Sylvia D. schweigt weiter zu den Vorwürfen. Der Vorsitzende Richter Dr. Peter Graßmück hat die sechsstündige Zeugenvernehmung geleitet.Fotos: Mike Bender

Hanau

Kindermord-Prozess: Eiskalte Tagebucheinträge einer Mutter

Hanau. „Der Alte hat gestern unseren Jan geholt.“ Dieser Satz stammt aus dem Tagebuch von Claudia H., notiert am 18. August 1988. Rund 24 Stunden nach dem Tod des kleinen Jan (4). Ihres Sohns.

Von Thorsten Becker

Es sind fünf Seiten, handschriftlich eng beschrieben, die der Vorsitzende Richter Dr. Peter Graßmück über die Monitore des Gerichtssaals sichtbar macht.

„Das ist mein Tagebuch, ich habe es für mich notiert“, bestätigt die 58-Jährige, die als Zeugin gehört wird. Erneut, denn bereits zum Prozessauftakt gegen die wegen Mordes angeklagte Sylvia D. (72) hatte sie auf dem Zeugenstuhl Platz genommen. D. soll den Vierjährigen aus niederen Beweggründen und grausam getötet haben (wir berichteten). Die Mutter von Jan, die in der von den D.s gegründeten Firma arbeitet, hatte versucht, die Angeklagte als „kinderlieb“ darzustellen.

Keine Rücksicht bei der Mutter des Opfers

Diesmal sind es bedeutend weniger Zuschauer, die der Verhandlung folgen. Doch 31 Jahre nach dem Geschehen an der Keplerstraße in der Weststadt wird die Aufarbeitung des Geschehens immer skurriler. Denn normalerweise nehmen die Angehörigen eines mutmaßlichen Mordopfers als Nebenkläger im Gerichtssaal Platz, werden als Opfer-Angehörige behutsam behandelt.

Nicht in diesem Fall. Claudia H. wird an diesem Tag sechs Stunden „gegrillt“ und mit ihren ehemaligen Aussagen, die sehr weit auseinandergehen, konfrontiert.

Mutter zeigt keine Trauer

Sie zeigt keinerlei Emotionen einer Mutter, die um ihr totes Kind trauert. Der Vierjährige schien ihr völlig egal zu sein. „Er war nassgepinkelt, wie in den Tagen zuvor (. . .) er fing an zu toben wie ein Wilder.“ Das schreibt die Mutter einen Tag später in ihr Tagebuch und bezeichnet darin ihren eigenen Sohn als „sadistisch“.

Kein Wort der Trauer, eher ein von seltsam-abstrusen Glaubensvorstellungen geleiteter „Bericht“, in dem immer wieder D. im Mittelpunkt steht. „Sylvia sagte mir, ich sollte nicht traurig sein, wenn der Alte den Jungen holt“, schrieb sie vor 31 Jahren und meint damit Gott. Sie bedauert lediglich, dass die ganzen Jahre über versucht worden sei, Jans „Wahn zu bremsen“.

„Ich kann heute auch nicht mehr dazu sagen.“

„Welchen Wahn bei einem Vierjährigen?“, fragt der Vorsitzende Richter etwas entgeistert nach. H. bleibt die Antwort schuldig, windet sich und sucht immer wieder Ausflüchte, um ihre Weltanschauung zu erklären. Und es gibt weitere schriftliche Aufzeichnungen von 1988: Auch das Tagebuch der D.s spricht nicht davon, dass die Angeklagte besonders liebevoll mit den ihr anvertrauten leiblichen und in Obhut gegebenen Kindern umgegangen sein dürfte. In ihren angeblichen „Träumen“, in denen sie „Befehle von Gott“ erhalten haben will, wird Jan H. als „Schauaffe“ und „fieser kleiner Kerl“ diffamiert, der „aus Lust, Laune oder Gemeinheit in die Hose macht“. Das waren „Träume“, die rund drei Monate vor dem Tod von Jan notiert wurden.

Oberstaatsanwalt Dominik Mies will es von Claudia H. genauer wissen: „Es ging um ihr Kind, Frau H. – können Sie das heute noch akzeptieren?“ Eiskaltes Schweigen. Dann die Antwort: „Ich kann heute auch nicht mehr dazu sagen.“

Mutter spricht von Schuld ihres Sohnes gegenüber Gott

Nach dem Tod gehen die „Träume“ von D. weiter. Von Bedauern keine Spur. Ein „kleines machtsadistisches Schwein“ soll der Vierjährige gewesen sein, der viel „Schuld gegenüber Menschen und Gott“ auf sich geladen habe.

Dem Ankläger scheint die Hutschnur zu platzen, doch er bleibt juristisch professionell: „Das ist ein Kind! Wo hatte Jan denn Schuld auf sich geladen?“, will Mies wissen. Claudia H. findet keine Antwort.

Mutter scheint der Angeklagten hörig zu sein

Aber die Einträge in den bei Durchsuchungen und Vernehmungen sichergestellten Tagebüchern werden noch heftiger: So habe Gott „Jans Lebensfaden durch ein Kreislaufversagen durchgeschnitten“.

Die Verteidiger: Matthias Seipel (links) und Peter Hovestadt sind die Rechtsanwälte von Sylvia D.

Bereits am zweiten Verhandlungstag drängt sich der starke Verdacht auf, dass der Vierjährige innerhalb der sektenähnlichen Gemeinschaft bis zu seinem Tod ein Martyrium durchlebt haben dürfte – und seine Mutter, der Angeklagten offenbar bis heute hörig, als Mutter völlig überfordert gewesen sein dürfte.

Opfer musste im Badezimmer schlafen

So habe Jan „im Badezimmer, zwischen Tür und Badewanne“ in einem Sack schlafen müssen. „Damit der nicht herumtollt“, liefert H. die Begründung.

„Da sind wir uns aber schon einig, dass ein Badezimmer keine gewöhnliche Schlafstätte für ein Kind ist“, stellt Richter Graßmück fest – diesmal ohne eine Antwort der 58-Jährigen abzuwarten, die nicht einmal auf die Frage, welche Kinderbücher sie ihrem Sohn vorgelesen habe, eine klare Antwort geben konnte.

Aussagen unterscheiden sich

Was aber noch viel auffälliger ist: In den Angaben von H. kurz nach dem Geschehen bestehen sehr große Unterschiede. Sollten die Ermittler vielleicht absichtlich getäuscht werden?

Der Kriminalpolizei hatte sie am 17. August 1988 laut Protokoll berichtet, sie habe am Morgen mit Jan gefrühstückt, der dann in den Garten gegangen sei. Erst gegen 13.30 Uhr sei sie zusammen mit Herrn D. und dessen Sohn auf den Hanauer Wochenmarkt gefahren. Nach einem Marktbesuch sei sie zurückgekommen – Jan sei an Erbrochenem erstickt gewesen.

Verhörung soll fortgesetzt werden

In ihrem Tagebuch, einen Tag später geschrieben, liest sich das ganz anders: Jan habe eingenässt, dann geschrien und getobt. Dann sei es zum Marktplatz gegangen, Sylvia D. habe auf Jan aufgepasst. „Sie übergeben also das Kind schreiend an D.? Kann es sein, dass Jan den ganzen Vormittag im Badezimmer war?“, hakt der Vorsitzende nach. Nach sechs Stunden unterbricht die Schwurgerichtskammer die Vernehmung von H. – sie soll in der kommenden Woche fortgesetzt werden.

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