Mammutprozess im Visier: Die 1. Schwurgerichtskammer (Dr. Niels Höra, links und Dr. Peter Graßmück) hat die Beweisaufnahme verlängert und Verhandlungstage bis in den August 2020 terminiert. Foto: Mike Bender

Hanau

Kindermord-Prozess: Viele Fragen nach zehn Verhandlungstagen

Hanau. Immer wieder hält sich Ulrike D. die Hände vor das Gesicht, schüttelt leicht den Kopf. Die 47-Jährige überlegt, das Kopfschütteln wird heftiger: „Nein, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.“

Von Thorsten Becker

Das sagt die Adoptivtochter mehrfach an diesem Morgen, dem zehnten Verhandlungstag im Mordprozess gegen ihre Mutter und Sektenführerin Sylvia D., die im August 1988 den vierjährigen Jan D. getötet haben soll.

Hatte Ulrike D. am ersten Tag ihrer Vernehmung harsche Vorwürfe gegen die Angeklagte erhoben, so relativiert sie nun, findet auch positive Aspekte: „Ich habe meine Mutter lieb, aber eine ganz andere als diese hier“, sagt sie. Und sie berichtet darüber, dass sie so um das Jahr 2006 versucht habe, wieder mit ihren Eltern in Kontakt zu kommen. Ein gebrauchter Kleinwagen sei ihr geschenkt worden, im Unternehmen der Familie habe sie eine recht ordentlich bezahlte Stelle als Putzhilfe bekommen.

„Ich hatte den Eindruck, dass sie mir diese Geschenke gemacht hat, um wieder etwas gutzumachen“, meint die 47-Jährige. Doch ebenso wird deutlich: Die Frau ist, wie sie selbst sagt, von den Ereignissen „traumatisiert“, hat noch lange nicht alles verarbeitet.

Vor allem, als die beiden Verteidiger urplötzlich Kinderfotos aus dem Familienalbum vorlegen. Viele dieser Bilder hat Ulrike D. „noch nie gesehen“. Ab und zu laufen ihr die Tränen.

Haarsträubende Vorwürfe und groteske Begebenheiten

Nach zehn Verhandlungstagen hat die 1. Schwurgerichtskammer unter dem Vorsitzenden Richter Dr. Peter Graßmück bislang vor allem das Umfeld zum mutmaßlichen Tatgeschehen ermittelt. Dabei sind haarsträubende Vorwürfe und groteske Begebenheiten aus dem Leben der sektenähnlichen Gruppe aus der Hanauer Weststadt bekannt geworden.

Sylvia D. soll allen Ernstes direkt von Gott ihre Befehle und Deutungen erhalten und diese an ihre „Anhänger“ weitergeleitet haben. Das behaupten zumindest die Eltern des getöteten Jungen. Jan H. soll „von Gott geholt“ worden sein, als er in einem Leinensack angeblich an Erbrochenem erstickt ist.

Erschütternd ist dabei, das Vater und Mutter über den Tod ihres Kindes völlig emotionslos berichtet haben und die Angeklagten noch in Schutz nehmen. Ganz anders die Aussage einer Sekten-Aussteigerin, die an drei Verhandlungstagen über massive Misshandlungen und Vernachlässigungen der zahlreichen Kinder im Hause D. berichtete. Schläge, übelste Beschimpfungen, Erniedrigungen, Isolation. Krassere Gegensätze können Zeugenaussagen nicht haben.

Lächerliche Aktionen der Sekte

Hinzu kommen Berichte über abstrus bis lächerliche Aktionen der Sekte, die vor einem angeblichen „Einmarsch der Russen“ nach Spanien geflüchtet sein soll. Oder die „Energiezeiten“ zwischen den erwachsenen weiblichen Anhängern und dem ehemaligen Priester D., die wohl eher der sexuellen Befriedigung gedient haben dürften.

Auf der anderen Seite steht eine namhafte Werbe- und Medienproduktionsfirma, das wirtschaftliche Standbein der Familie D. und ihrer Anhänger, das auch im Auftrag der Stadt und anderer großer Unternehmen gearbeitet hat. So hat die Kammer bereits im Ansatz Aussagen dazu bekommen, wie eng die finanziellen Abhängigkeiten dort sind.

Doch diese Vergehen und Verbrechen wie beispielsweise die Misshandlung Schutzbefohlener sind heute, nach über 30 Jahren, nicht mehr zu ahnden – sie sind endgültig verjährt. Dennoch legen die fünf Richter großen Wert darauf, das Umfeld zu beleuchten, wie der Vorsitzende erneut betont.

Verhandlungstage reichen nicht aus

Aus diesem Grund reichen die bislang angesetzten elf Verhandlungstage bei Weitem nicht aus. Denn die Zeugenliste ist noch sehr lang. Wie am Donnerstag bekannt wird, könnte es ein weiterer Marathonprozess am Landgericht werden, denn die Kammer hat inzwischen Verhandlungstage bis zum 4. August 2020 anberaumt.

Der Verteidigung sind alle diese Anschuldigungen ein Dorn im Auge. „Das alles hat mit der eigentlich angeklagten Tat, zu der wir noch sehr wenig gehört haben, nichts zu tun“, bemerkt Rechtsanwalt Matthias Seipel, der immer wieder darauf verweist, dass es haltlose Vorwürfe gegen sene Mandantin seien und der Ausfluss einer Rufmordkampagne gegen D. und die Firma.

Im Zentrum des Prozesses steht die Frage: Wie und warum musste Jan H. am 18. August 1988 sterben? Doch nach zehn Verhandlungstagen wird es immer zweifelhafter, dass der kleine Bub, wie vor 31 Jahren von Kripo und Staatsanwaltschaft festgestellt, nur Opfer eines tragischen Unfalls gewesen ist.

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