Sie geben im Jugendzentrum Kesselstadt den traumatisierten Kindern und Jugendlichen Halt und Trost: Die Sozialarbeiter Günther Kugler (von links), Davut Demir, Antje Heigl und die Berufsberaterin Christine Disser.
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Sie geben im Jugendzentrum Kesselstadt den traumatisierten Kindern und Jugendlichen Halt und Trost: Die Sozialarbeiter Günther Kugler (von links), Davut Demir, Antje Heigl und die Berufsberaterin Christine Disser.

THEMENWOCHE 19. FEBRUAR

JUZ in Kesselstadt: Jugendliche zwischen Trauer und Wut

  • Monica Bielesch
    vonMonica Bielesch
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Das Jugendzentrum JUZ in Kesselstadt liegt mittendrin: Es ist unweit des Kurt-Schumacher-Platzes, wo an der Arena-Bar am 19. Februar 2020 sechs junge Menschen ermordet wurden. Und es liegt am Ende eines Wendehammers in der Helmholtzstraße, wo heute noch der Vater des Täters ein Reihenhaus bewohnt. Die Jugendlichen und Sozialarbeiter im JUZ kannten die Opfer. Darum fällt auch ein Jahr danach ein Abstand zu der Tat immer noch schwer. Die Fassungslosigkeit bleibe, erzählen die Sozialarbeiter bei einem Besuch.

Hanau – Still ist es an diesem frühen Abend rund um das Jugendzentrum JUZ an der Helmholtzstraße. Nur wenig Licht dringt aus den Fenstern nach außen. Die weißen Aufkleber mit den stilisierten Gesichtern und den Namen der neun Opfer des rassistisch motivierten Anschlags vom 19. Februar 2020, die an die Fassade geklebt wurden, sind nur schemenhaft zu sehen. Normalerweise würden um diese Uhrzeit Jugendliche im JUZ sein. Würden Billard oder Tischkicker spielen, am Box-Training teilnehmen oder einfach nur in den Sofas und an den Tischen zusammen sitzen und quatschen. Aber Corona hat auch hier das Leben lahmgelegt. „Das ist die Katastrophe nach der Katastrophe“, sagt Günther Kugler, der seit über 20 Jahren als Sozialarbeiter im JUZ arbeitet.

Die erste Katastrophe, das Attentat am Heumarkt und am zweiten Tatort in der „Arena-Bar“ am Kurt-Schumacher-Platz in der Nacht des 19. Februar 2020 hat das Jugendzentrum, das in der Trägerschaft des Kirchenkreises und der Evangelischen Gemeinde Kesselstadt liegt, besonders hart getroffen. „Das ist ein Dorf hier, jeder kennt praktisch jeden“, sagt Antje Heigl, die seit 27 Jahren im JUZ arbeitet. Und die „Arena-Bar“, die nur wenige Gehminuten vom Jugendzentrum entfernt ist, war die Dorfkneipe. Die Sozialarbeiter und die meisten der Jugendlichen aus dem JUZ kannten die Ermordeten. Bis auf Vili Viorel Paun, der in seinem Auto dem Täter vom Heumarkt aus gefolgt war und auf dem Parkplatz vor der „Arena-Bar“ erschossen wurde, kamen alle aus Kesselstadt: Gökhan Gültekin, Mercedes Kierpacz, Ferhat Unvar, Said Nesar Hashemi und Hamza Kurtovic.

„Alle haben sich hier immer sicher gefühlt“

Günther Kugler hat damals um kurz vor 22 Uhr zwei Jugendliche als letzte Gäste aus dem JUZ verabschiedet und danach das Zentrum abgeschlossen. Einer von ihnen war Ferhat Unvar. Als Kugler auf dem Heimweg am Kurt-Schumacher-Platz vorbeifährt, sieht er die vielen Blaulichter auf dem Parkplatz vor der „Arena-Bar“. „Da wusste ich, es ist etwas Schreckliches passiert.“

Auch ein Jahr danach können die drei Sozialarbeiter die Geschehnisse der damaligen Nacht kaum fassen. „Alle haben sich hier immer sicher gefühlt“, berichtet Heigl, „selbst die Mädchen sind abends noch durch die Straßen gelaufen, weil hier jeder jeden kennt und sich das Leben vor der Haustür abspielte.“ Jetzt haben die meisten Angst. Dass der Vater des Täters weiterhin wenige Meter vom JUZ entfernt in seinem Reihenhaus wohnt, ist für viele Stadtteilbewohner ein Skandal. Als durch einen Bericht des „Spiegel“-Magazins im Dezember bekannt wurde, dass der Vater die rassistische Weltanschauung seines Sohnes teilt und weiter verbreitet, seien die Menschen in der Weststadt entsetzt gewesen. Auch Antje Heigl ist fassungslos, versteht nicht, warum die Behörden das tolerieren. Aber sie versteht die Wut der Jugendlichen, wenn diese von dem Vater auf der Straße beschimpft werden, jedoch von Streifenpolizisten gewarnt werden, den Vater nicht zu belästigen.

