Die Utensilien liegen für die Köche bereit: Guliano, Laslo Bauer (Pädagoge von Lichtblick), Jutta Knisatschek (Geschäftsführerin), Ricardo Carou Dietz, Alessandro Ciani und Philipp Schrader (von links). Foto: Jasmin Jakob

Hanau

Koch-Aktion mit Klienten der Wohnungslosen-Hilfe

Hanau. Klienten der Wohnungslosen-Hilfe haben an einer Koch-Aktion der Stiftung Lichtblick teilgenommen. Mit professionellen Köchen zauberten die 25 Teilnehmer ein Mehr-Gänge-Menü. Für die Klienten der Wohnungslosen-Hilfe, die schwere Schicksalsschläge hinter sich haben, ein ganz besonderes Erlebnis.

Von Jasmin Jakob

Frische Petersilie, saftige Tomaten, zehn Päckchen Butter, rote Zwiebeln und einige Papiertüten vom Wochenmarkteinkauf liegen auf der Theke des Bistros der Stiftung Lichtblick. Sie trennt die Küche vom Gastraum. Die drei großen Tische darin sind gut besetzt: 25 hungrige Mägen gilt es zu sättigen.

Hier kochen heute Abend ein Hobby- und zwei Profi-Köche. „Wer uns helfen will, kann gerne mitmachen“, sagt Ricardo Carou Dietz, der Filialleiter des Filialverbunds Hanau/Alzenau der Hypovereinsbank. Er organisiert seit 2015 jährlich eine Koch-Aktion für Menschen mit „besonderen sozialen Schwierigkeiten“, die Hilfe bei der Stiftung suchen: „Uns hat die Gruppe der Wohnungslosen-Hilfe letztes Jahr sehr berührt“, erzählt Carou Dietz. „Daher haben wir für dieses Jahr darum gebeten, hier wieder etwas zu machen.“

Besonderer Wert für ehemalige Obdachlose

Die Frage, ob jemand mithelfen möchte, lässt sich einer nicht zweimal sagen. Der 24-jährige Guliano sei bereits einige Jahre obdachlos gewesen und ist nun ein Klient der Wohnungslosen-Hilfe. Er nimmt gleich Kontakt zu dem Küchen-Trio auf und will von deren Fachwissen profitieren: „Ich hab einfach Bock zu kochen“, sagt er motiviert, „und freue mich riesig, von den Profis zu lernen. Wenn man mal auf der Straße gelebt hat, dann hat das natürlich einen ganz besonderen Wert.“

Er fühlt sich pudelwohl bei der Stiftung und weiß deren Beratung zu schätzen: „Ich bin dankbar, dass es Lichtblick gibt. Ich wüsste sonst nicht, wo ich wäre. Die verurteilen einen nicht. Hier kann man Mensch sein.“ Er übernimmt das Schneiden der Tomaten, zur Vorspeise gibt es nämlich Bruschetta Originale.

Lange Tradition bei der Stiftung Lichtblick

Gemeinsames Kochen hat bei der Stiftung bereits eine lange Tradition: Vor zehn Jahren hat der Pädagoge Laslo Bauer einen monatlichen Kochabend für die Klienten der Wohnungslosen-Hilfe initiiert, heute ist er der Ehrengast der Koch-Aktion. Der 63-Jährige verabschiedet sich nämlich zum Jahresende in den Ruhestand.

„Laslo hat ihnen gezeigt, wie sie sich gesund und preisgünstig ernähren können, mit dem wenigen Geld, das ihnen zur Verfügung steht“, erzählt Jörg Mair, der Leiter der Abteilung Betreutes Wohnen. Viele der Anwesenden hätten nämlich erst wieder lernen müssen, in einen Alltagsrhythmus zu kommen, einzukaufen, Essen vorzubereiten, zu kochen. Einmal in der Woche sind die Klienten der Wohnungslosen-Hilfe daher am regelmäßigen Kochabend dafür verantwortlich.

Schicksalsschläge führten zu Obdachlosigkeit

„Das ist jetzt natürlich etwas ganz Besonderes für uns, dass Profi-Köche für uns kochen“, erzählt ein Mann, der nicht mit Namen genannt werden will. Alle erzählen gerne auf Nachfrage ihre Geschichte, von den Umständen, die sie in die Wohnungslosigkeit getrieben haben: Ein Schlaganfall, eine Suchterkrankung, der Tod naher Angehöriger, Mieterhöhungen nach der Sanierung der Wohnung, die mit Sozialhilfe nicht mehr bezahlbar waren, wenig Rente oder eine überraschende Kündigung des Jobs und der Wohnung.

