Schweigt zu den Vorwürfen: Sylvia D. ist des Mordes am vierjährigen Jan H. angeklagt. Links neben ihr Verteidiger Mathias Seipel, rechts Peter Hovestadt.  Archivfoto: Mike Bender

Hanau

Kindermord-Prozess: Hanauer Sekte hatte "Energiezeiten"

Hanau. Im Mordprozess gegen die mutmaßliche Sektenchefin Sylvia D. ist am Dienstag erneut die Mutter des toten vierjährigen Jan H. vernommen worden. Diesmal ging es vor allem um die Frage: Was hat es mit den "Energiezeiten" auf sich? Außerdem trat der Vater in den Zeugenstand.

Von Christian Dauber

Das Motiv sei nichts „sexuell Dreckiges“ gewesen. Stattdessen sei es um „sexuell-erotische Energie“ gegangen, die „den Alten“ (Gott) habe „verstärken“ sollen. So beschreibt Claudia H., die Mutter des in einer Sekte vor 31 Jahren zu Tode gekommenen vierjährigen Jan, die „Energiezeiten“, die es innerhalb der Gruppierung gegeben habe. Deren mutmaßliche Anführerin, Sylvia D., ist wegen Mordes angeklagt. Sie soll den Jungen, auf den sie aufpassen sollte, in einen Leinensack eingeschnürt haben, um ihn zu töten.

Die 72-Jährige, die vorgibt, einen besonderen Draht zu Gott zu haben, bestreitet die Vorwürfe. Jan H. sei im Schlaf an erbrochenem Haferschleim erstickt, ließ sie zum Auftakt über ihre Verteidiger erklären. Sie schweigt weiter. Den vierten Verhandlungstag am Schwurgericht verfolgt sie stoisch, starrt die meiste Zeit nach vorne. Nur als Claudia H. den Saal betritt, nickt sie dieser kurz zu. Die 58-Jährige wird in dem spektakulären Prozess weiter als Zeugin vernommen.

Kein Ausschluss der Öffentlichkeit

Bevor das pikante Thema auf den Tisch kommt, verkündet der Vorsitzende Richter Dr. Peter Graßmück den Beschluss des Gerichts, weiter öffentlich zu verhandeln. Am letzten Verhandlungstag hatten die Verteidiger von Sylvia D. sowie Claudia H. den Ausschluss der Öffentlichkeit gefordert. Anlass war die Frage von Oberstaatsanwalt Dominik Mies, was es mit den „Energiezeiten“ auf sich habe und ob es Handlungsanweisungen von Sylvia D. gegeben habe. Doch Graßmück erläutert: Die Klärung des Begriffs sei wichtig, da es sich um tatbezogene Umstände handeln könne. Es könne sich daraus möglicherweise ableiten lassen, ob es auch in anderen Bereichen solche Anweisungen von Sylvia D. gegeben habe.

Also gibt es an diesem Tag im Saal 215 intime Einblicke in die Lebensumstände der sektenähnlichen Gemeinschaft, die heute noch existiert. Dreh- und Angelpunkt war das Haus von Sylvia D. und ihrem Mann Walter. Dort kam der Vierjährige am 17. August 1988 zu Tode. Gefunden wurde das tote Kind damals von Walter D., der einst Pastor der evangelisch-methodistischen Kirche war – bevor er sich mit dieser wegen unterschiedlicher Glaubensvorstellungen überwarf. Walter D. selbst kann nichts mehr zur Aufarbeitung beitragen, da er 2017 verstarb.

"Alles war freiwillig"

Nach Aussage von Claudia H. hatte das Ehepaar D. mit den „Energiezeiten“ begonnen, später hätten immer mehr Mitglieder teilgenommen – teils alleine, teils mit den D.s. „Alles war immer freiwillig. Es wurde nie jemand gezwungen“, sagte Claudia H. Sie sagt allerdings auch: Die D.s hätten Zeiten dafür festgelegt, ebenso, mit wem sie auszuleben waren – in vielen Fällen Walter D. Aus „logistischen Gründen“ sei die Zuweisung geschehen. „Walter D. musste sich seine Zeit auch einteilen“, erklärt die Mutter des toten Jungen. Persönlich oder telefonisch sei dies erfolgt. Auf die Frage von Oberstaatsanwalt Mies, ob sich auch einmal jemand widersetzt habe, sagt sie: „Über Bedenken wurde offen gesprochen.“

Richter Graßmück zitiert aus einem Brief von Walter D. an Sylvia D., dem zu entnehmen ist, dass an einem Tag Zeiten um 10.30 Uhr, 11 Uhr, 18 Uhr, 20.30 Uhr, 22 Uhr und 0.30 Uhr mit Walter D. festgelegt wurden. Dazu wurden Namen festgehalten: „Löwen“, „Bären“, „Yin und Yang“, „Elefäntchen“ und mehr. Laut Claudia H. sind das die Namen von „feinstofflichen Wesen“, deren Rolle die Beteiligten eingenommen hätten. „Das sind Elemente. Die haben wir uns vorgestellt.“

Sexuelle Aktivitäten Bestandteil des Glaubens

Die sexuellen Aktivitäten sind laut Claudia H. Bestandteil des Glaubens der Gruppierung an zwei Seiten Gottes – eine gute und eine schlechte, die sie immer wieder mit „dunkel“ bezeichnet – und die, wie sie schon an den Tagen zuvor erläuterte, auch in ihrem toten Jungen die Oberhand gewonnen haben soll. Die positive Seite könne man durch sein Handeln verstärken – dazu gehören ihren Worten nach auch die „Energiezeiten".

