Die 72-Jährige Sylvia D. sitzt nun auf der Anklagebank. Foto: Mike Bender

Hanau

Kindermord-Prozess: Mutter des toten Jan lobt die Angeklagte

Hanau. Die Sicherheitsleute am Einlass zum Landgericht haben an diesem Dienstagmorgen jede Menge zu tun. Schon kurz nach halb 9 steht eine lange Schlange am Besuchereingang des altehrwürdigen Gebäudes. Taschen werden kontrolliert, Ausweise vorgezeigt. Kameraleute tragen ihr Equipment die Treppen nach oben.

Von Yvonne Backhaus-Arnold

Die Zuschauerreihen in Saal A 215 sind fast komplett besetzt, für die Pressevertreter ist eine zusätzliche Sitzreihe im Saal aufgebaut worden. Das Interesse ist riesig, immerhin wird ab heute einer der spektakulärsten Mordprozesse der vergangenen Jahrzehnte verhandelt. Ein Kind ist gestorben, eine Sekte im Spiel; an deren Spitze: Sylvia D.

Um 9.06 Uhr betritt die 72-Jährige den Gerichtssaal. Sie ist nicht in Untersuchungshaft – es besteht weder Flucht- noch Verdunkelungsgefahr –-, sondern heute von zu Hause zur Verhandlung gekommen. D. trägt eine moderne Frisur, die Haare halblang mit hellgrauen Strähnen im sonst dunklen Grau. Sie steht aufrecht, schaut selbstbewusst in die Kameras, während andere Angeklagte sich die Hände oder einen Aktenordner vors Gesicht halten würden, um dem Blitzlichtgewitter zu entgehen. Ihre Lippen hat Sylvia D. am Morgen in einem kräftigen Rot geschminkt, ein bisschen Rouge aufgelegt. Goldene Kugeln baumeln an ihren Ohren, der Pullover glänzt golden-braun.

Um 9.11 Uhr betritt das Gericht, angeführt vom Vorsitzenden Richter Dr. Peter Graßmück, den Saal. Er wartet kurz, bevor er Fotografen und Kameraleute auf ihre Plätze verweist. Statt der Hauptverhandlung beginnt danach ein juristisches Geplänkel, das bis 11 Uhr dauern soll. Die Verteidiger Mathias Seipel und Peter Hovestadt lassen die Muskeln spielen, beantragen, das Verfahren noch vor der Verlesung der Anklage einzustellen.

Gericht weist Antrag der Verteidigung zurück

Grund: Bei der Vernehmung von D. am 30. Oktober 2015 sei sie offiziell als Zeugin geladen gewesen, nicht aber als Angeklagte, obwohl es dazu einen entsprechenden Aktenvermerk gebe. Während ein Zeuge immer die Wahrheit sagen muss, darf ein Angeklagter nicht gezwungen werden, sich selbst zu belasten. Im Fall D. habe es dazu keine Belehrung gegeben. Die Verteidiger sprechen daher von einer „Täuschung“ und davon, dass „Menschenrechte verletzt“ worden seien. Ein faires Verfahren sei so nicht mehr möglich.

Oberstaatsanwalt Dominik Mies widerspricht dieser Forderung deutlich: „Würde das Verfahren jetzt eingestellt, würde die Kammer ihren eigenen Eröffnungsbeschluss ad absurdum führen.“ Das Gericht weist den Antrag der Verteidigung nach weiterer Beratung schließlich zurück – und die Hauptverhandlung, die sich auch mit der Rolle der Sylvia D. und ihren Aussagen von 2015 beschäftigen wird, kann beginnen.

Die Anklage wegen Mordes, die Oberstaatsanwalt Mies im Anschluss verliest, ist so einfach und klar wie erschreckend. Sylvia D. wird vorgeworfen, den viereinhalb Jahre alten Jan H. am 17. August 1988 grausam und aus niederen Beweggründen getötet zu haben. Die Eltern sollen das Haus an der Keplerstraße in Hanau-Kesselstadt zuvor verlassen haben.

Erster Zeuge tauchte trotz persönlicher Ladung nicht auf

D., die den kleinen Jan in den Wochen und Monaten zuvor als „Schwein“, „vom Dunklen besessen“ und als „Reinkarnation Hitlers“ bezeichnet hatte, habe ihn in einen Leinensack verschnürt zum Mittagsschlaf in die Badewanne gelegt. Dann sei sie mit den Worten „Hör auf zu schreien, es sind alle weg, es hört dich keiner“ in den Garten gegangen. Sie habe das eingeschnürte Kind, so die Anklage, seinem Schicksal überlassen. Nach einem erbitterten Todeskampf sei der Junge gestorben und D. habe ihr „niederträchtiges Ziel“, ihn zu töten, erreicht.

D. äußert sich nicht, wohl aber ihr Verteidiger: Es gab weder eine Tötungshandlung, noch einen erbitterten Todeskampf, „das ist nicht belegt und reine Spekulation“. Der von Mies geschilderte Ablauf sei „frei erfunden“, in den gesamten Ermittlungakten nicht dokumentiert und eine Todesursache bislang nicht feststellbar.

