Die Angeklagte Sylvia D. soll sich und ihren Kindern einigen Luxus gegönnt haben, während die Sektenmitglieder Schlachtabfälle essen mussten. Archivbild: Mike Bender

Hanau

Kindermord-Prozess: Sektenführerin hat Mitglieder ausgebeutet

Hanau. Am achten Verhandlungstag im Prozess um den getöteten Jan H. wurde zum dritten Mal die Aussteigerin aus der Sekte, Birgit P., vernommen. Sie berichtet von finanzieller Ausbeutung und ihrer Flucht aus der Sekte.

Von Thorsten Becker

Die „göttlichen Eingebungen“ hat die mutmaßliche Sektenanführerin Sylvia D., die wegen Mordes an dem kleinen Jan H. angeklagt ist, offenbar nicht nur spirituell genutzt, um ihre kleine Schar von „Jüngern“ hörig zu machen. Offenbar hat sie die Situation der wenigen Familien, die ihr bedingungslos gefolgt sind, auch finanziell ausgenutzt.

Sektenführer lassen es sich gut gegen - Mitglieder essen Schlachtabfälle

„Von den Ds. wurde immer nur das Feinste vom Feinsten angeschafft“, sagt Birgit P. aus, die erste Sektenaussteigerin, die in diesem Prozess gehört wird. Bereits am dritten Verhandlungstag in Folge sitzt sie auf dem Zeugenstuhl und spricht von „Sonderrechten“, die das Paar offenbar ausgenutzt haben.

Generell sei in der Gruppe Sparsamkeit das oberste Gebot gewesen, Wochenmarkt und Schlachtabfälle seien verarbeitet worden (wir berichteten). Die „niederen Mitglieder“ hätten sich jedoch kaum etwas leisten können. „Wir haben alle Sachen vom Flohmarkt getragen“, sagt P. und berichtet, das sei eine ihrer „Aufgaben“ gewesen. „Ich habe ein gutes Augenmaß und habe dann für alle gebrauchte Kleidung gekauft.“

Kindern wurde das Spielzeug abgenommen

Selbst der Friseurbesuch sei ein „göttliches Tabu“ gewesen. Ihre Freundin, die einen Faible für neue Trends gehabt habe, sei deshalb in Ungnade gefallen. „Ich habe mir die Haare selbst geschnitten und war so etwa der Haus- und Hof-Friseur.“

J., der Sohn der Aussteigerin, habe selbst unter dieser von oben verordneten Askese leiden müssen. „Mein Vater hat ihm Legosteine mitgebracht. Am anderen Tag mussten die Steine abgegeben werden – angeblich habe Gott das so gewollt. Frau D. hat sie dann ihren leiblichen Söhnen gegeben. J. war so traurig, denn er hatte sich so über das Geschenk von seinem Opa gefreut – das war für mich ganz schlimm“, gibt sie zu Protokoll. Doch Widerspruch gegen die Befehle von Sylvia D. sei zwecklos gewesen.

Kein Protest gegen Ungerechtigkeiten

An diesem Tag ist es Dr. Dieter Marquetand, der psychatrisch-forensische Gutachter in dem Verfahren, der P. sehr eingehend befragt. „Frau D. hat sich also auf Kosten anderer bereichert?“, will er wissen. Zeugin P. wird konkret: Sylvia D. habe sich die „teuerste Kosmetik aus Frankreich schicken lassen“, sie selbst habe ihr ein Kleid aus Samt nähen müssen. Das alles geschah offenbar ohne Protest: „Man hatte immer das Gefühl, dass man etwas geben muss“, so die 61-Jährige zu ihrem damaligen Verhalten. „Mir war damals nicht bewusst, dass ich gehirngewaschen bin.“

P. die in der 1980er Jahren ein regelmäßiges Einkommen als Krankenschwester in Frankfurt hatte, habe selbst „davon kein Geld bekommen“, obwohl sie mit ihrem damaligen Mann ein gemeinsames Konto besessen habe. „Ich habe mich um die finanziellen Dinge auch nicht gekümmert.“

Im Juli 1990 sei sie aus der „Isolation“ entkommen. „Ich bin geflohen, habe nicht einmal meine neue Adresse hinterlassen. Ein halbes Jahr zuvor hatte ich es schon einmal probiert – aber nicht geschafft.“ Sofort habe sie die Scheidung eingereicht gegen ihren Mann. Hals über Kopf verlässt sie die Sekte mit ihrem Sohn.

Von Verteidigern in die Mangel genommen

Sieben Stunden sitzt Birgit P. an diesem Tag auf dem Zeugenstuhl, bis sie endlich – nach drei Tagen – entlassen wird. Zuvor stellen die beiden Verteidiger Matthias Seipel und Peter Hovestadt die Fragen an die Zeugin, die ihre Mandantin schwer belasten. Die Rechtsanwälte wollen bis ins kleinste Detail wissen, vor allem genaue Jahreszahlen. Sie wollen die Glaubwürdigkeit der Zeugin überprüfen, sie immer wieder auf „Glatteis“ führen.

Doch das gelingt kaum. Vor allem, weil beide Anwälte sich auch noch ein glattes Eigentor schießen. Sie lassen der Zeugin von der Kammer den Auszug eines Vernehmungsprotokolls vorlegen, befragen sie und widersprechen einen Atemzug später der Verwertung des Schriftstücks als Beweis.

Ton im Gericht wird rauer

Daher entwickeln sich immer wieder juristische Scharmützel mit steigender Intensität. Oberstaatsanwalt Dominik Mies beanstandet Fragen mit dem Hinweis, die Antwort sei längst gegeben und auch der Vorsitzende Richter Dr. Peter Graßmück schreitet ein, die Verteidiger widersprechen – der Ton wird deutlich rauer. Doch P. beantwortet alle Fragen so gut sie kann, bleibt gefasst. Bis zum Schluss.

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