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In einem Fotoalbum hat Dr. Eberhard Aust seine Erinnerungen an die KLV-Zeit festgehalten. Die erste Station, das polnische Krynica, glich einem idyllischen Ferienort. Aber dort sollten die Kinder nicht bleiben. Sie wurden auf eine Monate dauernde Odyssee geschickt.

THEMENSCHWERPUNKT: ZEIT ZUM ERINNERN

Die lange Irrfahrt der Kinder: Dr. Eberhard Aust wurde als Junge aufs Land verschickt

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„Interessiert Sie meine Geschichte wirklich?“ Dr. Eberhard Aust fragt immer wieder nach, als er am Esstisch seines Hauses nahe der Rosenau aus seiner Kindheit erzählt. Das alles sei doch schon so lange her.

Und doch: Es freut ihn, dass sich auch jüngere Menschen für das Schicksal der Älteren im Krieg interessieren. Für den Artikel fotografiert werden möchte er aber nicht. Aust, 1930 in Frankfurt geboren, kann eine Geschichte erzählen, die vor allem Kinder aus den Großstädten traf: Mit 13 Jahren wurde er für unbestimmte Zeit von Eltern und Familie getrennt und aufs Land gebracht. Über die sogenannte „Kinderlandverschickung“ (KLV) gelangte er 1943 ins 1200 Kilometer entfernte, polnische Krynica. Es sollte eineinhalb Jahre dauern, bis er wieder zu seiner Familie zurückkehren konnte. 

„Ferienlager“ im Krieg

Die Reichsdienststelle KLV evakuierte bis zum Kriegsende vermutlich bis zu zwei Millionen Kinder in sogenannte KLV-Lager, um sie vor den verheerenden Luftangriffen zu schützen, die ab 1940 über Großstädte wie Hamburg, München oder Frankfurt geflogen wurden. Auf dem Land hingegen war von den Kriegsaktivitäten kaum etwas zu spüren.

„Die Jugend spielte im Dritten Reich eine große Rolle“, sagt Aust. KLVs waren zunächst gut organisiert und glichen luxuriösen Ferien. Denn hier wollte die NSDAP ihren Nachwuchs heranziehen. Der heute 89-jährige Aust erzählt seine Geschichte präzise, strukturiert, detailreich. Er kann sich an jedes Datum, jeden Namen, jede Kleinigkeit erinnern.

Leicht sei den Eltern die Entscheidung nicht gefallen, das weiß er noch genau. „Aber sie hatten Vertrauen in das Reich. Ich fand die Idee auch gut, denn ich war abenteuerlustig.“ Dass seine Reise lang und beschwerlich werden sollte – und sein Heimweh bald unerträglich – war dem 13-Jährigen da noch nicht bewusst. 

Die Fahrt nach Krynica dauerte drei Tage

Aust wurde Ende 1943 mit 200 weiteren Kindern aus Frankfurt in einem Sonderzug in den Osten transportiert. Allein die Fahrt dauerte drei Tage. Von seiner Zeit in Krynica, einem idyllischen Badeort nahe Krakau, hat Aust noch viele Fotos. Es sind Bilder von idyllischen Schneelandschaften, hübschen Häuserensembles, lachenden Kindern. An Komfort mangelte es nicht, alles war bestens organisiert.

Wintersport in der Naturidylle: Die Reichdienststelle KLV legte Wert darauf, dass die „verschickten“ Kinder sich wohlfühlten. Schließlich sollte in den Lagern der willige Nachwuchs für das „Dritte Reich“ herangezogen werden. Doch die sorglose Zeit sollte nicht andauern.

„Unsere Lager waren ehemalige Hotels. Wir hatten Schulbetrieb, nahmen an Sportwettbewerben teil, konnten Ski laufen.“ Mit den Eltern herrschte reger Briefkontakt: „Die Post brauchte nur zwei Tage“, erinnert er sich. Aber es gab auch schon jetzt dunkle Stunden. „Wenn wir nicht gehorchten, gab es drakonische Strafen. Zum Beispiel mehrere Stunden nachts in der Kälte zu exerzieren“, erklärt Aust. 

Grauen des Krieges war immer präsent

Auch das Grauen des Krieges war immer präsent. Polnische Widerstandskämpfer wurden von den Nazis erbarmungslos hingerichtet. „Die Bilder haben wir auf Plakaten gesehen.“ Im März 1944 hörten die Kinder im Radio, dass große Teile von Frankfurt durch Bomben zerstört worden waren. Es folgten furchtbare Tage der Ungewissheit – bis endlich der ersehnte Brief der Eltern kam: Ginnheim war verschont worden. Die Familie war wohlauf.

