Musik trifft Poesie: Gemälde aus der Sammlung des Frankfurter Städel-Museums dienten als Basis für Auftragskompositionen, dargeboten von der Jungen Deutschen Philharmonie, und Auftragstexte, gelesen von verschiedenen Poetry-Slammern. Foto: Andrea Pauly

Hanau

Junge Deutsche Philharmoniker und Poetry Slammer im Comoedienhaus

Hanau. „Under Construction“ lautete der Titel in diesem Jahr. Schon zum zweiten Mal waren bekannte deutsche Poetry-Slammer mit Musikern der Jungen Deutschen Philharmonie zu Gast im Wilhelmsbader Comoedienhaus, das leider nicht sehr gut besucht war.

Von Andrea Pauly

Weit weniger als die Hälfte aller Plätze waren besetzt, obwohl auch dieses Mal ein erfrischendes und eindrucksvolles Programm geboten wurde.

Poesie, Musik und Malerei im Dialog

Vielleicht schreckte das Vorurteil von der „ach so“ dissonanten Neuen Musik so manchen Besucher. Dabei offeriert diese Facette moderner Kompositionen – so wie hier, in kleinen Portionen und thematisch an ein malerisches Thema gebunden – auch für ungeübte Ohren sehr berührende und originelle bis zu amüsanten Momenten.

Veranstalter war wieder die Stadt Hanau, Fachbereich Kultur, Stadtidentität und Internationale Beziehungen, in Kooperation mit dem Kulturfonds Frankfurt RheinMain.

100-jähriges Bauhaus-Jubiläum als Thema

War 2018 die Frankfurter Goethe-Festwoche das Thema der Slammer und Musiker, widmete man sich dieses Jahr anlässlich des 100-jährigen Bauhaus-Jubiläums fünf malerischen Werken von Künstlern des Bauhauses, die zum Ausgangspunkt und zur Inspirationsquelle für jeweils fünf Komponisten – unter Leitung von Corinna Niemeyer – sowie Poetry-Slammern wurden, die im Rahmen von mehreren Aufführungen in Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet aufeinandertrafen.

So auch in Wilhelmsbad: Gemälde aus der Sammlung des Frankfurter Städel-Museums dienten als Basis für Auftragskompositionen und Auftragstexte. Aus einer Liste von renommierten Künstlern hatten die Beteiligten „ihr“ Kunstwerk ausgewählt. Die Gemälde stammen von Lyonel Feininger, Josef Albers, László Moholy-Nagy, Oskar Schlemmer und Paul Klee. Alle fünf unterrichteten als Lehrer am Bauhaus.

Eine große stilistische Bandbreite war auch bei den am Projekt beteiligten Komponisten vertreten: Carlos Cárdenas, Martin Grütter, Marianna Liik, Gerhard Müller-Hornbach und Aziza Sadikova hatten je ein rund achtminütiges Werk für ein siebenköpfiges Ensemble der Jungen Deutschen Philharmonie komponiert.

Starke Vertreterinnen und Vertreter der Spoken-Word-Szene

Auf Seiten der Slam-Poeten waren Franziska Holzheimer und Dalibor Markovic wieder dabei. Dazu kamen Samuel Kramer, Tanasgol Sabbagh und Leticia Wahl als weitere starke Vertreterinnen und Vertreter der deutschsprachigen Spoken-Word-Szene.

Zeitgleich mit Lyonel Feininger und László Moholy-Nagy lehrte Josef Albers am Bauhaus. Sein Gemälde „Study for Homage to the Square: High Autumn“ (1957) war Basis für die Werke des im Odenwald geborenen Komponisten Gerhard Müller-Hornbach und des aus Offenbach stammenden Poetry-Slammers Samuel Kramer, der mit ruhiger und sanfter Stimme seine ansprechenden Wortspielereien und Philosophiererei um Hummeln, Kuben und Herbstblätter vortrug.

Schauspielerisch anmutende Performance

Seit mehr als einem Jahrzehnt ist Franziska Holzheimer auf deutschen Bühnen präsent und zeigt dabei wie auch an diesem Abend in Hanau besonders schauspielerisch anmutende Performer-Qualitäten. Als Basis für die gemeinsame Arbeit von ihr und Carlos Cárdenas diente Lyonel Feiningers „Dorfteich von Gelmeroda“ (1922).

Sich gegenseitig überlagernde und durchdringende kubistisch-geometrische Strukturen formieren auf diesem Gemälde eine dörfliche, sich im Wasser spiegelnde Häuserlandschaft. Eindrücke einer Ägyptenreise verarbeitete Paul Klee in seinem Ölgemälde „Blick in das Fruchtland“ (1932). Der in stilisierten Wellen dahinströmende Nil tritt darin in Kontrast zu den in geometrischen Formen angedeuteten Bauten.

Bodypercussion gibt Slamgedicht eigenen Groove

Autorin, Slammerin, Moderatorin und Schauspielerin Leticia Wahl gab ihrem Slamgedicht mit Bodypercussion einen eigenen Groove, den auch die Komposition Martin Grütters zeigte. László Moholy-Nagys „Konstruktion“ (1924) ist ein strenges Ölgemälde auf schwarzem dominierendem Hintergrund. Die im Iran geborene Slammerin Tanasgol Sabbagh und die estnische Komponistin Marianna Liik hatten es für sich auserkoren.

Im Text der in Berlin lebenden Sabbagh spielte die Frage nach Identität und der Wunsch nach Zugehörigkeit eine besondere Rolle. Von einer starken Bilderwelt zeugte auch die atmosphärisch dichte Musik von Marianna Liik.

Elemente des Beatboxing kommen auf die Bühne

Lautpoet Dalibor Markovic kommt aus dem Musikbereich und tritt seit 15 Jahren von Frankfurt aus auf internationalen Bühnen auf. Virtuos imitierte er Perkussionsrhythmen mit Mund, Rachen und Zunge und band so Elemente des Beatboxing in seinen Auftritt ein. Gemeinsam mit der usbekischen Komponistin Aziza Sadikova widmete sich Markovic dem 1924 entstandenen Gemälde „Halbfigur nach links“ von Oskar Schlemmer.

In 13 voneinander abgegrenzten Farbflächen, mit Öl und Tempera auf Leinwand gemalt, wirkt das Porträt wie ein abstrakter architektonischer Entwurf. So entstand bei allen fünf am Projekt beteiligten interdisziplinären Paaren ein perspektivenreiches Mosaik mit vielerlei Bezügen, das einen spannenden Dialog zwischen dem altehrwürdigen „Bauhaus“ und aktuellem künstlerischen Schaffen erschuf.

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