11.28 Uhr: Erster Zeuge in diesem Prozess, der bereits bis in den Januar hinein terminiert ist, soll der damals behandelnde Notarzt vor Ort sein, doch der ist trotz persönlicher Ladung nicht da. Also Planänderung. Licht ins Dunkel der mehr als 30 Jahre zurückliegenden Tat soll ein Polizeibeamter bringen, der am 17. August 1988 zusammen mit einem Kollegen in die Keplerstraße gerufen wurde.

Man sah von einer Obduktion ab

75 Jahre alt ist der weißhaarige Kriminalhauptkommissar a. D., der sich redlich bemüht, in den Tiefen seines Gedächtnisses zu kramen, aber allzu oft scheitert. 31 Jahre sind eine lange Zeit – und so hat der ehemalige Beamte wenige bis gar keine Erinnerungen an jenen Tag im August 1988. Er erinnere sich an eine Frau und daran, dass der kleine Junge leblos auf der Couch gelegen habe. Der Notarzt erklärte den Beamten, dass der Junge an Erbrochenem erstickt sei.

Im Befundbericht, den der Beamte noch am selben Tag verfasste, heißt es: „Die Leiche wurde im Kinderzimmer der 17-jährigen Tochter der Familie D. gefunden. Auf der am Boden liegenden Matratze, welche bezogen war, wurde Erbrochenes (vermutlich Haferschleim) gefunden. Ebenfalls befand sich neben dieser Matratze ein bunter Schlafsack, der voll mit Erbrochenem war (Haferschleim). Ermittlungen ergaben, dass das Kind mittags Haferflocken gegessen hatte.“

In jenem Bericht ist zu lesen, dass die Eltern sowie Herr und Frau D. vor Ort waren, als die Polizei kam. Es ist auch zu lesen, dass der kleine Jan Anfang 1986 das letzte Mal beim Kinderarzt war. Es gibt keine Bilder, keine Skizzen. Es sei nichts auffällig gewesen, betont der Zeuge, zumindest nicht so auffällig, dass er eine Obduktion für nötig gehalten hätte. Und so ist beim Punkt Obduktion ein Nein angekreuzt.

Nachmittags wird die Mutter des Opfers verhört

Abschließend heißt es, „ein Verschulden Dritter dürfte auszuschließen sein“. Als Todesursache wird „Erbrechen und anschließende Erstickung mit Herz-Kreislauf-Stillstand“ angegeben. Akte zu. Fertig. Pause.

Um 15 Uhr nimmt Jans Mutter Claudia H. im Zeugenstand Platz, Jeans, hellgrauer Blazer, Brille, kurze graue Haare. Sie winkt der Verteidigung kurz zu. Claudia H. ist 58 Jahre alt, Biologin. Sie kommt 1973 mit ihren Eltern aus Hamburg nach Hessen. In einer evangelischen Freikirche lernt die Familie Pastor D. und seine Frau kennen. Er traut die H.s 1980.

Aus einer Bekanntschaft wird eine Freundschaft. H. und ihr Mann leben in Darmstadt, sie studiert noch, als Jan zur Welt kommt. Frau D. hat zu der Zeit eigene Kinder und Ziehkinder, auch aus der Nachbarschaft seien immer wieder Jungen und Mädchen zu Besuch gewesen. H. schreibt ihre Diplomarbeit bei den D.s, „weil die einen Computer hatten“, und gibt schließlich ihren Sohn in Obhut, wenn sie an der Uni und ihr Mann auf der Arbeit waren. Manchmal holen sie ihn nur am Wochenende nach Darmstadt.

Zeugin lobt die Angeklagte

1988 übergibt die Familie ihre Wohnung und kommt ganz nach Hanau. Sie kaufen einen Rohbau in unmittelbarer Nachbarschaft zu den D.s und ziehen übergangsweise – ihr Haus soll Anfang 1989 fertig sein – bei den D.s ein. Die Aussagen sind diffus und unwirklich. Ein Zimmer hätten sie zu dritt gehabt, 15 Quadratmeter unterm Dach, Jan habe auf einer Matratze im Badezimmer oder auf einer Liege im Schlafzimmer der D.s geschlafen. Sylvia D. habe sich immer gut um die Kinder gekümmert, Lebensberatung gemacht, sich mit Gott beschäftigt.

Den Begriff „Sekte“ meidet Claudia H. Sylvia D. habe Bücher geschrieben über ihre Erfahrung mit Gott, mit Menschen und Träumen. Sie habe die gelernte Krankenschwester „unheimlich bewundert“, sagt H. Sylvia D. hat die Augen geschlossen, dürfte sich freuen über so viel Lobpreisung. H. lobt die Geduld der Hausherrin, „deshalb hatte ich nie Bedenken, Jan in ihre Obhut zu geben. Sie hatte alle Kinder lieb.“

Dass der kleine Jan kaum spricht, sich mit vier Jahren regelmäßig einnässt oder einkotet, sieht die Mutter. Zeugen, die noch gehört werden und zu jener Zeit als Kinder im Haus leben, erzählen davon, wie Jan stundenlang auf dem Topf sitzen musste, wie sie im Dunkeln gelassen wurden oder in Leinensäcke geschnürt. „Ich würde sagen, dass es sich um Falschaussagen handelt“, erklärt Jans Mutter 31 Jahre nach dem Tod ihres Sohnes. Vielleicht hat sie nie darüber nachgedacht, warum Jan war, wie er war, oder – und das wäre viel schlimmer – es war ihr egal.

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