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„Kontrast ist das A und O“: Rundgang mit Sehbehindertem durch Hanauer Innenstadt

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Von: Christian Spindler

Tückische Spitze: Das stilisierte Boot der Märchen-Skulptur am Deutschen Goldschmiedehaus ragt gefährlich über den Sockel.
Tückische Spitze: Das stilisierte Boot der Märchen-Skulptur am Deutschen Goldschmiedehaus ragt gefährlich über den Sockel. © MORITZ GÖBEL/SCHEIBER

Marc-Eric-Peter hat lediglich fünf Prozent Sehkraft. Bei einer Tour durch die Hanauer Innenstadt berichtet er von tückischen Stellen, nennt aber auch positive Beispiele.

Hanau – „Da drüben der Paddler. Das ist auch so eine Sache“, sagt Marc-Eric Peter und deutet mit seinem Blindenstock eine Richtungsänderung an. Paddler? Auf dem Altstädter Markt? Wenige Schritte weiter wird klar, was er meint: Die Skulptur auf dem Hanauer Märchenpfad, die dem „Teufel mit den drei goldenen Haaren“ gewidmet ist. Marc-Eric Peter umfasst mit der Hand das, um was es ihm geht: Die lange Metallspitze des Bootes, die etwa 50 Zentimeter über den Sockel der Skulptur ragt. Was Peter kennt, kann für andere Sehbehinderte oder Blinde zur gefährlichen Falle werden. Es ist nicht die Einzige, wie ein Rundgang mit Marc-Eric Peter in der Innenstadt zeigt.

Peter hat nur fünf Prozent Sehkraft. „Das mag für Sie wenig klingen“, sagt er auf dem Weg durch die Fußgängerzone, „aber ich komme ganz gut zurecht.“ Der Rundgang beweist es. Der Blindenstock, mit dem Marc-Eric Peter stetig über den Boden tastet und potenzielle Hindernissen abklopft, ist für ihn quasi zu einem Sinnesorgan geworden. Wer Menschen wie Peter, der von Geburt an stark sehbehindert ist, begleitet, nimmt vieles plötzlich anders wahr. „Kontrast ist das A und O“, sagt Peter. Wenn kaum Kontraste zu erkennen sind – beispielsweise bei einem dunklen Poller auf dunklem Pflaster – wird es schwierig. So etwas gibt es auch in Hanau reichlich.

Innenstadt-Umbau Hanau: Viele Verbesserungen für Sehbehinderte

Es gibt aber auch positive Beispiele, weil im Zuge des Innenstadt-Umbaus auch für Sehbehinderte viel gemacht wurde. Das war unabdingbar. Denn wo neue Bushaltestellen oder Überwege angelegt werden, sind die Kommunen gesetzlich verpflichtet, auch Hilfen für Sehbehinderte oder Blinde zu installieren. Darum gibt es in Hanau relativ viele sogenannte Aufmerksamkeitsfelder an potenziellen Gefahrenpunkten: Helle Pflastersteine mit Rillen, in denen der Blindenstock von Marc-Eric Peter am Überweg am Kanaltorplatz gleitet. Die Rillen geben die Richtung vor, Noppenfelder weisen auf neuralgische Punkte hin. So ein Leitsystem ermöglicht es Sehbehinderten und Blinden, auch schwierige Übergänge wie etwa zur Bushaltestelle auf dem Kreisel am Kanaltorplatz zu bewältigen. Zudem gibt es an vielen Ampeln akustische Signale, die zum einen auf die Ampel an sich hinwiesen; zum anderen kann mit einem verdeckten Knopf ein Tonsignal angefordert werden, das darauf hinweist, wann Grün ist. Und an Bushaltestellen mit elektronischen Anzeigetafeln können Blinde und Sehbehinderte per Knopfdruck Fahrplanansagen abrufen.

Tückische Stellen gibt es dennoch reichlich. Eine auch am Kanaltorplatz. Am Übergang zur Bushaltestelle verläuft ein abschüssiger Radweg in Richtung Westbahnhof-Unterführung – „ausgerechnet noch mit einer nicht einsehbaren Kurve“, erläutert Peter. Und während er das sagt, fährt wie zur Untermauerung dessen ein Radler ganz knapp und rasant an ihm vorbei ...