Weitaus mehr kam am vierten Verhandlungstag auf den Tisch. Bei der Befragung durch einen Gutachter ging es um „Träume“ und „Bilder“, die nach den Worten von Claudia H. eine große Rolle in der Gruppierung spielten. Bilder, die sah oder erlebte meist Walter D. Der habe „einen Auftrag“ gehabt und seine Visionen aufgeschrieben, meist in Form von Briefen an seine Frau Sylvia. Wieder zeigt sich: Sowohl diese Briefe wie auch Träume von Sylvia D. waren für die Mitglieder der Gemeinschaft sozusagen die absolute Wahrheit. Der Gutachter ist hartnäckig, will immer wieder wissen: Haben sich alle nach Sylvia D. gerichtet? Auf die Frage gibt es von Claudia H. in unterschiedlichen Zusammenhängen keine klaren Antworten. Nur: „Wenn Frau D. etwas von Gott erfährt und wir uns entscheiden, auf das zu hören – das ist doch was anderes.“ Als es um ihren toten Sohn geht, wiederholt Claudia H. das, was sie an vergangenen Prozesstagen schon gesagt hat: Jan H. sei nicht einfach ein schwieriges Kind gewesen, vielmehr habe er sich dazu entschieden.

Vater des toten Kindes zeigt wenig Emotionen

Nach Claudia H. wird Helmut H. in den Zeugenstand gerufen, der Vater des toten Jan H. Der Diplom-Elektroingenieur schildert, wie die Freundschaft mit den D.s Anfang der 80er Jahre entstand, dann intensiver wurde, die H.s ganze Wochenenden bei den D.s verbrachten und schließlich 1988 aus ihrer Wohnung in Darmstadt ins Haus der D.s in Hanau einzogen. Fortan kümmerte sich Sylvia D. häufig um den Kleinen. „Ich habe noch nie jemanden kennengelernt, der so unkompliziert und selbstlos ist wie Sylvia D.“, sagt der 63-Jährige über die Frau, die seinen Sohn auf dem Gewissen haben soll.

Helmut H. – von den selben Überzeugungen geleitet wie seine Frau – betont, er habe Jan bei Sylvia D. in guten Händen gewusst. Eine Veranlassung, mit dem Jungen, der leise und wenig gesprochen, ab und an eingenässt sowie immer wieder geschrien habe, zum Arzt zu gehen, habe er nicht gesehen. Es sei ein „Machtspiel“ des Jungen gewesen, der „auch anders gekonnt“ hätte. „Es war eine Entscheidung von Jan, das so zu tun.“ Und so wurden Erziehungsmethoden wie unter der Dusche mit kaltem Wasser abduschen oder in den Sack stecken von Helmut H. toleriert – wissentlich oder unwissentlich.

Lückenhafte Erinnerung bringt Richter auf die Palme

Richter Graßmück will genau wissen, was der Vater von den Ereignissen rund um den Todestag von Jan – einem „Wunschkind“, wie H. sagt – mitbekommen hat. Wer hat ihn auf der Arbeit angerufen und über den Tod informiert? Wie war die Situation, als Helmut H. dann in die Keplerstraße kam? Was wurde ihm berichtet? Hartnäckig bohrt Graßmück nach, doch klare Antworten sind meist Fehlanzeige. „Ich weiß es nicht mehr genau“ oder „Ich kann mich nicht mehr erinnern“ ist häufig der Tenor, was Graßmück stellenweise zur Weißglut treibt. Ebenso wie die Tatsache, dass Helmut H. bei seinen Schilderungen kaum Emotionen zeigt. „Wie viele Kinder sind Ihnen denn schon weggestorben?“, fragt Graßmück bewusst provokant. Noch dazu zeigen sich Widersprüche zwischen Helmut H.s Aussagen vor Gericht und jenen gegenüber der Polizei im Jahr 2015.

Helmut H. sagt, Sylvia D. habe am Todestag ein „lebendiges Bild“ von Jan H. empfangen. Das sei ihm berichtet worden. Das Bild habe ausgesagt, dass es sein könne, dass Gott Jan eines Tages mal hole. Kurze Zeit später war der Vierjährige tot.

Fortsetzung am Donnerstag

Der Vater macht keinen Hehl daraus, sich mit seiner Frau in letzter Zeit über die Ereignisse von 1988 erneut ausgetauscht zu haben. Und nach eigenem Bekunden hat ihm Sylvia D. 2015 die Anklageschrift gegen sie zu lesen gegeben. Am Donnerstag geht der Prozess weiter. Dann wird sich Helmut H. den Fragen von Ankläger Mies sowie der Gutachter und Verteidiger stellen müssen.

Das könnte Sie auch interessieren