Ein Schicksalsschlag sei selten allein gekommen: „Ganz viele haben jahrelang bei Bekannten oder auf der Straße gewohnt“, erzählt Bauer. Nur einer erzählt, dass er einen alternativen Lebensentwurf gesucht habe, weil er Lohnarbeit als „moderne Sklaverei“ ablehne.

Eingespieltes Team in der Küche

Heute Abend können die Klienten und ihr Ehrengast sich aber ganz entspannt zurücklehnen und andere durch die Bistro-Küche der Stiftung wirbeln lassen. Und die kennen sich dort mittlerweile sehr gut aus: Ricardo Carou kooperiert bereits seit mehr als zehn Jahren mit der Stiftung, hat schon mehrere Kochabende organisiert und seine guten Freunde mitgebracht: die Profi-Köche Alessandro Ciani (gelernter Koch und Berater für Gastronomie-Konzepte und Großhandel) und Philipp Schrader (Lehrer für Köche an den Beruflichen Schulen Gelnhausen), die ihn ehrenamtlich bei dem Projekt unterstützen.

Die Gäste unterhalten sich angeregt bei ausgelassener Stimmung und genießen es sichtlich, sich von den Profis kulinarisch überraschen zu lassen. Und während sie sich bei einem Quiz mit Scherzfragen und Allgemeinwissen vergnügen, das Bistro-Mitarbeiter Andres Perez zusammengestellt hat, drang schon langsam ein betörender Duft aus der Küche.

Mitarbeiter und Klienten wie eine Familie

Guliano hilft fleißig mit, die Zutaten zu schneiden, serviert, räumt ab und spült das Geschirr. Als er die italienische Vorspeise zu den Tischen bringt, wird es plötzlich erstaunlich still: Genüsslich sieht man ringsum die Gäste in die Bruschette beißen. Währenddessen schmoren schon marinierte Hühnerschenkel im Ofen, der Kartoffelstampf und der gebratene Rosenkohl stehen auf dem Herd.

Als das eingespielte Küchen-Trio mit Gulianos Hilfe den Hauptgang auf der Theke anrichtetet, werden weitere Gäste neugierig. So auch der zwei Meter große Ali. Er kann es kaum erwarten, endlich etwas davon zu kosten. Daher springt er Guliano bei und reicht seinen Freunden und Bekannten freudestrahlend die warmen Teller. Die Mitarbeiter und Klienten der Stiftung seien für viele bereits eine Familie geworden, sagen sie.

Schicksale gehen ans Herz

Diese Atmosphäre berührt auch Carou Dietz, der sich noch gut an die Begegnungen früherer Kochprojekte erinnert: „Bei einer Zigarette im Hof kommt dann doch mal das ein oder andere Schicksal hoch, wo man denkt, das kann einem auch passieren“, sagt er nachdenklich.

Ein Gespräch werde er nie vergessen, da sagte nämlich ein Klient der Wohnungslosen-Hilfe: „Das Schönste war, dass ihr euch überhaupt erst mit uns an einen Tisch gesetzt habt, um mit uns zu essen“, erzählt Carou Dietz und auch seine Freunde erinnern sich noch gut daran. „Da waren wir alle drei kurz vorm Heulen“, sagt Ciani. Das zeige, wie viel es den Menschen bedeutet habe, ihnen auf einer Augenhöhe zu begegnen. Daran werde deutlich, mit welch großer Ablehnung sie alltäglich zu kämpfen hätten.

Und nicht nur die Wohnungslosen nehmen ein gutes Gefühl mit nach Hause. Auch Philipp Schrader freut sich jedes Jahr auf das Ereignis: „Das Besondere an dem Projekt ist der Austausch mit den Menschen, die Gespräche. Man bekommt einfach so viel zurück. Das gibt Energie, von der man zehren kann.“

Nachtisch ist der krönende Abschluss

Nachdem auch der letzte Teller leergeputzt war, waren sich die Gäste einig: „Das war wirklich gut!“, „Eine Geschmacksexplosion!“ Ein anderer sagt: „So was Gutes hab ich schon lange nicht mehr gegessen, das war wie im Restaurant.“ Zum krönenden Abschluss gab es dann noch ein knusprig-warmes, zimtiges Apple Crumble.

Am Ende des Abends wollen die Klienten Carou und die Köche gar nicht mehr gehen lassen, bedanken sich mehrfach. Der ein oder andere umarmt die drei bei der Verabschiedung und versucht sie bereits für das nächste Jahr zu verpflichten.

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