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Wie in Hanau Kinder und Jugendliche aus der Ukraine betreut werden

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Von: Christian Spindler

In der alten Tümpelgartenschule findet der Intensiv-Unterricht für die älteren Schüler aus der Ukraine statt. Zehn Klassenräume stehen dafür zur Verfügung.
In der alten Tümpelgartenschule findet der Intensiv-Unterricht für die älteren Schüler aus der Ukraine statt. Zehn Klassenräume stehen dafür zur Verfügung. © HOLGER HACKENDAHL

Eigentlich stand der Altbau der Tümpelgartenschule zur Disposition. Es wurde überlegt, ihn abzureißen. Davon hat die Stadt aber abgesehen, nachdem Hiltrud Herbst, Chefin des Eigenbetriebs Immobilien- und Baumanagement, für den Erhalt plädiert hatte. Man wisse ja nicht, ob das Gebäude womöglich doch noch gebraucht werde. So erzählt es Bürgermeister und Sozialdezernent Axel Weiss-Thiel (SPD). „Dass das so schnell der Fall sein würde, wusste da noch niemand.“

Hanau - Jetzt ist man froh, dass es den Bau noch gibt. Er ist gewissermaßen zu einer Keimzelle der Integration von Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine geworden, respektive für Jugendliche, die weiterführende Schulen besuchen.

Zehn Räume für Intensivklassen stehen dort zur Verfügung. Kürzlich begann der Unterricht für 25 junge Ukrainer (wir berichteten). Vornehmlich pauken sie Deutsch, damit sie möglichst bald am regulären Unterricht teilnehmen können. Sukzessive sollen die Klassen ausgebaut werden für bis zu 120 Jugendliche. Junge ukrainische Geflüchtete, die weiterführende Schulen besuchen, sollen aus allen Teilen Hanaus, in denen sie mit ihren Müttern und Geschwistern einquartiert sind, zur Tümpelgartenschule kommen – per Bus.

Hanau beherbergt mehr Geflüchtete als vergleichbare Städte

Rund 370 000 Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine sind nach Angaben des Bundesinnenministeriums mittlerweile in Deutschland registriert. Im Main-Kinzig-Kreis sind es mehr als 3500, in Hanau über 1000 – und damit mehr als in vergleichbaren Städten. Auch, weil es in Hanau unter anderem wegen der jüdischen Gemeinde einen Bezug zur Ukraine gibt. Etwa 60 der Gemeindemitglieder stammen von dort, viele haben Verwandte aus dem Kriegsgebiet aufgenommen oder zumindest nach Hanau geholt.

Die Unterbringung in privaten Unterkünften, in Hotels oder Sammelunterkünften wie etwa der Mehrzweckhalle in Mittelbuchen ist das Eine, die Betreuung der Menschen das Andere, erst recht der Kinder und Jugendlichen. Dank der Intensivklassen und der Räume in der alten Tümpelgartenschule, die als Dependance des Schulzentrums Hessen-Homburg mit Lehrkräften von dort betrieben wird, sei die Situation in der sogenannten Sekundarstufe eins „noch relativ entspannt“, sagt Bürgermeister Weiss-Thiel. Im Fokus seien vor allem die Geflüchteten, die kurz vor dem Schulabschluss stünden. In der Ukraine sind die Schulzeiten mitunter kürzer.

Das Abitur macht man in der Regel nach der elften Klasse. Was viele nicht wissen: Der Online-Unterricht ist ausgeprägter als bei uns. Mitunter findet er, sofern der Krieg das zulässt, nach wie vor von der Ukraine aus auch für Schüler in Hanau, fern der Heimat, statt.

Betreuung in Kitas ist die größte Herausforderung

Während der Unterricht für die älteren Schüler in den Intensivklassen zentral in der Tümpelgartenschule angeboten wird, sollen die jüngeren Kinder aus der Ukraine dezentral die Intensivklassen in den Grundschulen besuchen. Zuletzt hatte Oberbürgermeister Claus Kaminsky im Stadtparlament kritisiert, dass allenthalben Lehrer fehlen und dass mitunter Kinder, die in Hanau derzeit Intensivklassen besuchen und eigentlich weiterhin Förderbedarf haben, in den Regelunterricht wechseln müssten, um Plätze für ukrainische Kinder freizumachen. „Wir hören das von einzelnen Schulen“, sagt auch Weiss-Thiel. Hier werde ein Ermessensspielraum mitunter „maximal ausgereizt“.

