Immer mehr düstere Machenschaften der Sekte um Sylvia D. kommen ans Licht. Eine Aussteigerin berichtet von dramatischen Zuständen. Archivbild: Mike Bender

Hanau

Kindermord-Prozess: Sollte ein weiterer Junge sterben?

Hanau. Am siebten Verhandlungstag im Mordprozess um den getöteten Jan H. hat erneut die Zeugin P. ausgesagt. Sie spricht von "Gehirnwäsche" und "Telefonterror" und erfährt, dass auch ihr Sohn möglicherweise in Todesgefahr war. Die Tagebucheinträge der Angeklagten scheinen eindeutig.

Von Thorsten Becker

Die Zeugin ist erschüttert, hält sich beide Hände vors Gesicht. Sie schluchzt. „Das ist doch eine Mordplanung“, sagt sie leise vor sich hin. Im Verhandlungssaal der 1. Schwurgerichtskammer am Hanauer Landgericht wird es ganz still. Der Vorsitzende Richter Dr. Peter Graßmück lässt Birgit P. Zeit.

Die 61-Jährige sitzt erneut auf dem Zeugenstuhl. Sie ist Aussteigerin aus der obskuren Gemeinschaft in der Hanauer Weststadt und sagt im Prozess gegen die mutmaßliche Sektenanführerin Sylvia D., die unter Mordanklage steht, aus. Was sie aus der Fassung bringt, ist die Frage von Oberstaatsanwalt Dominik Mies. Der Ankläger will wissen, ob P. auch dieses „Traumbild“ des Ehepaars D. kennt.

Mutter ist geschockt von den Tagebucheinträgen

Und die Passage aus dem sichergestellten „Tagebuch“ wird Bildschirmen im Saal gezeigt: Der „Alte“ werde „mit J. den direkten Weg“ gehen. „Er will den Tod von J. zu einem Zeitpunkt einbetten, dass es zu keinen Reaktionen kommt.“ J. ist der Sohn der 61-jährigen Zeugin, die bis Ende der 1980er Jahre ebenfalls der Sekte angehörte.

„Nein, das wusste ich bisher nicht“, sagt P. mit zittriger Stimme aus. „Das ist unglaublich.“ Der schwere Verdacht steht nun im Raum: Nach dem mysteriösen Tod des vierjährigen Jan H., der am 17. August 1988 starb und nach Ansicht der Sektenmitglieder „vom Alten“ (also: Gott) geholt worden sei, sollte offenbar noch ein anderes Kind „geholt“ werden.

Sektenmitglieder haben sich isoliert

Am zweiten Tag ihrer Vernehmung muss P. viele kritische Fragen von Graßmück und Mies beantworten. „Warum haben Sie ihren Sohn nicht in den Kindergarten gegeben?“, will der Vorsitzende Richter wissen. Das ehemalige Sektenmitglied gibt – anders als zuvor die Eltern von Jan H. – detailliert Auskunft: „Das war nicht gewollt. Am Ende waren wir alle isoliert.“ Es habe weder Freundschaften noch Kindergeburtstage gegeben. Heute sieht sie das anders: „Es wäre im Nachhinein besser gewesen, ihn in den Kindergarten zu geben.“

Der Kontakt der Mitglieder zur Außenwelt sei auf Geheiß von Sylvia D. auf ein Minimum beschränkt worden. „Das war ein geschlossenes System.“ Selbst von den Nachbarn, zu denen freundschaftliche Bande bestanden, habe sie sich distanzieren müssen.

Verschimmeltes Obst und Gemüse zum Essen

Offenbar sind die Mitglieder Sylvia D. hörig gewesen. „Das war Gehirnwäsche. Das habe ich erst gemerkt, als ich da raus war“, sagt P. aus und berichtet über skurrile „Befehle“ und ekelhafte Details: Sie habe ständig Kuchen backen müssen, selbst als sie aus dem Haus an der Keplerstraße bereits „verstoßen“ gewesen sei. Zudem hätten die Sektenmitglieder aus Obst und Gemüse die „Schimmelecken herausschneiden“ müssen. „Das Essen war gruselig.Sie hat uns immer vorgegeben, was zu machen ist – wir alle hatten Respekt vor ihrer Autorität.“

Wie rüde sich der Ton von D. anhört, wird am siebten Verhandlungstag ebenfalls bekannt. Mit aggressiver Stimme beschimpft sie ihren Mann am Telefon. „Das ist ihre Stimme“, bestätigt P., als sie die Sequenz im Saal hört. Diese stammt aus der Telefonüberwachung im Zuge der neuen Ermittlungen gegen D.. Darin scheint es recht brisante Aufzeichnungen zu geben, denn die Verteidiger haben bereits Einspruch gegen die Verwertung des Beweises erhoben.

P. zeichnet erschreckendes Bild des getöteten Vierjährigen

P. wiederholt an diesem Tag ihre Beobachtungen des wie eine Mumie eingewickelten Jan im Badezimmer des Anwesens. Noch dazu hat sie ihre Erinnerungen aufgezeichnet. Auch den Moment, an dem sie den Vierjährigen zum letzten Mal gesehen hat. Es ist eine Zeichnung eines dünnen, gebeugten Kindes. „Er hatte Ringe unter den Augen, einen finsteren Blick und konnte gar nicht richtig laufen“, berichtet die Aussteigerin: „Er hatte keine einzige Freude mehr am Leben.“

Distanziert habe sie sich von der Sekte erst, als ihr eigener Sohn rüde Behandlung und Schimpftiraden erfahren und beinahe mit einem der Säcke, in den die Kinder gesteckt wurden (wir berichteten) stranguliert worden sei. 1990 verließ sie Hanau. Von den „Energiezeiten“, bei denen es angeblich auch um sexuelle Befehle an die weiblichen Sektenmitglieder ging, hat sie erst im Nachhinein erfahren. „Da kann ich froh sein, dass ich da schon weg war und das nicht mitmachen musste“, sagt die Aussteigerin.

Dass sie sich seit rund fünf Jahren erneut mit diesen Themen beschäftigt, hält sie nicht hinter dem Berg. Die Aussteiger hätten Kontakte geknüpft und stehen bis heute in Kontakt. Viele hätten versucht, ihre damaligen Leben aufzuarbeiten.

Aussteigerin empfindet Wut und keinerlei Mitleid

Keinen Hehl macht P. daraus, dass es schließlich das gemeinsame Bestreben gewesen sei, den Fall vonJan H. unter die Lupe zu nehmen. Keineswegs gehe es darum, den Werbeverlag, der von den Ds. gegründet wurde, zu schädigen. Der Ankläger hakt nach. „Was empfingen Sie heute für die Angeklagte?“, will Oberstaatsanwalt Mies wissen. „Sehr viel Wut – aber kein Mitleid“, so die Zeugin. „Auch Rache?“, hakt Mies nach. P.: „Nein, keine Rache, auf diese Ebene lasse ich mich nicht hinab.“

Die Frau, die nach eigenen Worten ein „Martyrium bis hin zu Selbstmordgedanken“ durchlebt und heute noch Gewissensbisse habe, weil sie nicht früher eingeschritten sei, will „andere Menschen warnen“. „Es geht darum, Gerechtigkeit zu bekommen – dass der Tod dieses Kindes gesühnt wird.“

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