Fragen zu pikanten Details: Oberstaatsanwalt Dominik Mies greift immer wieder auf einen Stapel von Ermittlungsakten zurück und konfrontiert die Mutter von Jan H. mit dem Geschehen. Foto: Thorsten Becker

Hanau

Kindermord-Prozess: Sekte flieht "vor den Russen"

Hanau. Fotos aus der sehr umfangreichen Ermittlungsakte werden im Schwurgerichtssaal des Hanauer Landgerichts über die großen Bildschirme gezeigt. Sie stammen aus den Jahren 1986/87 und zeigen Szenen, die fast jeder aus den eigenen Familienalben kennt.

Von Thorsten BeckerEs sind Fotos eines Babys auf dem Arm von Papa oder Mama, in der Badewanne, auf dem Wickeltisch, beim Krabbeln, bei den ersten Schritten. Es ist ein Wonneproppen. Es ist Jan H. in glücklichen Stunden. Doch bereits ein Jahr später ist Jan tot.

Ersten Vermutungen zufolge erstickt an Erbrochenem. Oder doch ermordet von Sylvia D., der mutmaßlichen Sektenführerin, die offenbar einen direkten Draht zu Gott haben will? D. sitzt deshalb auf der Anklagebank . Claudia H., Jans Mutter, sitzt bereits am dritten Tag in Folge auf dem Zeugenstuhl. Fast sieben Stunden lang. Die Bilder von damals rufen bei ihr jedoch keinerlei Emotionen hervor. Wie schon an den beiden Verhandlungstagen zuvor. Ganz selten geht ihr das Wort „Jan“ über ihre Lippen – ansonsten redet sie nur von „dem Kind“. Es habe eine „altersgerechte, normale Entwicklung gehabt“.

Mutter weicht den Fragen aus

Doch das hat sich im Jahr danach offenbar schlagartig geändert. „Zu dünnes Kind“ stellt der Kinderarzt in der U7 fest. Eine U8-Untersuchung gibt es nicht. H. weicht auf die Fragen des Vorsitzenden Richters Dr. Peter Graßmück aus. „Damals war sehr viel los. . .“, meint sie, zu einem weiteren Termin beim Kinderarzt kommt es nicht. „Das nehme ich Ihnen nicht ab“, stellt der Vorsitzende fest.

Innerhalb weniger Monate ändert sich das Bild. Jan nässt immer noch ein, habe Sprachprobleme und ein „außergewöhnliches Verhalten“.

Vorwürfe gegen sektenähnliche Gemeinschaft werden abgetan

Klar wird am dritten Verhandlungstag auch: Zwischen den Familien H. und D. besteht seit Jahren weit mehr als eine innige Freundschaft. H. ist Geschäftsführerin in der von Ds. Mann gegründeten Hanauer Medienfirma. Dokumente beweisen: Mit weit über einer halben Million Euro sind die Hs. an dem Unternehmen beteiligt.

Wieso? Warum? Claudia H. weicht den Fragen der Kammer immer wieder aus, versucht sich in religiöse Ausschweifungen. „Ich weiß es nicht“ und „Ich kann mich nicht daran erinnern“ gehören in den weiteren Stunden zu ihren Standardsätzen. Immer wieder kommen seltsame Erklärungen, dass Sylvia D., die Frau, die ihr Kind auf dem Gewissen haben soll, von Gott Träume „geschenkt“ bekommen habe. Alle, die Vorwürfe gegen die sektenähnliche Gemeinschaft erheben, würden lügen. H. nennt es eine „leidige Intrige“, „bewusste Fehldarstellung“.

Relativierungen als Antworten

Es ist nicht der letzte Tag, an dem H. vor dem Gericht erscheint. Denn Oberstaatsanwalt Dominik Mies hat noch einen Berg von Fragen. Er hakt immer wieder nach, greift in den dicken Aktenstapel mit sichergestellten Schriftstücken und Vernehmungsprotokollen.

Und die Fragen des Anklägers werden immer pikanter: „Gab es von D. konkrete Handlungsanweisungen?“, will Mies wissen. Es dauert lange, bis H., die immer wieder zu relativieren versucht, mit einer Antwort herausrückt: „So was Ähnliches gab es.“

„Der Alte hat Entwarnung gegeben“

Besonders abstrus: Die angeblichen Träume von D. führen dazu, dass die Sekte im Jahr 1985 kollektiv die Flucht antritt. Vor „den Russen“. „Es hat eine konkrete Gefahr gegeben“, beteuert H. und weicht wieder aus: „Wir waren über Weihnachten 1985 unterwegs.“ Mehrere Familien, die zu der „Gemeinschaft zählten“, seien für rund zwei Wochen von Hanau aus nach Spanien gereist, an die Küste.