Hanau: Sehbehinderter lobt Zusammenarbeit mit Stadt

Marc-Eric Peter, der beruflich beim Amtsgericht tätig ist und an seinem Arbeitsplatz einen speziellen Computer mit Software für Sehbehinderte nutzt, engagiert sich seit Langem im Leitungsteam des Blinden- und Sehbehindertenbundes Hanau. Er ist dessen Sprecher für Umwelt, Verkehr und Mobilität. Um die 200 Mitglieder zählt die hiesige Bezirksgruppe. Wie viele Sehbehinderte und Blinde es in Deutschland gibt, weiß man nicht genau. Sie werden nicht erfasst. Schätzungen sprechen von 1,2 Millionen. Rund ein Fünftel dieser Menschen sind blind, erläutert Peter, vier Fünftel hätten starke Sehbehinderungen – und es „werden mehr“, erklärt Marc-Eric Peter, weil die Bevölkerung einerseits immer älter wird, andererseits Augenerkrankungen mit zunehmendem Alter häufiger sind.

In Hanau sei die Zusammenarbeit mit der Stadt „mittlerweile wirklich gut“, lobt Peter beim Rundgang. Vor dem City-Umbau wurde auch der Blinden- und Sehbehindertenbund gehört. Und ein „Checker-Team“ der Initiative „Menschen für Hanau“, bei dem Marc-Eric Peter den Sehbehinderten- und Blindenbund vertritt, ist immer wieder im Stadtgebiet unterwegs, um Barrierefreiheit zu überprüfen.

Sehbehinderung: Stolperfalle am Congress-Park Hanau

Dabei wurde zuletzt unter anderem eine Stolperfalle direkt an der Bushaltestelle vor dem Eingang zum Theatersaal des Congress-Parks Hanau kritisiert. Der tückische Betonstein liegt ausgerechnet über einem schräg verlaufenden Kopfsteinpflaster. Immerhin: Die Stadt habe Abhilfe versprochen, heißt es.

In anderen Fällen ist es Gedankenlosigkeit, die Blinden und Sehbehinderten zu schaffen macht, wenn beispielsweise Geschäfte Werbetafeln auf die hellen Leitstreifen stellen. Auch die kniehohen Pfosten und Abtrennungen an neuen Baumscheiben sind für Sehbehinderte kaum zu erkennen, weil sie dunkel sind. Das gelte auch für die Pfosten von Straßenschildern, die auf Gehwegen stehen, wie Peter an einem Beispiel unweit des Heumarkts demonstriert. Abhilfe sei mitunter relativ einfach möglich, meint er: mit hellen Klebestreifen an solchen Schilderpfosten. Beispiele dafür gebe es auch in Hanau. Die Brüder-Grimm-Stadt sei im Übrigen im Vergleich zu anderen Städten recht gut aufgestellt, hat Peter bei Reisen festgestellt.

Das relativiert Manches, auch wenn gleichwohl Wunderlichkeiten bleiben. Zum Beispiel das Relief des alten Hanau, das am Eingang der Altstadt vom Freiheitsplatz kommend an der Ecke Marktstraße aufgestellt worden ist und das Blinden und Sehbehinderten eine ertastete Anmutung vom historischen Hanau geben soll. Marc-Eric Peter nähert sich dem nur vorsichtig, obwohl – oder besser – weil er weiß, was droht. Sein Blindenstock vollführt Halbkreise. Peter will sicher sein, dass er im Wortsinn nicht zu weit geht: Denn auf drei Seiten ist das schmucke Relief lediglich über drei Stufen zu erreichen. Und die sind nicht nur dunkel, sondern verlaufen unregelmäßig. Akute Sturzgefahr. Vor allem für Sehbehinderte. (Christian Spindler)

„Wie bunt ist Hanau?“

Alle bisherigen Teile unserer Serie „Wie bunt ist Hanau?“ sind nachzulesen im Internet unter hanauer.de. Die Serie, die das Miteinander in Hanau thematisiert, endet am Samstag, 19. Februar. Morgen lesen Sie einen Bericht über den „Checker-Stammtisch“ von Menschen in Hanau. Was läuft gut, wo gibt es Verbesserungsbedarf?

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