Metropole gefahren sei; oder „Absurdistan“, ein etwas neueres Stück, in dem Niedecken die „Brot und Spiele“- und die „Geiz ist geil“-Mentalität aufs Korn nimmt.

Das Lied könnte mehr Aktualität im Hinblick auf die „Fridays for future“-Bewegung gewinnen denn je, mit der Zeile: „Viel zu lange ha'm wir alle akzeptiert, dass man Fakten einfach ignoriert“.

Der „deutsche Bob Dylan“: Wolfgang Niedecken genießt sichtlich den Auftritt im Amphitheater. Foto: Habermann

Und dann kommt der Song, auf eine ganz eigene Weise mit den Bläsern neu interpretiert, von dem der Kölner Liedermacher im Stil eines Bruce Springsteen oder eines Bob Dylan (beide sind große Vorbilder Niedeckens) sagt: „Ich habe immer gehofft, dass dieser Song irgendwann mal überflüssig würde. Aber er wird und wird es nicht“: „Kristallnaach“. Die Stimmung im Amphirund ist schier unbegreiflich, Sympathiewellen spülen vom Publikum auf die Bühne, werden gebrochen und jagen zurück.

Man hat das Gefühl, BAP ist in Hanau zu Hause, nach immerhin fünf Konzerten in zehn Jahren im Amphitheater. Alle hat die Frankfurter Konzertagentur Shooter organisiert, und waren es 2009 noch rund 1500 Gäste, die die Kölsche Kultband hören und sehen wollten, so hat sich das im Laufe der Jahre so gut wie verdoppelt. Unvergessen ist auch der Gig 2012, als der „Local Hero“ Christian Felke aus Freigericht an Saxophon und Querflöte die Band unterstützte. Und BAP-Urgestein Jürgen Zöller noch die Schießbude bediente (seit 2014 sitzt Sönke Reich am Schlagzeug).

Stürmisch geforderte Zugaben

Anne de Wolff, die einzige Frau in der „Ahl Männer, aalglatt“-Riege (Songtitel aus dem Jahr 1986), hatte damals ebenfalls einen ihrer seit 2006 üblichen Gastauftritte an Violine, Cello, Mandoline oder Backing Vocals. Seit 2014 gehört auch sie fest zum Ensemble. Und steht beim Konzert die ganze Zeit nur fast verschämt mit Bassist Werner Kopal am seitlichen Bühnenrand.

Bis sie bei den zahlreichen und stürmisch vom Publikum geforderten Zugaben endlich ihre tollen Fähigkeiten nach vorne bringt: beim grandiosen „Stell dir vüür“. Auch Zöller, der Ex-Drummer, der in der Nähe wohnt, steht in der Reihe derer, die sich neben Niedecken vom Publikum verabschieden. Es ist zu hoffen, dass die „Live undamp; deutlich“-Tournee von BAP keine Abschiedstour von der Bühne war. Das Zeug dazu hätte sie aber allemal. Denn sie ist zweifellos ein „Best of“ aller BAP-Songs. Außer vielleicht dem „Müsli Män“; den spielten die Kölner nicht. Denn alles hat seine Zeit.

Das könnte Sie auch interessieren