Als „größte Herausforderung“ bezeichnet der Bürgermeister die Betreuung ukrainischer Kinder in Kitas, zumal die Situation in diesem Bereich schon bisher „sehr angespannt“ sei. Weiss-Thiel: „Die Räume sind nicht das Problem, vielmehr fehlen die Betreuer.“ Allenthalben sind kaum Erzieherinnen und Erzieher zu finden. Die Möglichkeit, die Gruppengrößen zu erhöhen, was an übergeordneter Stelle ins Kalkül gezogen werde, sieht Weiss-Thiel skeptisch.

Das sei in der Realität schwer zu verwirklichen und erst recht schwer zu vermitteln. „Wir können den Menschen, die schon da sind, kaum zumuten, dass wir für Flüchtlinge Überbelegungen einrichten.“

Bislang allerdings, so berichtet Alessandra Zeidler, eine der städtischen Koordinatorinnen der Ukraine-Hilfe, gingen von den Geflüchteten wenige Nachfragen nach Kita-Plätzen ein. „Da ist noch kein großer Druck zu spüren.“ Vielmehr gehe es den geflüchteten Frauen, die mit ihren Kindern hier sind, zunächst vor allem darum, kleinere Angebote zu bekommen, „damit sie sich selbst einfach mal zurücklehnen oder beispielsweise Ämterbesuche erledigen können“.

Sportsfield II: Wohnungen für Flüchtlinge sollen im Mai fertig sein

Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine sind in Hanau und dem Main-Kinzig-Kreis bei Privatleuten einquartiert, aber auch in Hotels und in Sammelunterkünften wie Sporthallen. Letztere gibt es in Mittelbuchen, Bruchköbel oder Langenselbold. In Hanau wurden für Geflüchtete Zimmer in insgesamt sieben Hotels zur Verfügung gestellt. Mittlerweile wurde eines der Hotels geräumt. Die anderen sollen folgen, wenn ehemalige US-Wohnblocks auf Sportsfield Housing zur Verfügung stehen. Dann sollen die Flüchtlinge aus den Hotels dorthin umziehen. Wie berichtet, hat die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) die Gebäude, die ab 2015 bereits als Flüchtlings-Erstaufnahmeeinrichtung des Landes dienten, zur Verfügung gestellt. Die Wohnungen werden gerade hergerichtet. Sie sollen laut Bürgermeister Axel Weiss-Thiel ab der zweiten Mai-Hälfte für Ukraine-Flüchtlinge nutzbar sein. Insgesamt geht es um 700 Plätze. Die Stadt betreibt in einem anderen Teil von Sportsfield Housing bereits eine kommunale Flüchtlingsunterkunft.

Solche Betreuungsangebote mit wenigen Stunden pro Woche seien derzeit im Aufbau – auch mit ehrenamtlichen Helfern, die neben den Johannitern und dem Deutschen Roten Kreuz, das eine Halle in der Nähe des Hauptbahnhofs betreibt, in der sich Flüchtlinge unter anderem mit Kleidung versorgen können, eine wichtige Säule der Flüchtlingshilfe in Hanau bilden. Alle Ehrenamtlichen, die schon bei Flüchtlingskrise 2015 im Einsatz waren, „sind alle wieder an Bord“, freut sich Zeidler.

100 bis 120 Personen engagieren sich in Hanau ehrenamtlich für die Kriegsflüchtlinge. Im Mai soll neben Deutschkursen auch das erste niederschwellige Kinderbetreuungsangebot in der Alten Johanneskirche starten. Weitere sollen folgen. „Dafür sind wir auf Raumsuche“, sagt Zeidler.

(Von Christian Spindler)

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