Gefühlvoll wie eh und je: Gregor Meyle an der Gitarre. Foto: Reinhard Paul

Hanau

Konzertsommer: Gregor Meyle begeistert in Wohnzimmeratmosphäre

Hanau. Zehn Gitarren stehen auf der Bühne des Amphitheaters am Schloss Philippsruhe, die mit Vintage- Scheinwerfern und herunterhängenden Glühlampen puristisch, fast wie eine provisorische Bühne unter freiem Himmel eingerichtet ist und eine ganz besondere Atmosphäre erzeugt.

Von Jasmin JakobUnter dem Zeltdach merkt man nichts von dem Unwetter, das am Freitagabend über Hanau zieht. Gregor Meyle gibt mit seiner Band vor knapp 2000 Zuschauern eines seiner Sommerkonzerte. Vor ihm betritt die Band die Bühne im Amphitheater und heizt die Stimmung schon mal richtig ein – Gitarrist Markus Vollmer bildet als Sänger mit zwei weiteren Bandmitgliedern die Vorgruppe – und die kann sich hören lassen. Dann kommen acht weitere Musiker dazu.

Als Meyle auf die Bühne tritt, spielt die Band bereits, das Publikum jubelt, und er stellt die Bandmitglieder einzeln vor.

Er begrüßt das Publikum und hat es sofort auf seiner Seite: „Wir sind zum ersten Mal in Hanau und ich weiß gar nicht, warum. Hanau ist auf jeden Fall eine Reise wert – es ist so schön, dass ihr heute alle da seid.”

"Es war super schön und hat sich angefühlt wie ein ganz kleines Konzert im Wohnzimmer. Die Band ist einfach toll, und jeder hat seinen Part dazu beigetragen." Andreas und Sandra Frick Hanauer Publikum ist von Anfang an textsicher und gut gelaunt

Mit seiner Band hat er ein halbes Orchester dabei, das neben klassischen Instrumenten wie Violine, Querflöte, Klavier, Kontrabass, Saxophon, Posaune und Trompete einige exotischere Instrumente wie etwa eine Hawaii-Gitarre, ein Banjo oder eine Ukulele im Gepäck hat. Elf Vollblutmusiker stehen mit ihm auf der Bühne, die allesamt mehr als ein Instrument spielen konnten und immer wieder unerwartet ein neues hervorzauberten.

Los geht es mit Gute-Laune-Liedern, wie „Die Leichtigkeit des Seins“. Begleitet wird er gesanglich von Laura Bellon, die vor allem in einfühlsamen Duetten mit ihrer wunderschönen Stimme glänzte. Zuerst testet Meyle die Männer im Publikum, die in den Refrain des Lieds „Die wunderschönsten Dinge“ einstimmen sollen. Als diese sofort einstimmig und laut einsteigen, ist er völlig verblüfft. „Ich hätte jetzt gedacht, dass ihr erstmal überrascht seid. Aber das klappt ja ziemlich gut. Wie viele Männer sind denn heute Abend freiwillig da?“ Das sind gar nicht mal so wenige. Das Hanauer Publikum ist von Anfang an textsicher und sehr gut gelaunt. 4000 Hände klatschen, bewegen sich rhythmisch in der Luft.

"Das ist natürlich ein Traum und pure Angeberei mit dieser Band"

Meyle stand schon mit acht Jahren singend und Gitarre spielend auf der Bühne. Bekannt wurde er 2007 inder ersten Staffel von Stefan Raabs Casting-Show mit dem sperrigen Namen „SSDSDSSWEMUGABRTLAD“, bei der er den zweiten Platz hinter Stefanie Heinzmann erzielte. Seit 2008 veröffentlicht er alle zwei Jahre ein neues Album und tourt durch Deutschland. 2014 nahm er an der Fernsehserie „Sing mein Song“ teil – und hat sich die Bandmitglieder der beiden TV-Shows „unter den Nagel gerissen“, wie er selbst sagt. Seine Musiker stammen unter anderem aus den Bands „Heavytones“ und „Grosch's Eleven“.

