Das Gericht ist weiterhin darum bemüht, die Vorgänge auf der "Main River Ranch" aufzuklären. (Symbolbild)

Hanau

Klock-Prozess: Gutachter hält teilweise "Affekttat" für möglich

Hanau. Das Gericht ist weiterhin darum bemüht aufzuklären, was am Mittag des 6. Juni 2014 auf der „Main River Ranch“ genau passiert ist. Am jüngsten Verhandlungstag machte ein Gutachter nun deutlich, dass er eine teilweise „Affektat“ für möglich hält.

Von Dieter A. GraberEs gibt da diesen Moment im Leben des Claus Pierre B., den er als eine Art „Rausch“ beschreibt. Nun ist Claus Pierre B. beileibe kein rhetorisches Talent. Im Prozess sagt er kein Wort. Er ist ein stiller, in sich gekehrter junger Mann. Aber mit dem forensischen Psychiater Ansgar Klimke hat er gesprochen über diesen Augenblick am Mittag des 6. Juni 2014.

„Ich war in Panik“, erzählte er. Harry Klock habe ihm die Luft an der Kehle abgedrückt und das Messer auf die Brust gesetzt. Todesangst. Adrenalin. Panik. Er habe nicht weiter nachgedacht. „Es gelang mir, ihm das Messer abzunehmen. Dann stach ich zu. Immer wieder.“ Vielleicht 20-mal. Ein Rausch eben. Die Einstiche ließen sich später nicht mehr exakt zählen. Erst als sein Vater sagte „Hör auf, er ist doch tot“ sei er wieder zur Besinnung gekommen.Gutachter will Tat im Affekt nicht ausschließenWar es eine Tat im Affekt? Klimke mag das nicht ausschließen, jedenfalls für den Teil des Vorgangs, der „die Tötungshandlung“ betrifft. Ab dem siebten, achten Stich also. Eine tiefgreifende Bewusstseinsstörung könnte da vorgelegen haben. Einfach so? Aus heiterem Himmel, wie man zu sagen pflegt?

An diesem verhängnisvollen Freitag vor Pfingsten zeigte sich der Himmel tatsächlich heiter über dem Mainufer bei Dörnigheim. Zumindest meteorologisch. Was das Verhältnis zwischen den Klocks einerseits und Vater und Sohn B. andererseits betraf, war das Leben auf der Main River Ranch längst von einem schweren Tief geprägt. Zu Klimke sprach Claus Pierre B. von Erniedrigungen durch das Ehepaar, auch gewaltsamer Art.

„Auf meiner Ranch gelten meine Gesetze“Da ist die Geschichte von dem Regenfass, in das Harry Klock ihn mit dem Kopf getaucht habe bis er fast ertrunken wäre, eine Art Waterboarding als Strafe für Insubordination. „Auf meiner Ranch gelten meine Gesetze“, habe Klock getönt.

Von vielen verbalen Gemeinheiten ist die Rede, die sich auf Claus Pierres karibische Herkunft beziehen. Seine Mutter stammt von dem französischen Überseedépartement Gouadeloupe. Es sind böse Worte. Manchmal können böse Worte böse Taten auslösen. Aber, wohlgemerkt, es ist die Darstellung des Angeklagten. Er hat sie auch in seiner „Chronik“ so festgehalten, eine fast minutiöse Schilderung jener Ereignisse auf der Main River Ranch, wie sie schließlich in die Tragödie führten.13 neue Beweisanträge gestelltDie Nebenklageanwälte Bauer und Dietrich stellen 13 neue Beweisanträge. Sie wollen eine ganze Zeugenriege aufmarschieren lassen, die bekunden soll, dass zumindest Klaus-Dieter B., der Vater, ein jähzorniger, angsteinflößender Mensch gewesen sei. Die beiden Männer hätten das Finanzamt betrogen, mal eine Wohnung vermüllt zurückgelassen und – zum Zwecke des Brotschneidens – stets feststehende Messer bei sich getragen.

Die Anträge entbehren nicht einer gewissen komischen Tragik, erwecken sie doch den Eindruck eines desperaten Versuchs, auf den letzten Metern dieses Verfahrens noch eine Wende zu schaffen, einen erneuten Freispruch zu verhindern. Rechtsanwalt Michael Bauer spricht jedenfalls von den Toten trotzig als „dem ermordeten Ehepaar“ und „der umgebrachten Frau Klock“.Oberstaatsanwalt übt sich in SachlichkeitOberstaatsanwalt Jürgen Heinze, der mit seiner juristisch einwandfreien Revisionsbegründung dieses erneute Klock-Verfahren überhaupt erst ermöglichte, übt sich hingegen in Sachlichkeit. Da ist beispielsweise die Waffe, mit der Sieglinde Klock erschossen wurde. Es war eine Walther P.38, die Standard-Ordonnanzpistole der deutschen Wehrmacht. Heinze sagt, er habe bei Bundeswehr damit noch geschossen. Das muss aber der Nachfolger, die P1, gewesen sein. Eine schwierig zu handhabende, aufgrund ihrer enormen Geschossenergie extrem laute halbautomatische Pistole. Der Umgang erfordere viel Übung. „Mit einer Hand kann man damit gar nicht schießen.“

Der Ankläger hat ein paar YouTube-Videos aufgetan, die den enormen Rückstoß beim beidhändigen Abfeuern demonstrieren. Er empfiehlt sie der Kammer als „Beweisanregung“. Vorsitzende Wetzel sagt milde lächelnd, man könne sich die Filmchen am nächsten Verhandlungstag „Warm-up“ ja mal anschauen. Verfahrensentscheidende Bedeutung werden sie wohl kaum mehr haben.

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