Schwere Vorwürfe gegen Sylvia D.: Eine Aussteigerin hat als Zeugin im Mordprozess ausgesagt und über jahrelange Kindesmisshandlungen durch die mutmaßliche Sektenanführerin berichtet. Archivfoto: Mike Bender

Hanau

Kindermord-Prozess: Aussteigerin schildert erschütternde Szenen

Hanau. Der Prozess um die Ermordung des vierjährigen Jan vor über 30 Jahren geht weiter. Am vergangenen Prozesstag äußerte sich erstmal eine Aussteigerin, die der Sekte von Sylvia D. entkommen ist. Und zeichnet dabei ein schauriges Bild.

Von Thorsten Becker

„Tyrannei“, „System der Isolation, in der denunziert und bespitzelt wurde.“ Mit diesen Worten beschreibt Birgit P. die sektenähnliche Gemeinschaft, die Sylvia D. an der Keplerstraße seit den 1980er Jahren aufgebaut haben soll.

In dem Haus in der Weststadt, in dem am 17. August 1988 der vierjährige Jan H. gestorben ist. Angeblich erstickt. An Erbrochenem – ein tragischer Unfall. Oberstaatsanwalt Dominik Mies ist 31 Jahre danach ganz anderer Meinung: Der Bub, so die Anklage, sei von D. ermordet worden. Deshalb sitzt D. auf der Anklagebank – und schweigt bislang zu den Vorwürfen.

Kinder wurden schwer misshandelt

P. sitzt seit Dienstag im Zeugenstand vor der 1. Schwurgerichtskammer, erhebt schwerste Vorwürfe. Sollten diese wahr sein, handelt es sich um unglaubliche Fälle von Kindesmisshandlung, -vernachlässigung und -verwahrlosung.

„Die Pflegekinder sind stundenlang in ihren Zimmern eingesperrt worden“, sagt die 61-Jährige aus. Das will sie in diesem Haus mit eigenen Augen gesehen haben. Unermüdlich seien die Kinder angebrüllt, gedemütigt und geschlagen worden. Zwei Mädchen hätten in einem kargen Zimmer leben müssen, Toiletteneimer inklusive. „Ich habe einmal durch Zufall hineingesehen. Es ist mir sofort Uringeruch entgegengeschlagen.“

Erinnerungen an Jan

Das Martyrium von Jan habe sie ebenfalls miterlebt. „Er saß stundenlang im Wohnzimmer auf dem Töpfchen – ‧ Gesicht zur Wand. Als „traumatischtes Erlebnis“ bezeichnet sie die Entdeckung, die sie selbst bei einem Toilettengang im Bad gemacht habe. „Da war ein Bündel. Ich dachte an Bettzeug. Auf einmal habe ich gesehen, wie das Bündel atmet. Es war Jan, er steckte bis über den Kopf in einem Leinensack und war von Kopf bis Fuß eingeschnürt – wie eine Mumie.“

Das soll 1987 gewesen sein, ein Jahr vor Jans Tod. Sie selbst habe es mit der Angst bekommen „Ich kriege dieses Bild nicht mehr aus meinem Kopf, ich war entsetzt.“ Dass der Vierjährige im Bad habe schlafen müssen, sei allen bekannt gewesen. Jans Eltern habe sie „kaum gesehen“.

Sektenmitglieder reagierten emotionslos

Sylvia D., die an Stelle der Eltern von H. dessen „Erziehung“ übernommen habe, soll besonders brutal mit Jan umgegangen sein. „Sie ist mit ihm in die Küche. Dort hat sie ihn mit Brei gestopft wie eine Weihnachtsgans“, berichtet P. der Kammer. Sie selbst sei angewiesen worden, Klavier zu spielen – damit die Nachbarn von den Schreien nichts mitbekommen.

Dass Jan gestorben sei, hätten die Sektenmitglieder emotionslos hingenommen. „Das wissen alle: Frau D. hat ihn immer wieder am Tisch als Reinkarnation Hitlers bezeichnet.“

Aussage widerspricht der Ansicht der Eltern des Opfers

Die Aussage von P. ist das krasse Gegenteil von dem, was die 1. Schwurgerichtskammer sechs lange Verhandlungstage gehört hat. Von den Eltern des Vierjährigen, die eigentlich nur Gutes über die wegen Mordes angeklagte Sylvia D. berichtet haben – auch wenn es durchweg emotionslose, teilweise bizarre Aussagen über eine Frau sind, die offenbar immer noch durch Traumdeutungen den angeblich richtigen Weg vorgibt.