Dann kamen sie wieder nach Hanau zurück. Denn „die Russen“ sind ganz offensichtlich nicht gekommen. „Der Alte hat Entwarnung gegeben“, lautet noch heute H's. Erklärung. Richter Graßmück hakt nach und räumt alle Zweifel aus. Mit „der Alte“ ist intern immer Gott gemeint.

Kein Zwang, nur Empfehlungen

Wieder und wieder hakt der Oberstaatsanwalt nach. Ob sie denn mitbekommen habe, dass die Kinder teilweise in der Badewanne hätten schlafen müssen? Nein, H. will davon nichts mitbekommen haben.

Und dann geht Mies ans Eingemachte: Ob denn Beziehungen befohlen worden seien? Gab es Verbote, dass Kinder nicht an Klassenfahrten teilnehmen durften? H. weiß keine klaren Antworten darauf, spricht immer wieder von „göttlichen Aufträgen“. Es habe zwar Liebesbeziehungen gegeben, aber niemand sei gezwungen worden. Es habe nur „Empfehlungen“ gegeben.

Verteidiger wollen einen Auschluss der Öffentlichkeit

Mittlerweile versuchen die beiden Verteidiger mehrfach, dem Ankläger dazwischenzufunken. Es scheint, als wollten sie verhindern, dass die Fragen von Mies und weitere Details ans Licht der Öffentlichkeit kommen.

Vor allem, als Mies wieder in seinen Aktenstapel greift und die Zeugin fragt, was es mit den „Energiezeiten innerhalb der Gemeinschaft“ auf sich habe. Beide Rechtsanwälte werden nervös, wollen die Frage blockieren und fordern zudem den Ausschluss der Öffentlichkeit. Auch Claudia H. erklärt, dass sie Details nicht so gerne in der Öffentlichkeit aussagen möchte.

Notarzt sagt aus

Sind es etwa viel zu intime Details? Aus Sicht des Anklägers nicht. Mies widerspricht den Verteidigern und fordert, den Prozess weiterhin öffentlich zu führen, wie es im Gerichtsverfassungsgesetz vorgesehen ist. Die Kammer will erst zum nächsten Verhandlungstag eine Entscheidung drüber verkünden.

Obwohl es bereits über 31 Jahre her ist, kann sich der damals eingesetzte Notarzt dagegen noch recht gut an den 17. August 1988 erinnern. „Wir haben über eine halbe Stunde versucht, den Jungen wieder zu beleben – leider ohne Erfolg.“

Todesart sei ungeklärt

„Erbrechen und anschließende Erstickung mit Herz-Kreislaufstillstand“ vermerkt er auf dem Leichenschauschein, den die Kammer an diesem Tag genau unter die Lupe nimmt. Der heute 63-jährige Mediziner kennt das Dokument. „Das ist meine Unterschrift.“ Und der kreuzt an: „Todesart nicht aufgeklärt.“

Das ist auch der Grund dafür, weshalb die Polizei nur etwa 15 Minuten später an der Keplerstraße erscheint und die ersten Ermittlungen aufnimmt.

Überraschung des Arztes über die Reaktion der Angehörigen

Der damals junge Notarzt hat aber noch etwas bemerkt: „Im Nachhinein ist es mir erstaunlich vorgekommen, wie gefasst alle Anwesenden waren. Alles war es sachlich. Ich hätte eine emotionalere Reaktion erwartet“, sagt er aus.

Und er liefert zudem den Grund, weshalb er sich nach all den Jahren immer noch so gut an diesen Einsatz erinnert. Er war damals erst seit wenigen Wochen als junger Assistenzarzt am Stadtkrankenhaus angestellt. „Es war einer meiner ersten Einsätze im Notarztwagen – und es ging um ein Kind.“ So etwas vergisst man wohl nie.Dass der Prozess wohl nicht, wie bislang geplant, bis Mitte Januar beendet sein wird, ist immer wahrscheinlicher.

Viele Zeugen noch auf der Liste

Zu viele Zeugen stehen offenbar noch auf der Liste. Und Oberstaatsanwalt Mies will wohl sämtliche Pflegekinder der Familie D. von der Kammer als Zeugen vorladen zu lassen.

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