„Das ist natürlich ein Traum und pure Angeberei mit dieser Band, ohne die ich nichts wäre“, sagt Meyle bescheiden. Und wenn man ihn noch nie alleine auf der Bühne gehört hat, glaubt man ihm das vielleicht. Denn die Band ist großartig. Jeder einzelne Musiker bekommt sein eigenes Solo und setzt der harmonischen Gesamtleistung die Krone auf.

Ein Highlight toppt das andere

Als Meyle dann aber alleine mit Gitarre und Klavier- und Geigenbegleitung ein traurigeres Lied anstimmt, ist dieses so bewegend, dass es im Publikum ganz ruhig wird. Spätestens dann wird klar: Meyle kann auch ohne Band überzeugen.

Ab der Hälfte des Konzerts toppt ein Highlight das andere. Etwa das wunderbar gefühlvolle Lied „Das Schönste auf der Welt“, das Meyle nach der Geburt seiner Tochter für sie geschrieben hat. Oder eine musikalische Reise durch verschiedene Musikstile – die neben Pop, Rock und einfühlsamen Balladen, Hip-Hop, Jazz- und Reggae-Elemente abdeckt und in eine schottische Vergangenheit “heute vor 300 Jahren” führt. Der Posaunenspieler Johannes Gold überrascht mit einer Rappeinlage, und vor allem der Geiger Christian Herzberger gibt mit schottischen Rhythmen das Tempo vor.

Einmal ist das Publikum so gebannt und still, dass Meyle fragt „Seid ihr noch da?“ Die Zuschauer jubeln, Meyle fordert das Publikum auf, in die Hocke zu gehen, alle machen mit. Die Musik wird schneller, dann stehen 2000 Leute gleichzeitig auf und springen im Takt der Musik.

„Ich kenne wenige Leute, die live so gut sind! Gregor Meyle ist so ein symphathischer Typ und sehr authentisch. Das ganze Konzert war ein Highlight, weil alle Musiker selbst so viel Spaß hatten."Annika Fischer und Anna Spengler Zugabe hat es als emotionalstes Highlight des Abends in sich

Das Konzert endet mit dem Lied „Niemand“ – dem Song, mit dem Meyles Karriere begann. Dafür erntet er euphorischen, minutenlangen Applaus und laute „Zugabe“-Rufe. Und die Zugabe hatte es in sich! Vier Lieder spielen Meyle und Band.

Hierfür setzt sich Meyle selbst ans Klavier, spielt und singt zunächst alleine das Lied „stolz auf uns“, das er seiner verstorbenen Mutter gewidmet hat. Das ist so bewegend, dass im Publikum, das vorher mitgesungen, viel gelacht und getanzt hatte, einige Tränen fließen. Mittendrin steigen Herzberger und Bellon mit den Geigen ein.

Danach spielen Meyle und Band noch zwei Lieder gemeinsam auf der Bühne, und Meyle legt ein E-Gitarren-Solo hin. Im Laufe des Konzerts hatte er auf sieben verschiedenen Gitarren gespielt. Bei einem romantischeren Lied zückt das gesamte Publikum Feuerzeuge und Handytaschenlampen und erzeugt ein Lichtermeer.

Musiker mischen sich ohne Mikrophone und Verstärker unters Publikum

Meyle hatte sich eigentlich schon mit den Worten „Herzlichen Dank für diesen einzigartigen und wunderschönen Abend verabschiedet“ und versprochen, wiederzukommen, als das schönste Highlight des Konzerts noch aussteht: Die Musiker stöpseln ihre Instrumente ab, verlassen die Bühne und gehen mit ihnen und ein paar Lampen direkt ins Publikum. Komplett akustisch, ohne Verstärker oder Mikrophone liefern sie ein wunderschönes Duett ab – und das Publikum ist so mucksmäuschenstill, dass man die Band unter den 2000 Leuten hören kann – so zart, so gefühlvoll und so unverfälscht, wie man es von Konzerten sonst nicht kennt.

Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören – und wer hier nicht dabei war, hat wirklich was verpasst!

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