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Die Kinder haben Regenbogen gemalt und am Eingang des Katholischen Kindergartens St. Josef aufgehängt. Damit zeigen sie ihren Erzieherinnen, dass sie an sie denken. Das freut auch die Leiterin der Einrichtung, Waltraud Leibacher.

Kinder seit Wochen nicht gesehen

Corona-Alltag im Kindergarten: So halten die Erzieherinnen der Einrichtung St. Josef Kontakt zu den Kindern

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70 Kinder sorgen eigentlich in den Räumen des Katholischen Kindergartens St. Josef für ordentlich Leben. Seit einigen Wochen sind die Erzieherinnen nun schon unter sich. Da keine Kinder zu betreuen sind, haben sie sich andere Aufgaben gesucht.

Sie basteln, nähen, malen, räumen auf, desinfizieren, gärtnern und kümmern sich um liegen gebliebene Büroarbeit. „Uns fehlen eindeutig die Kinder“, sagt Leiterin Waltraud Leibacher. Der Endspurt ihres Berufslebens hält für die 62-Jährige plötzlich einen neuen Arbeitsalltag bereit.

Obwohl sie aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe zählt, geht Waltraud Leibacher weiterhin jeden Tag zur Arbeit. „Ich will nicht daheim bleiben“, macht sie unmissverständlich klar.

Kita-Leiterin sieht besondere Verantwortung in der Corona-Krise

Die Mutter zweier erwachsener Söhne spricht von einer Verantwortung, der sie gerecht werden möchte. „Ich will da sein, für mein Team und für die Eltern, die viele Fragen haben.“ Sie sorge sich um die Kinder, denen die wichtige Zeit vor dem Schulübertritt verloren gehe, um Eltern, die ihre Arbeit in der Corona-Krise verloren haben. Und bei ausländischen Kinder um deren Deutsch-Kenntnisse, weil in ihrem Umfeld nur in der Muttersprache der Eltern gesprochen wird.

Mit den Eltern versuchen die Erzieherinnen so gut es geht in Kontakt zu bleiben. Über den Elternbeirat informieren sie die Väter und Mütter. Der direkte Kontakt oder eine WhatsApp-Gruppe mit den Eltern ist aus Datenschutzgründen nicht möglich. Immer wieder packen die Erzieherinnen kleine Päckchen für die Kinder, legen sie in eine große Kiste und stellen diese in den Garten. Dort können es sich die Kinder dann abholen.

Märchenfiguren im neu angelegten Garten: Laura Weißling hat bereits den Froschkönig und einige Zwerge an die Wände gemalt.

Für Mutter- und Vatertag haben Waltraud Leibacher und ihr Team etwas vorbereitet. Ausmalbilder der Arche Noah oder von anderen Motiven werden den Kindern so zur Verfügung gestellt. Auch Gebetstexte. Die Eltern bekommen in Briefen Hilfestellung. Wichtige Telefonnummern, Mail- und Internetadressen zum Beispiel. Unter anderem erhalten die Eltern so den Verweis auf die Online-Kita auf der Seite www.hanaudaheim.de.

Bisher keine Notbetreuung in der Kita St. Josef nötig

Seit fast 40 Jahren ist Waltraud Leibacher schon im Kindergarten St. Josef, seit 1991 leitet sie die Einrichtung. Tage wie diese hat sie in all der Zeit noch nicht erlebt. Seit Wochen haben sie und ihre sieben Kolleginnen kein Kind mehr betreut. Für eine Notbetreuung wurde ihnen von der Stadt Hanau bisher an keinem einzigen Tag ein Kind zu gewiesen.

Umso größer ist das Strahlen, wenn ein Kindergartenkind auf der Straße kurz stehen bleibt, und man über den Zaun hinweg ein paar Informationen austauschen kann. „Unser wichtigster Ansatz ist der Kontakt mit den Kindern“, sagt Waltraud Leibacher. Und der ist komplett weggefallen.

Erzieherinnen nutzen die Zeit kreativ

Was tun also, wenn die Hauptaufgabe für mehrere Wochen und Monate weg bricht? „Wir können viel aufarbeiten und sind sehr kreativ“, sagt Waltraud Leibacher. So arbeiten die Erzieherinnen das Qualitätsmanagement auf, entwickeln das Schul-Einsteiger-Programm weiter. Die Gruppenräume wurden aufgeräumt, geputzt, Spielsachen desinfiziert. „Das sind teilweise Sachen, die man eigentlich erst in den Sommerferien macht.“

Im Außenbereich dürfen sich die Kinder nach ihrer Rückkehr auf Veränderungen freuen. Ein Kräuterbeet wurde angelegt, Hauswände wurden mit Märchenfiguren bemalt. „Wenn wir dieses Jahr mit den Kindern schon nicht die Märchenfestspiele besuchen können, haben sie so wenigstens etwas davon“, erzählt Waltraud Leibacher.

Elternsprechtag über Telefon

Ihr Team arbeitet zum Teil im Kindergarten, aber auch zu Hause. So näht eine Kollegin die Abschiedsgeschenke für die Kinder, die in die Schule kommen. Waltraud Leibacher ist stolz auf das „sehr gute Miteinander“. Kürzlich hatten die Erzieherinnen Kontakt zu allen Eltern. Der Elternsprechtag wurde telefonisch durchgeführt.

„Wir haben bei allen abgefragt, wie es geht. Im Großen und Ganzen können sie es wohl ganz gut stemmen“, meint Waltraud Leibacher, die den Kontakt zu den Kindern auch in der Corona-Krise nicht ganz abreißen lassen will. Vor Ostern bekam jedes Kind der Einrichtung ein Osterkörbchen und einen Brief vor die Haustür gestellt. Der Dank kam prompt: Als die Erzieherinnen nach den Ostertagen wieder in den Kindergarten kamen, hingen an der Eingangstüre zahlreiche von den Kindern gemalte Regenbogen.

So zeigen die Kinder ihren Erzieherinnen, dass sie sie auch vermissen. „Das hat uns umgehauen“, sagt Waltraud Leibacher. Und es gibt ihr Mut und Kraft für die Zeit ohne Kinder und ihren Endspurt bis zum Rentenbeginn im Sommer kommenden Jahres.

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