Gutachter sagt in Prozess um Hanauer Kindermord aus - Seine Diagnose ist eindeutig

  • vonThorsten Becker
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Bei dem Prozess um den Kindermord in Hanau hat ein Gutachter nun ausgesagt. Er hat eine klare Meinung zu der Angeklagten.

  • In dem Prozess um den Mord an dem kleinen Jan hat nun ein Gutachter ausgesagt
  • Der Junge wurde im August 1988 in Hanau getötet
  • Der Gutachter hat ein klares Fazit zu der Angeklagten

Es ist der 20. Tag der mündlichen Hauptverhandlung im Mordprozess um den getöteten Jan H. vor der Schwurgerichtskammer. Seit Oktober 2019 ist sehr viel gesagt worden. Und auf allen Seiten wird geschrieben. Der Ankläger, Richter, Verteidiger – selbst die 72-jährige Angeklagte Sylvia D. schreibt oft emsig vor sich hin. Dr. Dieter Marquetand, der forensisch-psychiatrische Gutachter in diesem spektakulären Prozess, hat bislang sehr viele Fragen an die Zeugen gestellt und sehr viel notiert. 

Heute schreibt er nicht, heute wechselt er auf den Zeugenstuhl und erstattet sein Gutachten. Über zwei Stunden sagt er aus. Der riesigen Gerichtsakte fügt er 40 neue Seiten hinzu – ein schriftliches Psychogramm der wegen Kindesmords angeklagten Frau, die seit Jahrzehnten vorgibt, mit Gott im persönlichen Kontakt zu stehen – und die als mutmaßliche Sektenführerin noch immer Menschen um sich schart, die das offenbar glauben. „Ob es sich nun um eine geschlossene religiöse Gruppierung oder um eine Sekte handelt – aus psychologischer Sicht ist das völlig irrelevant“, stellt der Gutachter fest, der vor allem die Schuldfähigkeit der Angeklagten zu untersuchen hat. 

Hanau: Marquetand muss für sein Gutachten auf Akten und Aussagen aus dem Prozess zurückgreifen

D. hat mit ihm nicht gesprochen, Marquetand muss sich auf den Akteninhalt und sämtliche Aussagen der bislang gehörten Zeugen stützen. Aber seine Diagnosen sind eindeutig: Die ausufernden Monologe und langen Beschimpfungen aus den abgehörten Telefonaten, das manipulative Auftreten und die schweren Drohnungen zeigten, dass „Frau D. die Nummer eins in der Gruppierung“ war und ist. Sie habe durchgehend das Denken und Tun der Gruppe bestimmt. Diese religiöse Selbstdarstellung und -überschätzung sei zwar „schwer abnorm“, stelle aus medizinischer Sicht aber keine Psychose wie beispielsweise einen Wahn dar.

 „Ich komme zu dem Ergebnis, dass kein krankhafter Verlauf vorliegt“, so Marquetand. Allerdings diagnostiziert er eine schwere narzisstische Persönlichkeitsstörung, die auch im Tatzeitraum um den 17. August 1988 vorgelegen habe. „Es gibt mehrere Kriterien, von denen für eine solche Diagnose drei zutreffen müssen“, so Marquetand weiter: „Frau D. erfüllt alle Charakteristika.“ Sie weiche deutlich von den Normen ab durch ihre skurrilen Glaubensvorgaben. Die übelsten Beschimpfungen seien ein Beweis für die Affektivität. Zudem sei sie in großem Maße unflexibel. „Wenn man Frau D. kritisiert, dann verliert sie schnell die Fassung.“ 

Prozess: Angeklagte aus Hanau zeige laut Gutachten einen Mangel an Empathie

Aus allen vorliegenden Beweisen sieht Marquetand zudem einen „manipulierenden Umgang mit anderen Menschen – aus Mangel an Empathie“. Ein Einfühlungsvermögen gebe es bei der Angeklagten überhaupt nicht. „Es ist nicht vorhanden.“ 

Trotzdem, so der Gutachter, habe D. im Jahr 1988 wissen müssen, dass es nicht richtig sein kann, ein vierjähriges Kind in einen Sack zu stecken. „Sie ist Krankenschwester gewesen. Frau D. müsste bekannt gewesen sein, dass Fixierungen von Patienten, beispielsweise mit einer Zwangsjacke, niemals die Atmung der Menschen behindern darf.“ 

Hanau: Sohn habe seine Mutter während des Prozesses schwer belastet

Die Ideologie, Kinder seien angeblich schon in jungen Jahren „schuldig“, sei zwar abstrus, führe jedoch nicht dazu, dass D, keine Einsicht in ihre Handlungen habe. „Das Wissen um das Verbotene kann nicht gefehlt haben“, so der Gutachter, der abschließend „keinerlei Beeinträchtigung der Schuldfähigkeit“ attestiert. Zuvor sitzt auf Antrag der Verteidigung ein 49-Jähriger, ehemaliger Freund von Martin D., auf dem Zeugenstuhl. Die beiden Rechtsanwälte versuchen, weitere Hintergrundinformationen über den Sohn der Angeklagten zu sammeln, der seine Mutter schwer belastet hat und somit als Hauptbelastungszeuge gilt. Allerdings kann sich der Ex-Freund kaum noch an die Begebenheiten im Haus erinnern, den Namen des Bruders von Martin D. muss er raten. Er hat seinen ehemaligen Kumpel nur noch schemenhaft in Erinnerung: „Das ist mehr als 25 Jahre her.“ 

Die Freundschaft sei beendet worden, weil Martin D. plötzlich extrovertiert gewesen sei und ihn übergangen habe. Wie lange der bereits bis in den August hinein terminierte Prozess dauert, ist ungewiss. Denn gestern stellten die beiden Verteidiger noch zahlreiche Beweisermittlungsanträge. Darin fordern die Rechtsanwälte die Vernehmungen weiterer Zeugen sowie die Verlesung mehrerer Akten – darunter auch die Dokumente über Erbstreitigkeiten innerhalb der Familie D., die nach dem Tod von Walter D. vor rund drei Jahren begonnen hatten.

Rubriklistenbild: © Mike Bender (Archiv)

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