Jugendliche und Sozialarbeiter beklagen „racial profiling“ durch die Polizei

„Das brachte viel Unruhe in den Stadtteil“, so Kugler. Und erschwerte die Arbeit der Sozialarbeiter, die in den Monaten davor versucht hatten, den Jugendlichen nach dem Attentat die Sicht der Polizei und der Behörden zu erklären. Familien fühlen sich von dem Vater, der mit seinem Schäferhund durch die Straßen läuft, verfolgt und belästigt. „Aber es macht den Eindruck, dass der Vater von der Polizei geschützt wird, das ist ein unerträglicher Zustand“, sagt Kugler.

Er und seine Kollegen fühlten sich im vergangenen Jahr manches Mal alleine gelassen. Sie wünschen sich mehr Fachpersonal vor Ort. Denn, so Kugler, die Zahl der traumatisierten Jugendlichen, die betreut werden müssten, sei dreistellig. Auch eine bessere Information für den Stadtteil durch die Behörden zum Ermittlungsstand sei wünschenswert. Schon vor dem Attentat hätten Jugendliche über „racial profiling“ der Polizeistreifen im Stadtteil geklagt, dieser Eindruck habe sich nun nur noch verfestigt.

Im JUZ ist jeder willkommen

Denn so sehr das JUZ ein Ort der Vielfalt ist, wo sich Kinder und Jugendliche mit den unterschiedlichsten Wurzeln treffen, Deutschstämmige zieht es kaum hierher. Nicht nur in den Boxgruppen, die Sozialpädagoge Davut Demir anleitet, sind es zu weit über 90 Prozent Teilnehmer mit einem migrantischen Hintergrund.

Den Stadtteil mit seinen rund 8000 Einwohnern durchzieht ein starkes soziales Gefälle. In den Hochhäusern wohnen in kleinen Wohnungen vornehmlich große Familien mit ausländischen Wurzeln, in den Reihen- und Einfamilienhäusern deutsche Senioren.

„In der Weststadt stehen mehr als 50 Prozent der Hanauer Sozialwohnungen“, sagt Kugler. Das JUZ spreche Jugendliche an, deren Familien zumeist in prekären Verhältnissen lebten. Sie kommen, um den Fitnessraum im JUZ zu nutzen, weil sie sich keine Mitgliedschaft in einem Fitness-Center leisten könnten. Sie nutzen die Computer und Drucker im JUZ, um Hausaufgaben oder Bewerbungen zu schreiben, weil zuhause dieses technische Equipment fehle.

„Wir versuchen, hier eine familiäre Atmosphäre zu schaffen“, so Heigl. „Jeder ist willkommen, und es gibt immer Kaffee und Tee für alle“, ergänzt Kugler. Aus diesem Vertrauensverhältnis heraus können die Sozialarbeiter ihre Hilfe anbieten, die Jugendlichen stärken und stützen. Monatlich muss das JUZ rund 150 Euro für Druckertinte ausgeben, so sehr werden die PCs und Drucker für Schulaufgaben genutzt.

Corona hat die Trauerarbeit erschwert

Dass jedes Kind zu Hause damit ausgestattet ist, werde vom Schulsystem einfach immer vorausgesetzt, kritisiert Heigl. Dass das aber nicht so ist, habe zum Glück Corona nun endlich aufgedeckt. Aber Corona hat auch wichtige Trauerarbeit verhindert, das Miteinandertrauern vereitelt. Und weil die Stärke des Viertels gerade die Gemeinschaft ist, sei das die zweite Katastrophe, so Kugler.

Was die Jugendlichen nun brauchen? „Perspektiven“, sagen Heigl und Kugler unisono. Auch da habe Corona Spuren hinterlassen. Auf einem schwarzen Brett direkt am Eingang hingen früher viele Lehrstellen-Angebote. Dieses Brett ist nun leer. Dreimal wöchentlich kommt Christiane Disser seit einigen Jahren ins JUZ, um Jugendliche beim Übergang von der Schule in den Beruf zu beraten. Die jungen Menschen kennen sie und vertrauen ihr. Sie macht sich Sorgen: „Praktika sind ausgefallen, Lehrstellen fallen weg.“ Der auch früher nicht einfache Weg in einen Beruf werde nun für die Jugendlichen des Viertels noch schwerer, so Heigl. Das werde noch lange nach Corona nachwirken.

Jahrestag: „Jeder spürt, dass das ein besonderer Tag ist.“

Der heutige Jahrestag hat seine Schatten vorausgeworfen. „Jeder spürt, dass das ein besonderer Tag ist“, sagt Antje Heigl. Die Stimmung sei gedrückt. Darum werde das JUZ gerade am Jahrestag allen Betroffenen aus dem Stadtteil, die mit ihrer Trauer nicht alleine sein wollen, einen Raum bieten. Auch psychologische Unterstützung sei dann vor Ort. Denn für Außenstehende mag die Tat Vergangenheit sein, die es abzuhaken gelte. „Aber diese Distanz haben wir nicht, das geht hier nicht“, sagt Heigl. Und Kugler ergänzt: „Abstand zu der Tat zu finden, ist sehr schwer.“

In der Zukunft brauche der Stadtteil mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung. „Die Menschen sollten bei Veränderungsprozessen beteiligt werden“, meint Heigl. Auch die Jugendlichen sollten ein Mitspracherecht bekommen. Kugler: „Sie müssen erleben können, dass sie Einfluss haben und ernstgenommen werden.“ Darin liege eine große Chance zur Verarbeitung der Katastrophe, die diesen Stadtteil vor genau einem Jahr heimgesucht hat.

(Von Monica Bielesch)

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