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In seiner Ausgabe vom 28. März 1980 berichtete der HANAUER ANZEIGER vom Abriss des Gasthauses und Kulturzentrums „Zur Krone“. Die zuvor unter massivem Polizeieinsatz stattfindende Räumung des Gebäudes von der alternativen Hausbesetzerszene sorgte bundesweit für Aufsehen.

Abrissbirne macht „Krone“ platt

Vor 40 Jahren verschwand das erste selbstverwaltete Kulturzentrum aus Hanau

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Urige Apfelwein-Gaststätte mit Biergarten, Treffpunkt der alteingesessenen Hanauer und Mittelbücher, kulturelles Zentrum für die Jugend und ein Ort, der die Stadtgesellschaft mitunter spaltete: das war das „Gasthaus zur Krone“.

Heute ist es auf den Tag genau 40 Jahre her, dass das historische Backsteinensemble der Abrissbirne zum Opfer fiel. Bevor die „Krone“ plattgemacht wurde, stemmte sich eine Gruppe junger Leute gegen die Pläne eines Immobilienentwicklers, dort einen Supermarkt anzusiedeln. An ihren vergeblichen Kampf um den Erhalt des ersten selbstverwalteten Kulturzentrums erinnern sich heute Helmut Stichel aus Kahl und seine Lebensgefährtin Renate Tron. 

"Es war eine spannende Zeit"

Die beiden sind vor zwei Jahren von Mittelbuchen nach Kahl gezogen. „Es war eine spannende Zeit“, sagen sie unisono im Gespräch mit unserer Zeitung. Stichel war damals einer von vier Endzwanzigern, die das alte Dorfgasthaus für ein Jahr gepachtet hatten. Hartmut Behnke, Ulrike Witzler, Martin Reisbeck und Stichel wollten in der „Krone“ nicht nur einen Treffpunkt für die linke Szene schaffen, sondern auch einen Platz für die Anwohner, die dort Apfelwein und Handkäs bestellen konnten. 

Über eine Vielzahl breit gefächerter Angebote und Veranstaltungen („vom Frühschoppen über die Kaninchenausstellung bis zum Rockkonzert”) erhielt die „Krone“ eine überregionale Bedeutung. Nach Ablauf des Pachtvertrags mussten die Pächter das Haus jedoch Ende Januar 1980 an die Besitzer übergeben. „Einen Tag später wurde die 'Krone' besetzt“, erklärt Renate Tron. Sie war damals Lehrerin in Wächtersbach, lebte mit anderen Lehrern im von alten Mittelbüchern aufmerksam beobachteten „gelben Haus“ in der einzigen WG des Ortes und empörte sich wie viele ihrer Freunde über die geplante Zerstörung einer Mittelbücher Tradition. 

Damals, so berichtete der HANAUER ANZEIGER, hätte die Rettung des Gebäudes wegen behördlicher Auflagen Millionen gekostet. Geld, das niemand hatte. So kaufte ein Immobilienmakler das Anwesen im Auftrag der HL-Gruppe und plante ein Geschäftshaus mit Supermarkt. Diesen Kahlschlag wollte die alternative Szene verhindern. Fast zwei Monate lang lebten und arbeiteten dort Hanauer mit wechselnden Sympathisanten und bemühten sich mit Unterstützung aus der Mittelbuchener Bevölkerung darum, die „Krone“ zum Hanauer Kulturtreffpunkt zu etablieren. 

Abend für Abend zusammengesessen

„Abend für Abend saßen wir zusammen und diskutierten endlos darüber, wie wir die 'Krone' erhalten könnten, wir verfassten Rundbriefe an die Bürger und sprachen bei den Behörden vor“, erinnert sich Renate Tron. Das basisdemokratische Projekt fand viele Anhänger. Hilfe kam nicht nur von Lehrern und Schülern aus der Gesamtschule Bruchköbel, auch Anarchos mit schwarzem Stern und Töchter und Söhne aus bürgerlichen Familien versammelten sich dort. Der Versuch, in der besetzten „Krone“ eine Verbindung von Wohnen, Arbeiten und Leben zu verwirklichen, musste nach acht Wochen begraben werden. 

Am 27. März 1980 rückte die Polizei mit zahlreichen Beamten und Wasserwerfern an und räumte das Gebäude, indem sie die Besetzer vom Gelände trug. Danach kamen die Bagger und die Abrissbirne und machten die „Krone“ dem Erdboden gleich. Am Tag nach der Räumung zog ein Demonstrationszug mit den Hausbesetzern und Mitgliedern der Kulturszene zum Hanauer Rathaus, um die Forderung nach einem alternativen Kulturtreffpunkt vorzutragen. 

Ausgangspunkt von Initiativen und Einrichtungen

Renate Tron erinnert sich daran, dass auf dem Marktplatz jede Menge Wasserwerfer Position bezogen hatten, während im Rathaus mit Gitarrenmusik und einem mitgebrachten Sarg um den zu Grabe getragenen „Krone“ getrauert wurde. Aus der „Krone“, an deren Stelle heute ein nüchternes Geschäftsgebäude steht, gingen in der Folge der „Trägerverein für ein selbstverwaltetes Kulturzentrum Pumpstation” hervor. 

Sie war außerdem der Ausgangspunkt von Initiativen und Einrichtungen wie der Schweinehalle oder dem Brückenkopf. „Es waren spannende Zeiten“, sagt Helmut Stichel leicht wehmütig. „Bei uns traten Leute auf, die später ihren Durchbruch hatten“. Dazu gehörte nicht nur Falco, auch die Rodgau Monotones und viele inzwischen bekannte lokale Künstler gaben dort Konzerte.

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