Harsche Vorwürfe vom eigenen Sohn: Die wegen Mordes an dem vierjährigen Jan H. angeklagte Sektenanführerein Sylvia D. wird auch am elften Verhandlungstag vor dem Hanauer Landgericht wieder schwer belastet. Archivfoto: Mike Bender

Hanau

Kindermord-Prozess: Sohn der Angeklagten spricht von Martyrium

Hanau. Der Sohn der Angeklagten Sylvia D. hat am elften Verhandlungstag des Prozesses um den Mord am vierjährigen Jan H. ausgesagt. Er erzählte von dem Martyrium, das die leiblichen Söhne aber vor allem die Adoptivsöhne erleiden mussten. Gewalt stand auf der Tagesordnung.

Von Thorsten Becker

Es ist ein Tag der Blicke. Kurz bevor die Richter den Saal betreten, starren sich die wegen Mordes an dem vierjährigen Jan angeklagte Sylvia D. und Manuel D., der auf dem Zeugenstuhl sitzt, gegenseitig an. Kein Wort. Dann blickt Manuel weg. Immer wieder kommt es während der Zeugenaussage zu eindringlichen Blicken der Angeklagten.

Sohn hätte Aussage verweigern können

Immerhin ist es ihr leiblicher Sohn, der an diesem Tag aussagt. Und das, obwohl ihn der Vorsitzende Richter Dr. Peter Graßmück eindringlich belehrt, dass der 41-Jährige als nächster Verwandter ein umfassendes Zeugnisverweigerungsrecht besitzt. „Sie können also nichts sagen, aufstehen und gehen.“ Doch Manual D. ist sich sicher: „Ich stehe nicht auf – und ich gehe nicht.“ Fast fünf Stunden dauert seine Vernehmung.

Und dann ist da noch ein kurzer Blick des Zeugen. Als eines der letzten existierenden Fotos von Jan H. auf den Bildschirm des Verhandlungssaals projiziert wird. Oberstaatsanwalt Dominik Mies will wissen, ob der Zeuge den kleinen Buben, dessen mysteriöser Tod das Gericht seit dem 22. Oktober vergangenen Jahres beschäftigt, wiedererkennt.

Manuel D. ist sichtlich bewegt, als er den kleinen Jungen sieht, wie er am Tisch sitzt. „Geht es bei Ihnen?“, fragt Mies nach. Der Zeuge, sichtlich betroffen, nickt. Bereits zuvor nennt er die Gründe: Er habe ein „großes Schuldgefühl“, sagt er aus: „Ich bin da rausgekommen – Jan nicht.“

Kinder wurden angebrüllt und geohrfeigt

Gegenüber seiner Mutter nimmt er kein Blatt vor den Mund und berichtet detailliert über das Martyrium, das die Kinder im Haus an der Keplerstraße erdulden mussten. Er und sein Bruder hätten es als leibliche Kinder noch „vergleichsweise gut“ gehabt. „Mein Bruder und ich waren ja so eine Art Thronfolger.“

Anders die Adoptivkinder. „Sie war brutal in jeder Hinsicht.“ So seien die Kinder immer wieder aus den nichtigsten Anlässen angebrüllt worden. „Es wurde gedroschen mit dem Kochlöffel, immer wieder gab es Ohrfeigen“, eine seiner Schwestern habe die Angeklagte „an den Haaren gepackt und durch den Flur geschleift“.

Über die Jahre habe sich die Gewalt „immer mehr gesteigert“. Die Adoptivkinder seien zudem immer wieder eingeschlossen worden. Er selbst habe diese „Schließerei“ ausführen müssen. „Es waren Anweisungen, es hat mir keinen Spaß gemacht.“

Pflegekinder wurden in Säcke gesteckt

„Sie mussten Ihre Geschwister wegsperren? Die waren aber doch zum Teil sehr viel älter als Sie?“, hakt der Staatsanwalt nach. „Ja, aber so war das“, beteuert Manuel D., der die Gruppierung als „Sekte, die alle Kriterien erfüllt“, bezeichnet.

Noch schlimmer ging es den „Pflegekindern“: Die kleineren, darunter Jan, seien in Leinensäcke gesteckt worden. Wie zuvor die anderen Aussteiger bestätigt auch Manuel D., dass Jan verteufelt und als „Reinkarnation Hitlers“ bezeichnet worden sei.

Sohn spricht von Gehirnwäsche

Von Kindesbeinen an sei er von seiner Mutter infiltriert worden. Das sei so weit gegangen, dass Sylvia D. ihre angeblichen „Träume“ umgehend mit ihm besprechen wollte. „Ich war wohl schon in der Grundschule, da hat sie mich öfters mitten in der Nacht geweckt und stundenlange Monologe gehalten."

Immer wieder habe seine Mutter sich als Heilsgestalt aufgespielt: „Sie hatte die absolute Überzeugung, dass das, was sie macht, richtig ist.“ Es sei ein System aus Heilsversprechen und Drohungen gewesen: „Sie war wie eine Feuerwalze.“ Doch die „Gehirnwäsche“, wie der 41-Jährige sie heute bezeichnet, scheint bei ihm nicht komplett gewirkt zu haben. „Als ich 18 wurde, wollte ich nur eines: Ich wollte nur noch raus, nur noch weg. Heute bin ich froh.“

Keine Erinnerung an Tod von kleinem Jan

Die Vorwürfe, er und die anderen Aussteiger würden eine Hetzkampagne gegen Sylvia D. und die Hanauer Medienproduktionsfirma führen, weist der Art-Direktor weit von sich. „Ich will keinen Cent aus diesem Laden. Ich habe auch keinen Kunden von A. mitgenommen. Ich will kein Geld, ich willgar nichts von denen.“

Auch mit Rache habe das nichts zu tun. „Wenn ich Rache wollen würde, dann: Dass ich heute mein Leben führe, so wie ich es will.“ Neben den harschen Anschuldigungen gegen seine Mutter kann Manuel D. zum eigentlichen Geschehen, das zum Tod von Jan H. geführt hat, keine Aussage machen. „Alles, an was ich mich erinnern kann, ist, dass mein Bruder auf der Treppe gestanden hat und wohl alles mitbekommen hat. Danach haben wir in unserem Zimmer 'Risiko' gespielt.“

Mehrfach haken Richter und Staatsanwalt nach. Doch der 41-Jährige bleibt dabei: „Ich weiß es nicht mehr, ich war damals neun Jahre alt.“

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