Wie viele Bomben liegen noch auf dem Pioneer-Gelände unter der Erde? Archivfoto: Feuerwehr Hanau

Hanau

Kampfmittelräumdienstchef vermutet weitere Bomben auf Pioneer

Hanau. Seit 1975 ist es Dieter Schwetzlers Metier, sich mit Bomben zu befassen. Damals ist er zum Militär gekommen, hat dort eine Ausbildung zum Feuerwerker absolviert. Heute, mit 63, entschärft er Bomben im Auftrag des Regierungspräsidiums Darmstadt und ist dort Leiter beim Kampfmittelräumdienst.

Bei ihm klingelt das Telefon, wenn – wie am Donnerstagabend in Hanau – eine Bombe gefunden wird. Im Interview mit dem HA erläutert der Kampfmittelräumer das Vorgehen auf Pioneer.

Herr Schwetzler, war die Bombe, die Sie am Donnerstag auf Pioneer entschärft haben, die letzte, die dort gefunden wurde?Für den Tag (lacht). Es besteht nach wie vor die Möglichkeit, dass auf Pioneer weitere Bomben liegen. Auch solche mit chemischem Langzeitzünder.

Warum sind diese Art von Bomben so gefährlich?Viele dieser Bomben sind beim Aufschlag auf die Erde nicht explodiert, weil der mechanische Auslöser, der beim Abwurf und Flug durch die Luft aktiviert werden sollte, nicht richtig funktioniert hat. Es sind wirklich sehr, sehr gefährliche Bomben. Gestern kam hinzu, dass die Bombe beim Freilegen von einem Bagger bewegt wurde. Das bedeutet, es ist Gefahr im Verzug. Eigentlich können bei derartigen Bomben schon Temperaturschwankungen zur Detonation führen. Diese Bomben kommen in der Regel sehr selten vor. In der Masse wurden Bomben mit Aufschlagzündern abgeworfen.

Was ist der Unterschied zwischen einem Aufschlagzünder und einem chemischen Langzeitzünder?Wenn die Bombe auf der Erde aufschlägt, wird der Zünder bei einer Bombe mit Aufschlagzünder rein mechanisch aktiviert. Bei einer Bombe mit chemischem Langzeitzünder kann die Laufzeit des Zünders zwischen zwei und 144 Stunden eingestellt werden. Wann sie explodiert, weiß man also nicht. Das war im Krieg dafür gedacht, dass beispielsweise nach einem Bombenangriff, wenn sich die Menschen wieder in Sicherheit glaubten, immer noch Bomben hochgehen konnten. Gedacht war diese Art von Bomben vor allem dafür, Industrie-, Logistik- oder Militäranlagen zu zerstören.

Mit wie vielen Bomben wird denn auf Pioneer noch gerechnet?Das weiß man nicht. Wir geben vor Baumaßnahmen lediglich eine Stellungnahme darüber ab, ob das Areal kampfmittelbelastet ist. Diese Informationen haben wir anhand von Luftbildern der Alliierten, die nach der Bombardierung auf Hanau gemacht wurden. Sie dienten damals als eine Art Erfolgskontrolle. Ein Ingenieurbüro übernimmt die Detailauswertung. Hier werden auch konkrete Koordinaten genannt. Diese Punkte müssen dann von einem vom Bauherrn privat beauftragten Kampfmittelräumdienst vorrangig geprüft werden. Das ist bis dato geschehen. Aber man muss davon ausgehen, dass auch in zugeschütteten Bombentrichtern noch Bomben liegen.

Und wie lange wird es mutmaßlich dauern, bis diese Bomben unschädlich gemacht werden?Auch das ist schwer zu sagen. Derzeit prüft der private Kampfmittelräumdienst das Gelände auf mögliche Weltkriegsrelikte. Wir kommen nur zum Einsatz, wenn eine Bombe gefunden wird und entschärfen sie dann im Team. Wenn das komplette Areal auf Kampfmittel untersucht ist bekommen wir die Daten und pflegen sie ins Archiv ein.

In Hanau mehren sich die Bombenfunde. „Och nein, schon wieder 'ne Bombe“, heißt es in den sozialen Netzwerken. Tritt in der Bevölkerung ein Gewöhnungseffekt ein und Bombenfunde werden nicht mehr ernst genommen?Die Sensibilisierung nimmt bei vermehrten Bombenfunden hintereinander sicher ab. Aber es ist gefährlich, eine Bombe nicht ernst zu nehmen. Auch wenn wir alles im Griff haben, immer alles geben und unseren Job mit Leib und Seele erledigen, bleibt es eine Bombe. Und eine mit chemischem Langzeitzünder ist um so gefährlicher. Generell haben die Weltkriegsbomben noch ihre volle Wirkung , sie gehen nicht kaputt, verrotten nicht und sind, da sie unter der Erde liegen, luftdicht abgeschlossen. So sind die ohnehin sehr guten Zündeinrichtungen noch sehr gut erhalten.

Das Interview führte Kerstin Biehl.

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