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Was geschah wirklich in dem Haus von Syvlia D.?

Hanau

Kindermord-Prozess: Was geschah damals wirklich?

Hanau. Der Prozess um den vor 31 Jahren getöteten Jan H. geht weiter. Am fünften Verhandlungstag wurde der Vater des damals Vierjährigen sechs Stunden lang verhört. Wie die Angeklagte Sylvia D. gab sich H. emotionslos, als er über den Tod des Kindes sprach. 

Von Yvonne Backhaus-Arnold

Es ist 14.50 Uhr, da bekommt Jan H. ein Gesicht. In der Pause am Schwurgericht war sein Vater Helmut schnell zu Hause - das Foto holen. Es gibt, sagt er, nur noch dieses eine. Wie alt Jan auf dem Bild ist? Weiß er nicht, wie so vieles an diesem Tag.

Er sitzt – damit er an den Tisch heranreicht – auf zwei übereinandergestapelten schwarzen Campingstühlen auf der Terrasse der D.s Jan hat hellbraune Haare, ein bisschen länger und leicht gelockt. Die kleinen Hände halten eine Scheibe Brot fest. So eine, wie man sie – zusammengeklappt – in die Frühstücksdose packen würde. Es muss Sommer sein. Jan hat einen kurzärmeligen Body an. Die Beine sind nackt. Er lächelt nicht in die Kamera. Schaut nach unten. Still. Stoisch. „Wir würden Sie den Ausdruck beschreiben?“, will der Vorsitzende Richter Dr. Peter Graßmück von Helmut H. wissen. „Bedauernswert“, sagt der 63-Jährige und schiebt ein „wie leider so oft“ hinterher.

Vater emotional distanziert

Da ist, wie schon bei den Aussagen von Mutter Claudia, viel emotionale Distanz in den Worten des Vaters, der als Zeuge aussagt im Prozess gegen Sylvia D., die wegen Mordes an H.s Sohn angeklagt ist. Da ist wenig eigene Erinnerung. Viel Glauben an einen Gott, den sie „Alterchen“ nennen in der Gruppierung um Sylvia D. Und noch mehr Schweigen.

Während Erwachsene die sektenähnliche Gruppe verließen oder – als Bestrafung – ausgeschlossen wurden, konnte der kleine Jan nicht fliehen, „nicht einfach seine Koffer packen“, wie der Vorsitzende Richter sagt. Stimmt es, dass ihm der Mund mit Seife und Salz ausgewaschen wurde? „Ja“, sagt Helmut H., „aber nur, weil man sich Sorgen gemacht hatte, das Kind habe Kosmetika in den Mund genommen.“

Jans Schreie wurden nicht beachtet

Meinen Sie, will Oberstaatsanwalt Dominik Mies wissen, dass ein Viereinhalbjähriger sich freiwillig in einem Sack festhalten lässt? H. schweigt. Minutenlang. Dann sagt er: „Er hat aufgehört zu schreien, wenn er gemerkt hat, dass es nichts bringt.“ Hätte er sich befreien können in einer Notlage? „Ja. Irgendwie bestimmt“, sagt H. Sylvia D. habe das jedenfalls so gesagt. Gesehen? Nein, gesehen habe er das zu einem Sack umgenähte Betttuch nie. „Ich weiß nur“, sagt Helmut H. dann, „dass man dem Kind nichts getan hätte, was ihm geschadet hätte.“

Würde es nicht um den Tod eines kleinen Jungen gehen, man könnte lachen als Beobachter. So abstrus sind die Dinge, die Helmut H. an diesem Tag erzählt. So abstrus sind die Vorstellungen, das eigene Leben in die Hände Fremder zu legen, Fremde, die von Gott Briefe und Träume empfangen, denen H., seine Frau und viele andere in der Gruppe folgen. Mehr als 600 000 Euro haben die H.s in die Filmfirma der D.s gesteckt. Von Abhängigkeit oder Fremdbestimmung will H. nichts wissen. Warum auch? Sein eigenes Leben würde zusammenstürzen wie ein Kartenhaus, wenn er beginnen würde, sich Fragen zu stellen.

