20 Jahre liegt die Abberufung Klaus Remers als Stadtrat zurück. Die Affäre um den vor drei Jahren Verstorbenen schlug in Hanau hohe Wellen. Repros/Foto: HA/Privat

Hanau

Vor 20 Jahren wurde Klaus Remer als Stadtrat abgewählt

Hanau. „Zur Geschichte eines Landes gehören die negativen Seiten wie die positiven Seiten“. Dieser kürzlich geäußerte Satz von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier trifft im Großen wie im Kleinen zu. Auch in Hanau gibt es neben Licht auch Schatten.

Von Jutta Degen-Peters

Der 20. Jahrestag der Abwahl des verstorbenen Klaus Remer als Stadtrat im November 1999 gehört zu den dunklen Kapiteln der Kommunalpolitik. Er rüttelte die politische Landschaft in der Kommune gehörig durch und bescherte den Sozialdemokraten ein mittelschweres Erdbeben, in dessen Folge fast 40 Genossen wegen des Umgangs ihrer Partei mit der Krise und mit einem verdienten Weggefährten aus der Partei austraten.

Die Krise – die der Kulturredakteur Werner Kurz für den HANAUER ANZEIGER journalistisch begleitet – kam vor20 Jahren durch eine Unterschlagungsaffäre in Gang, deren Auswirkungen den damaligen Kulturdezernenten und Stadtrat Klaus Remer sein Amt kostete und der Hanauer SPD erheblichen Schaden zufügte. Damals entwendete der Vorsitzende des Histo(e)rischen Theaters 46 000 Mark aus der Vereinskasse. Weil er das Geld zurückzahlte, informierte Remer nicht den Magistrat. Das und ein Verstoß gegen den Datenschutz beendeten seine politische Karriere.

17 Jahre Fraktionsvorsitzender

Im Jahr 1985 ist der Oberstudienrat, der an der Karl-Rehbein-Schule unterrichtet, schon 17 Jahre Fraktionsvorsitzender der Sozialdemokraten, was für die integrative Kraft und den Führungsstil des bereits 1964 ins Stadtparlament eingezogenen Genossen spricht. In seine Zeit fallen wichtige Weichenstellungen für die Stadt wie die Gebietsreform oder der Bau der A 66.

Nun wird er in den hauptamtlichen Magistrat gewählt und soll sich mit Elan einer neuen Aufgabe widmen: Dem neu geschaffenen Kulturdezernat, Remer packt die neue Aufgabe mit großen Plänen an. Die Stadt, in der Bürger mit dem Autoaufkleber „Nichts los in Hanau“ herumfahren, will ihr Image verbessern. Bis dahin hatte der damalige Oberbürgermeister Hans Martin das Ressort nebenbei mitverwaltet. Neben dem rührigen Kulturverein, der 1987 gegründet worden war und etablierten Bereichen wie der Volksbühne oder dem Museum war das Angebot eher dürftig.

Das ändert sich, als Remer das kulturelle Feld bestellt. Er beschert der Stadt einen Skulpturenpark, in dem Künstler ihre modernen Werke ausstellen. Er macht die Brüder-Grimm-Märchenspiele, damals noch eine mit viel Kreativität und Improvisationsvermögen aus der Taufe gehobene Veranstaltung, zu einer festen Größe im Kulturleben. Und er treibt den Bau eines „Hanauer Theater- und Kulturzentrums“ voran, woraus der Congress Park Hanau hervorgeht.

Seine Art wurde geschätzt

Remer ist anerkannt und wird für seine vermittelnde Art geschätzt. Als wären die geschulterten Aufgaben nicht genug, übernimmt er neben dem Kulturressort auch noch das Sozialressort. Der kaum ins Amt gewählte Bürgermeister Welge hatte die Segel gestrichen und erhält seine Ruhestandsbezüge auf Kosten der Hanauer Steuerzahler. Nun sieht sich der treue Parteisoldat Remer, wie es HA-Redakteur Werner Kurz in seinem Artikel vom 31. Dezember 1999 schreibt, in der Pflicht und verwaltet fortan zwei Dezernate, deren Ziele mitunter schwer zu vereinbaren sind.

Mitten in die Zeit des Wahlkampfs um das Oberbürgermeisteramt kommt die Unterschlagungsaffäre beimHisto(e)rischen Theater. Der Kulturdezernent glaubt, die Wiedergutmachung des Schadens mache ein Informieren von Magistrat und Öffentlichkeit überflüssig. Doch zwei große Frankfurter Zeitungen berichten darüber und werfen Remer Fehler in der Amtsführung vor. Die damalige Oberbürgermeisterin Margret Härtel und ihr Kämmerer Claus Kaminsky erklären, nur gerüchteweise von der Veruntreuung gehört zu haben.

Eine weitere Affäre kommt hinzu: Die Lebensgefährtin des bei der Unterschlagung ertappten, die zum Wahlkampfteam des damaligen Bürgermeisters Kaminsky gehört, soll Sozialhilfe erschlichen haben. Obwohl sich diese Vorwürfe als falsch erweisen, sind sie es, die letztlich zu Klaus Remers Abwahl führen. Ihm wird zum Verhängnis, dass er den Namen der Frau an die Presse weitergibt. Seine Partei wirft ihm vor, er habe durch die Weitergabe der Daten eine so schwere Dienstverfehlung begangen, dass er aus dem Amt gewählt werden müsse.

Zunächst Entlastung

Zwar beantragt der Gescholtene selbst beim Regierungspräsidium eine dienstrechtliche Überprüfung seines Verhaltens und das RP entlastet ihn. Dennoch setzt die SPD ein Abberufungsverfahren an, dem eine innerparteiliche Schlammschlacht mit persönlichen Beleidigungen und Diffamierungen vorausgeht.

Am 2. November 1999 wird Remer auf Antrag seiner eigenen Partei aus dem Amt als Stadtrat abberufen. 44 Stadtverordnete von 57 – ein Votum der Koalition aus SPD, CDU und Grünen – sorgen für das Ende einer über 35-jährigen Karriere des verdienten Sozialdemokraten.

Obwohl Remer nach Einstellung der staatsanwaltlichen und disziplinarrechtlichen Ermittlungen rehabilitiert ist, wird er innerhalb seiner Partei gemieden. Er leidet, wie er wenige Wochen vor seinem Tod am 25. November 2016 im Gespräch mit unserer Zeitung rekapituliert, unter dieser „Eiszeit“, fühlt sich zu Unrecht ausgegrenzt, tritt schließlich aus der SPD aus. Im Herzen bleibt Remer jedoch immer Sozialdemokrat, bleibt die Affäre ein Stachel in seinem Fleisch, auch als er den Bürgern für Hanau beitritt und weiter in Hanau Politik macht.

Aussprache im Jahr 2005

Zur Aussprache zwischen ihm und OB Kaminsky kommt es 2005. Als Geste der Versöhnung wird Remer 2006 die Aufgabe des ehrenamtlichen Kulturbeauftragten auf den Leib geschneidert, die der Ex-Stadtrat bis 2016 im gedeihlichen Miteinander mit Kaminsky ausfüllt. Fortan ist er in der SPD als direkter Vertreter des OB in Kulturfragen wieder ein gefragter Ansprechpartner.

Am 25. November 2016 stirbt Klaus Remer nach schwerer Krankheit. OB Kaminsky begleitet ihn durch die letzten Monate seines Lebens. Auch diese besondere Form der Wertschätzung mag dazu beigetragen haben, dass Remer mit der Vergangenheit endgültig seinen Frieden machen konnte.

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