Steht den Teilnehmern der Plastikfasten-Aktion mit Rat und Tat zur Seite: Gabriele Schaar-von-Römer vom Umweltzentrum. Foto: Paul

"Jute mit Jutta": Himbeerdrops statt Gummibärchen

Hanau. Die Runde ist bunt zusammengewürfelt und ergibt eine optimale Mischung: Eine Familie mit zwei Kindern aus Bruchköbel, ein Ehepaar aus Erlensee und eine alleinerziehende Mutter mit ihrer Tochter haben sich auf den Aufruf des Umweltzentrums und des HA zum Plastikfasten gemeldet.

Von Jutta Degen-Peters

Man wird sich schnell einig: Am Mittwoch geht's los, zehn Tage lang wollen sie Plastik verbannen – und damit beginnt die Suche nach Alternativen zu dem Stoff, der ewig zum Verrotten braucht und die Weltmeere belastet.

Bei dem Auftaktgespräch mit der Leiterin des Umweltzentrums, Gabriele Schaar-von-Römer, ist es so, als hätten die Teilnehmer auf eine solche Initialzündung gewartet. Sie sprudeln nur so vor Ideen, tauschen Tipps aus, setzen sich Ziele und wissen genau zu benennen, wo die Stolpersteine liegen.

Keine Gummibärchen in Plastik mehrNachhaltig beeindruckt zeigen sie sich, als Schaar-von-Römers Griff zum Handy sie als eine glaubwürdige Vertreterin eines umweltbewussten Umgangs mit Ressourcen outet: Sie nutzt ein Shift-Phone – das Handy eines hessischen Herstellers, ohne seltene Erden produziert und nicht viel teurer ist als andere Telefone.

Das hinterließ nicht nur Eindruck bei den sechs und neun Jahre alten Kindern der Bruchköbeler Familie. Die hatten eines ihrer Ziele schon mal vorformuliert: „Wir wollen keine Gummibärchen in Plastik mehr kaufen.“ Sie werden demnächst selbst aktiv und probieren das Rezept aus dem Buch „Besser leben ohne Plastik“ von Anneliese Bunk und Nadine Schubert aus: Aus tiefgefrorenen Himbeeren, Agar Agar, Apfelmus und Himbeersirup werden ruck, zuck leckere Fruchtgummis.

MilchautomatAuf die Frage nach einer regionalen Alternative zur Milch in Tetrapak-Tüten gibt es beim Auftakttreffen schon gleich den ersten brandheißen Hinweis: Der Milchautomat von Bauer Wacker aus Kilianstädten liefert frische Milch aus eigener Erzeugung für einen Euro pro Liter.

Klar ist auch, dass die Gruppe ab sofort auf die üblichen Reinigungsmittel verzichten will, die ausnahmslos in Plastik verpackt sind. Anregungen für Alternativen gibt's im Internet und in den beiden Büchern zum Leben ohne Plastik, die das Umweltzentrum zur Verfügung stellt.

Ideensammlung und AustauschDamit, dass der HANAUER ANZEIGER, der mit seiner am Aschermittwoch begonnenen Serie zum Plastikfasten das Projekt mit dem Umweltzentrum angestoßen hat, berichtet, damit sind die Teilnehmer einverstanden. Allerdings wollen sie vorerst nicht, dass ihre Namen in der Zeitung erscheinen. Man macht sich mit einem öffentlichen Blick in den hauseigenen Kühlschrank oder dem Eingestehen eigener Schwächen schließlich gläsern. Für die Leser sind die Ideensammlung und der Austausch aber dennoch ein Gewinn. Denn vom ersten Moment an fliegen die Gedanken und Tipps nur so hin und her.

Die elfjährige Tochter der Hanauerin verblüfft die übrigen Teilnehmer und das Team vom Umweltzentrum: Sie ist die Einzige, die schon jetzt Zahnputztabletten verwendet, um der Pasta in der Plastiktube zu entgehen. Außerdem ist sie Expertin im Herstellen von Seifenperlen – ein Wissen, das sie gerne mit den übrigen Mitstreitern teilen möchte. Das freut die Bruchköbeler Familie, die sich neben dem Verzicht auf plastikverpacktes Süßes auch die Vermeidung von Duschgel in nicht-umweltverträglichem Spender auf die Fahnen geschrieben hat.

WunschlisteDas Paar aus Erlensee hat sich vorgenommen, mit wachen Augen und geschärften Sinnen einzukaufen. Statt der üblichen Süßigkeiten wollen die beiden Erlenseer auf Trockenfrüchte umsteigen. Auch beim Müll-Trennen wollen alle kritisch hinschauen. Die Diskussion darüber, wie sinnvoll die Trennung und das Plastiksammeln in gelbem Sack und gelber Tonne vor dem Hintergrund sind, dass weniger als 20 Prozent recycelt und der Rest verbrannt wird, ist schnell entbrannt.

Auf der Wunschliste der Teilnehmer steht eine Führung über die Mülldeponie des Main-Kinzig-Kreises. Geklärt haben möchten sie, was geschieht, wenn sie im Supermarkt die Ware vom Plastik befreien und das dort hinterlassen – eine zugegeben nur bedingt umweltfreundliche Lösung. Schließlich ist das Plastik dadurch nicht aus der Welt. Doch steigert dieses Vorgehen, wenn es von Tausenden Kunden geteilt wird, den Druck auf die Lebensmittel-Discounter.

Nicht so einfachKontrovers wurde auch der Vorschlag Gabriele Schaar-von-Römers diskutiert, Toilettenpapier ohne Plastikumhüllung könne man bei Amazon bestellen. Das Fazit bei der Diskussion vieler Fragen ist, dass sich Plastik nicht ad hoc komplett aus dem Leben verbannen lässt. Und auch nicht, ohne in anderen Bereichen, etwa in puncto Arbeits- oder Beschäftigungsbedingungen die Augen zuzudrücken.

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