Zeugin: Vierjähriger wurde geknebelt

Er spricht von einer Rufmordkampagne der Aussteiger, die die Firma in den Ruin treiben wollten. Eine Zeugin, eine Aussteigerin, will den kleinen Jungen „wie eine Mumie verschnürt“ gesehen haben und hat – Mies hält H. das vor – bei ihrer Aussage bei der Polizei sogar davon gesprochen, dass Jan geknebelt gewesen sei. Im Sack. Im Badezimmer des Hauses von D.. Ein Haus übrigens, dass keine Klingel hat (weil Sylvia D. nachts geschrieben und tagsüber oft geschlafen habe). Ein Haus, dessen Terrasse – Graßmück zeigt ein Foto – mit mehr als einem Dutzend Pavillons und bunter Sonnenschirme verdeckt ist. Um sich von der Außenwelt abzuschirmen?

„Gott hat den Jan geholt“, zitiert Mies aus Briefen, deren Inhalt Walter D. vom „Alterchen“ am Tag nach dem Tod des kleinen Jungen empfangen haben will. Jan habe, heißt es sinngemäß, leider seiner dunklen Seite nachgegeben. Und es hätte noch schlimmer werden können, deshalb habe er ihn geholt. Als „fieser kleiner Kerl“ wird Jan in den Briefen betitelt, als „dreckiger Sadist“, der „gemein grinst“. Es sei traurig gewesen, sagt Helmut H. ohne Emotion, „dass ich ihn so erlebt habe und Gott so über ihn urteilen musste.“ Am 18. August 1988, dem Tag nach Jans Tod, schreibt Walter D. in einem Brief aus dem Mies zitiert. Sinngemäß heißt es darin, Jan habe seine Schuld eingesehen, und es tue ihm leid. Er hätte heute noch weitere Jans holen können, schreibt Walter D. im Auftrag des „Alterchens“.

Kinder wurden zur Strafe eingesperrt

„Was sagen Sie zu diesen Briefen?“, will Mies von dem Vater wissen. „Das war für uns ein Trost. Das war positiv.“ Im Laufe des Verfahrens werden noch weitere Zeugen gehört, eine Mutter, deren Adoptivsohn an der Keplerstraße betreut wurde und über den es in den Briefen heißt, er sei hinterhältig und böse gewesen. Alle Kinder im Haus hätten sich nicht gut verhalten, auch die der D.s, die schon im Teenageralter waren. Sie seien nachts abgehauen, hätten geklaut und oft Streit gehabt. Zur Strafe wurden sie eingesperrt, im ersten Stock des Hauses, konnten sich nur durch Klopfen bemerkbar machen. In einem Zimmer, sagt H., habe eine Campingtoilette gestanden.

Vom Mordverdacht und dem Tatvorwurf gegen Sylvia D., die der Diplom-Elektroingenieur, „gleich wie Jesus in der Verkündung von Gottes Botschaft“ beschreibt, will er erst bei der eigenen Hausdurchsuchung erfahren haben. An das Datum kann er sich nicht mehr erinnern, übrigens auch nicht daran, wer das Grab auf dem Friedhof in Kesselstadt entfernt hat und wann es entfernt wurde. Mies kann Licht ins Dunkel der Erinnerung bringen: Blatt 731 der Akte, am 4. Oktober 2010 wurde die Grabstätte geräumt, Blumen, Begrenzung, Grabstein – mit dabei: Helmut H.. Jans Grabstein steht seither im Garten an der Keplerstraße. H. hatte das wohl vergessen.

Nach sechs Stunden wird Helmut H. aus dem Zeugenstand entlassen, am Dienstag muss er erneut vor Gericht erscheinen. Am Ende verspricht sich der Gutachter, sagt Herr D. statt Herr H. Da gibt es eine Regung von der Anklagebank. Sylvia D. schmunzelt.

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