Mitte 1944 gab es plötzlich Veränderungen im Lager. „Alle Schweine wurden geschlachtet und zu Wurst verarbeitet“, erinnert sich Aust. „Wenig später wurden wir abtransportiert. Das kam für uns sehr überraschend.“ Heute kennt er die Hintergründe: Die Front im Osten war näher gerückt, das Lager wurde aufgegeben. Eineinhalb Tage später endete die Zugfahrt im tschechischen Zirkowitz. Aust und seine Kameraden lebten in den nächsten Monaten in einer ehemaligen Schule. Wieder glich der Alltag einem Feriencamp. „Wir machten zum Beispiel Ausflüge nach Prag.“

Kurzes Wiedersehen mit Mutter und Schwester in Schlesien

Bald gab es ein erstes kurzes Wiedersehen mit der Familie. „Ich hatte Verwandte in Schlesien und durfte dort 14 Tage Urlaub machen“, erzählt er. Der Junge fuhr ohne Begleitung, stieg fünfmal um, lief die letzten neun Kilometer zu Fuß: „Da musste man schon selbstständig sein.“ Im Marschgepäck, das weiß er noch, hatte er eine Dose Thunfisch. „So was hatte ich vorher noch nie gegessen.“ Auch seine Mutter und seine kleine Schwester waren 600 Kilometer weit zur Tante Emma in Schlesien gereist, um den 14-jährigen Eberhard nach über einem halben Jahr Trennung endlich wiederzusehen.

„Mein Vater, er war Ingenieur in einer Fabrik für Nachrichtentechnik, hatte nicht freibekommen.“ Nach zwei Wochen ging es zurück ins Lager. Als er vom Abschied erzählt, kippt seine Stimme ein wenig. „Es war furchtbar traurig.“ Drei weitere Monate später, im September 1944, wurde das tschechische Lager aufgelöst. Nächste Station war eine alte Schule in Limburg. Dort allerdings konnten die Lagerleiter die künstliche „Ferienatmosphäre“ nicht mehr lange aufrecht halten.

Von Polen über Tschechien nach Bad Nauheim

Die Verhältnisse wurden schwieriger, die Kleidung und das Essen knapp. Nur zu gut erinnert sich Aust an sein Weihnachtsgeschenk 1944: „Ich bekam einen Briefumschlag. Da waren ein paar Rosinen drin.“ Über Limburg seien bald Tag und Nacht Flugzeuge gekreist, so zog das Lager wieder um. Diesmal nach Bad Nauheim. Im März 1945 durfte der Junge endlich wieder für einige Tage nach Hause.

Auch den 19. März verbrachte er bei den Eltern in Ginnheim. „Über Drahtfunk hörten wir von der Bombardierung Hanaus. Ich weiß noch, dass ich im Osten eine Rötung gesehen habe, die immer intensiver wurde. Das war die brennende Stadt.“ Austs Reise war längst nicht zu Ende. „Ich hätte in Frankfurt bleiben können. Aber mein Vater hatte Angst vor dem Einmarsch der Amerikaner und schickte mich zurück nach Bad Nauheim. Ich fuhr also mit dem Zug nach Bad Homburg, weiter kam ich nicht. Den Rest bin ich gelaufen.“ 

Nach über eineinhalb Jahren Odysee wollte der 14-Jährige nur noch nach Hause

Wenig später wurden die Kinder in Bauernhöfe rund um Alsfeld aufgeteilt, zuletzt landete Aust in Thüringen. „Hier wohnten Freunde meines Vaters. Sie hatten auch meine kleine Schwester bei sich aufgenommen.“ Der Krieg war zu Ende. Überall waren inzwischen amerikanische Soldaten, die sich wider Erwarten sehr großzügig zeigten. Aust konnte Englisch, das hatte er in der Schule gelernt. „Das war von Vorteil. So konnte ich mir leichter Essen beschaffen.“

Nach über eineinhalb Jahren Odyssee durch Polen, Tschechien und halb Deutschland hielt der Junge das Heimweh nicht mehr aus. Er wollte nach Hause. Er fand ein herrenloses Fahrrad („damals eins der wertvollsten Dinge, die man haben konnte“) und eine Autokarte und machte sich auf den beschwerlichen Weg zurück nach Frankfurt zu seiner Familie. Seine Reise war endlich zu Ende. 

Seit vielen Jahrzehnten lebt der promovierte Wirtschaftswissenschaftler, der lange in der Entwicklungshilfe für die Kreditanstalt für Wiederaufbau tätig war, in Hanau. Seit Anfang Januar ist er verwitwet, seine verstorbene Frau Eva Aust war Oberstudienrätin in Hanau. Und sein Sohn Felix hat hier ebenfalls eine Familie gegründet. Es ist ein Glück, dass er uns seine Geschichte erzählen kann. Dass auch die Schicksale der verschickten Kinder nicht vergessen werden.

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