Stefan Kunkel zog interessante parallelen zwischen dem 16. Jahrhundert und heute. Foto: Bender

Hanau

Kirche 2.0: Stefan Kunkel spricht über "Luther und die Medien"

Hanau. Stefan Kunkels Auffassung die Kirche müsse das Medium Internet für sich nutzbar machen, stößt am Freitagabend bei einer gemeinsamen Veranstaltung des „evangelischen forums hanau+“ und unserer Zeitung auf Zustimmung. Bemerkenswert: Die Zeitungswelt steht vor der gleichen Herausforderung.

Von Marc-Thorben Bühring

Im Druckhaus an der Donaustraße sind die Gäste zusammengekommen. Eine mächtige Halle, spärlich beleuchtet, ausgeräumt, ungenutzt und normalerweise kalt. Auf dem Boden sind Arbeitsspuren zu erkennen. Ein Drehkreuz, das noch intakt ist, wirkt in der Mitte des Raumes etwas verloren. Dessen Sinn erschließt sich nur, wenn man weiß, was vorher in dieser Halle stand.

Dort, wo jetzt ein Loch – kein sehr tiefes, aber von der Fläche doch großes – im Boden klafft, genau dort stand bis vor gut einem Jahr eine Druckmaschine. Tag für Tag wurde dort unsere Zeitung gedruckt. Am Freitagabend strahlen lediglich zwei Lichtkegel gen Decke. Sie stehen für die zwei Drucktürme.

Luther-Jahr der MedienrevolutionEine imposante Inszenierung, finden die Gäste. Wo sie heute sitzen, lagerten früher riesige, bis zu 1,5 Tonnen schwere Papierrollen. Die leere Halle ist vom „evangelischen forum hanau+“ und dem Verlag bewusst gewählt. „Wir befinden uns hier in unserer eigenen Geschichte“, sagt Pfarrer Dr. Steffen Merle. Und kaum ein Ort könnte die aktuellen Entwicklungen wohl kaum besser erzählen.

Im Luther-Jahr steht die Gesellschaft vor der nächsten Medienrevolution. Die große Frage: Wie gehen Kirche und Verlag mit der Digitalisierung um? Verweilt man in alten Traditionen und Denkmustern? Hält die Kirche das, was sie macht, weiter für den Heiligen Gral? Oder wird es bald ein normales Bild sein, dass der Pfarrer die Predigt vom Ipad abliest?

Zeitreise ins 16. JahrhundertKunkel, selbst Publizist und nach eigener Aussage Freund des gedruckten Wortes, erklärt, warum sich die Situation im 16. Jahrhundert gar nicht so sehr von der heutigen unterscheidet. „Um das zu verstehen, müssen wir eine kleine Zeitreise machen“, sagt Kunkel. Die beginnt zunächst rund 100 Jahre vor Luther. Jan Hus, Theologe und Reformator, hatte im Grunde die gleiche Idee wie Luther. Die Botschaft zu den Menschen zu bringen, nicht die Menschen zur Botschaft. Doch warum scheiterte Hus? Was war der Unterschied zu Luther? Auf den Punkt gebracht: die technische Entwicklung. Die Erfindung der Buchpresse durch Gutenberg etwa. Erst dadurch wurde es Luther möglich, seine Botschaft zu verteilen.

Plötzlich konnten Drucker wie der Nürnberger Kaspar Nützel Luthers Botschaft weiter verbreiten. „Heute würde man sagen, er hat eine illegale Kopie erstellt, aber damals nahm man es mit dem Copyright noch nicht so genau“, sagt Kunkel scherzhaft. Doch genau das war es, was Luther so erfolgreich machte. Plötzlich war Luther bekannt. Und das nicht nur in einem kleinen Kreis, sondern in fremden Städten. Auch, weil Lukas Cranach als Medienmogul ein Bild von Luther und dessen Frau Katharina von Bora in Stückzahl produzierte und verkaufte.

Luther wie ein Youtube-StarLuther wurde so in Städten, in denen er noch nicht gewesen ist, erkannt. Cranach erschuf sozusagen das erste Instagram-Profil, zieht Kunkel wieder die Parallele zu heute. Und Luther? Der war so etwas wie ein Youtube-Star mit zig Followern, der von der Viralität – die es so im 16. Jahrhundert ja eigentlich gar nicht gegeben hatte – profitierte.

Der Unterschied zwischen Hus und Luther wurde aber erst 1973 so richtig deutlich. Und damit springt Kunkel an den dritten Punkt seiner kleinen Zeitreise. Der amerikanische Soziologe Mark Granovetter publizierte seinen Aufsatz „The Strength of Weak Ties“ (Die Stärke schwacher Verbindungen). Hus bewegte sich in einem Netzwerk, das geprägt war von starken und engen Verbindungen, dadurch aber auch sehr klein blieb. Luther hatte ein Netzwerk, welches weniger von starken Verbindungen geprägt war, dafür aber viel größer wurde. „Er bewegte sich an den Rändern der Netzwerke“, so Kunkel. „Und Veränderungen beginnen immer an den Rändern.“

Lose VerbindungenMit seiner Theorie ist Granovetter bei Informatikern der wohl meist zitierteste. Auf seinen Überlegungen basieren Netzwerke wie Facebook und Twitter. Das Problem: Netzwerke tendieren zu starken Bindungen. „Ein Problem, das alle Netzwerke haben. Die Kirche sowieso“, meint Kunkel. Es sei also gar nicht so erstrebenswert, dass man eine Gemeinde mit einer großen Treue habe. Vielmehr profitiere die Kirche von losen Verbindungen. Denn nur über diese sei die Verbreitung möglich. Nur über diese erreiche die Kirche neue Zielgruppen. Nur so komme die Botschaft wieder zu den Menschen – und nicht die Menschen zur Botschaft, sprich in den Gottesdienst.

Aus dem Plenum kam der berechtigte Einwand, dass dieser Ansatz viel mehr im Fokus stehen müsse, als die Digitalisierung. Doch diese macht das Erreichen der losen Verbindungen, um im Wortgebrauch von Granovetter zu bleiben, erst möglich. So wie die Erfindung der Buchpresse die Verbreitung vor 500 Jahren ermöglichte. Verstehen Kirche und Verlage diese Entwicklung als Chance, dann wird das Internet eben doch zu einem Geschenk Gottes.

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