Vor allem betonen beide: Sylvia D. sei immer fürsorglich mit den zahlreichen Kindern in ihrem Haus umgegangen – habe sich überhaupt rührend um alle Menschen gekümmert.

Ausstieg erfolgte 1990

„Liebevoll? Liebevoll sieht anders aus“, sagt nun P. dem Vorsitzenden Richter Dr. Peter Graßmück, der aus seiner Verwunderung keinen Hehl macht und fragt: „Wie konnte das sein? Sie waren ja schon damals erwachsene Menschen? Wieso haben Sie das alle mitgetragen?“

Auch dafür hat P. viele Erklärungen. Sie ist Insiderin gewesen, hat der Sekte seit 1981 angehört. Bis sie 1990 ausstieg und ein neues Leben begonnen hat.

D. inszenierte sich als Jesus der heutigen Zeit

„Ich war damals 23, wir hatten ein Kind adoptiert. Damals habe ich nicht an die Kirche geglaubt und nach Gotteserfahrung gesucht.“

Anfangs sei sie von Sylvia D. „fasziniert gewesen“. Diese habe ihre Träume gedeutet, gemeinsam hätten „15 bis 20 Leute“ sonntags am Tisch gesessen, offen analysiert. D. habe sich als „Jesus für die heutige Zeit“ präsentiert. „Es klang wie Botschaften von Gott persönlich.“

„Ich wurde als Hure oder Drecksau beleidigt“

Anfangs schien das ganz moderat. Im Laufe der Jahre habe sich das aber geändert. „Es war wie ein Strick, der sich langsam um den Hals enger zieht“, beschreibt P. die Situation.

„Schließlich mussten wir unsere Traumbücher bei ihr abliefern – und bekamen dann unsere Lektionen erteilt“, sagt die Aussteigerin. Auch der Ton sei rauer geworden. „Ich wurde als Hure oder Drecksau beleidigt – und mit anderen Beschimpfungen übelster Art.“ Am Ende habe D. ihr mit dem Tod gedroht und ihre täglich die „Zahl der Krebszellen in meinem Körper vorgerechnet“. 1987 sei sie, wie andere Frauen auch, ausgestoßen worden. Ihr Mann blieb.

D. habe keinen Widerspruch geduldet

„Das war Psychoterror – Selbstbewusstsein hatte ich keins mehr.“ Und P. kann sich auch nicht mehr wehren. „Irgendwann, wenn Sie das ständig hören, glauben Sie das wirklich – es war furchtbar für mich.“

Widerspruch habe D. nicht geduldet. Auch nicht, als es 1985 angeblich darum ging, vor „den Russen“ zu fliehen. P. bestätigt diese bizarre Geschichte ebenfalls, wie zuvor bereits die Eltern von H. „D. hat uns mitgeteilt, wir würden vom Hochhaus gegenüber beobachtet – die Russen würden kommen. Wir haben daraufhin Lebensmittel eingekauft wie für den Dritten Weltkrieg.“

Prozess wird länger dauern als geplant

Nicht nur das Haus an der Keplerstraße, auch andere Wohngebäude der Sekte seien „vollgestopft“ worden. „Da müsste wohl heute noch was davon übrig sein“, meint die 61-Jährige, die sich inzwischen von alledem „gelöst“ habe, und es als „Blödsinn“ bezeichnet. Aber sie habe sich dafür „geschämt“, vor allem, weil sie auch ihren Sohn in einen Leinensack habe stecken müssen. Eines Tages, als sie arbeiten war, sei der Bub beinahe erstickt. „Er hatte Strangulationsmale“, sagt P., die am Donnerstag weiter vernommen werden soll.

Unterdessen ist abzusehen, dass der Prozess gegen D. weitaus länger dauern dürfte, als von der Schwurgerichtskammer bislang geplant. An der Gerichtstafel, dem öffentlichen Aushang vor dem Verhandlungssaal, steht es schwarz auf weiß: Bis zum 17. März 2020 sind weitere Verhandlungstermine anberaumt.

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